Früher war alles schlechter Die Zeit der Banküberfälle ist vorbei

Eine Straftat stirbt aus: In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Banküberfälle enorm gesunken. Die Wahrscheinlichkeit, geschnappt zu werden, ist groß - die Täter suchen sich andere Ziele.

Raub, räuberische Erpressung auf/gegen Geldinstitute, Postfilialen und -agenturen
DER SPIEGEL (Quelle: PKS Bundeskriminalamt 2015)

Raub, räuberische Erpressung auf/gegen Geldinstitute, Postfilialen und -agenturen

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"Hände hoch, das ist ein Überfall!" Selbst im Hirn von Krimi-Muffeln startet dieser Satz ein dramatisches Kopfkino: Ein Strumpfmaskenträger fuchtelt mit seiner Knarre herum und zwingt die Sparbuchbesitzer, sich auf den Boden zu legen. Dann lässt er den Bankangestellten Bargeld in eine Tüte werfen und macht sich zum Auftakt einer Verfolgungsjagd aus dem Staub.

So oder so ähnlich - meistens glücklicherweise weniger spektakulär - haben viele hundert Bürger in den vergangenen Jahrzehnten einen Raubüberfall auf eine Bank- oder Postfiliale erlebt. Für die Betroffenen ist es ein Albtraum, ein furchtbares Erlebnis. Doch es gibt eine gute Nachricht: Das Risiko, mitten in einem dieser bewaffneten Beutezüge zu landen, ist erheblich gesunken. Erstens, weil sich Räuber viel eher andere Ziele für ihren Überfall suchen.

Zweitens, weil Banküberfälle generell ein Verbrechen der aussterbenden Art sind. In Westdeutschland zählte das Bundeskriminalamt im Jahr 1987 noch 819 Raubüberfälle auf Banken und Postfilialen. 1993, als es erstmals die gesamtdeutschen Zahlen auswertete, erreichte die Statistik ihren Höhepunkt: 1624 Mal gerieten Angestellte und Bankbesucher in einen Raub bzw. eine "räuberische Erpressung". Doch diese Zeiten sind vorbei, 2015 waren es genau achtmal weniger Fälle. Womöglich ist stattdessen die Geldautomatensprengung eine moderne Variante des Bankraubs.

Es lohnt sich schlicht nicht, eine Bank zu überfallen - denn kaum ein Verbrechen sorgt für so viel Aufmerksamkeit. Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist deswegen sehr hoch, auch dank Überwachungskameras, Alarmsystemen und DNA-Analysen. Das folgende Diagramm zeigt beispielsweise einige weit verbreitete Delikte, die eins gemeinsam haben: Sie alle werden seltener aufgeklärt als Banküberfälle.

Wer sich heutzutage Geld ergaunern will, braucht dafür keine Skimütze und kein Schießeisen mehr. Panzerknacker, die mit der Zeit gehen, haben längst umgesattelt - auf Cybercrime.

Spektakuläre Banküberfälle werden unterdessen fast schon zu Heldengeschichten, wie etwa beim sogenannten Hatton-Garden-Überfall 2015 in London, der von Hollywood-Drehbuchautoren erdacht zu sein schien. Drei Jahre raffinierte Planung, eine gewaltige Beutesumme von rund 14 Millionen Pfund, die Täter: lauter Profis mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren. Keine zwei Monate später wurden sie festgenommen.

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Dies ist die Online-Ausgabe der SPIEGEL-Rubrik "Früher war alles schlechter" von Guido Mingels. Mehr Nachrichten mit Trends zur Verbesserung der Welt gibt es auf der Themenseite: Früher war alles schlechter.

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insgesamt 11 Beiträge
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dallmann67 01.04.2017
1. Kleine Gewerbetreibende und Händler.......
sind heute das Hauptziel von Überfällen, weil es dort so gut wie keine Sicherheits- und Schutzvorkehrungen gibt, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen. Das ist in hohem Maße BESORGNISERREGEND, und die staatlichen "Sicherheitsbehörden" sind offensichtlich macht-und hilflos, sowie personell wie technisch hoffnungslos überfordert.
iffelsine 01.04.2017
2. Naja, eine normale Bankfiliale hat ja selbst kein Bargeld mehr im Tresor, mal
abgesehen davon, sie haben garkeinen Tresor mehr. Es gibt nur noch Auszahlautomaten und den Zugang haben nur noch externe Firmen. Kommen also nur noch Filialen mit Kassen in Frage - und die sind rar. Also haben sich unsere osteuropäischen Nachbarn auf die Geldausgabeautomaten spezialisiert, haben aber noch Erkennungsschwierigkeiten (klauen ganze Kontoauszugsdrucker...). Und bevor sie nur den Bagger klauen, versuchen sie noch einen Automaten auszubaggern - also Kompetenzprobleme. Kann die Kripo tatsächlich froh sein ;o)
Putin-Troll 01.04.2017
3. Schade
---Zitat--- Eine Straftat stirbt aus ---Zitatende--- Ich finde der Bankraub sollte im Sinne der Brauchtumspflege vom Staat gefördert werden. Wie wäre es denn mit einem jährlichen Bankräubertag oder Ähnliches? Da könnte man vor den Banken Würstchenbuden aufstellen und ein musikalisches Begleitprogramm organisieren, z.B. die erste Allgemeine Verunsicherung (https://www.youtube.com/watch?v=QHUjc7-2lHw). Quasi ein Event für die ganze Familie.
fantin-latour 01.04.2017
4. Zeigt nur die Scheinheiligkeit unserer Justiz
Erwischt wird man auch bei anderen Straftaten, wenn eine Kamera sie beobachtet. Aber bei Bankübefällen ist erstens das Strafmaß ungewöhnlich hoch (es gibt keinen Spielraum für Verzweiflungstäter mit krebskrankem Kind und explodierenden Behandlungskosten) und zweitens, oh Wunder, ist die Justiz in diesen Fällen erbarmungslos. Serienmissbrauchstäter oder Serieneinbrecher brauchen bei uns nicht in den Knast, Bankräuber in jedem Fall. Gute Lobbyarbeit der Banken, aber ein Zeichen, dass der Justiz die Opfer egal sind, wenn es Menschen sind, die keine Lobby haben. Und seltsamerweise darf beim Banküberfall das Strafmaß mit der Abschreckung begründet werden, das sonst verpönt ist.
Sibylle1969 01.04.2017
5. Nur Dumme überfallen eine Bank, Schlaue tummeln sich im Internet
Ich denke, dass nur noch ganz Dumme eine Bank überfallen. Erstens ist die Wahrscheinlichkeit hoch, erwischt zu werden und zweitens sind die Geldbestände zeitgesichert, d.h. die Bankangestellten können gar nicht so viel Geld auf einmal herausgeben. Die smarten Kriminellen dürften auf Internet-Kriminalität umgestiegen sein, die weniger smarten sprengen heutzutage Geldautomaten. Aber es ist noch ein Delikt zu erwähnen, von dem fast jeder schon mal Opfer geworden ist und dessen Aufklärungsquoten unterirdisch gering sind (unter 10%), sprich mit äußerst geringem Risiko für die Täter. Und wo auch die Fallzahlen nicht sinken, eher steigen. Ich spreche vom Fahrraddiebstahl. Dabei müsste die Polizei doch nur mal die Kanäle angehen, auf denen geklaute Fahrräder normalerweise verhökert werden, d.h. Flohmärkte, Ebay und Ebay-Kleinanzeigen, und dabei alle Fahrräder beschlagnahmen, für die der Verkäufer keinen Eigentumsnachweis präsentieren kann. Oder wenn hier manchmal Autos mit osteuropäischem Kennzeichen herumfahren sieht, die auf dem Anhänger 10 Fahrräder transportieren, da könnte man ja auch mal nachfragen, ob die legal erworben wurden. Ich weiß, die Polizei hat sicherlich auch wichtigeres zu tun, aber wenn das Risiko, mit einem Fahrraddiebstahl erwischt zu werden, wenigstens von 0-10% auf 50% steigen würde, dann wäre ja schon vielen geholfen. Man kann davon ausgehen, dass die Diebstahlanzeigen derzeit nur für die Versicherung erfolgen, aber dass danach keinerlei polizeilichen Maßnahmen stattfinden. Zudem dürfte die Dunkelziffer hoch sein, denn wer zeigt schon einen Fahrraddiebstahl an, wenn er keine Versicherung hat?
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