Opfer in Messerstecher-Prozess "Immer wenn ich einkaufen gehe..."

Ahmad A. stach auf Passanten und Kunden eines Supermarkts in Hamburg-Barmbek ein. Im Prozess haben nun mehrere Opfer ausgesagt - und eindrücklich erzählt, welche Folgen die Tat für sie bis heute hat.

Der Angeklagte Ahmad A. (M)
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Der Angeklagte Ahmad A. (M)

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Ingo T. ist immer noch krankgeschrieben, sechs Monate nachdem er die Messerattacke des angeklagten Ahmad A. in einem Hamburger Supermarkt überlebt hat. "Körperlich geht es wieder halbwegs, psychisch und seelisch ist es schwieriger", sagt der 56-jährige Redakteur vor dem Hamburger Oberlandesgericht.

Am 28. Juli 2017 stach Ahmad A., 26, im Stadtteil Barmbek auf Passanten und Kunden eines Supermarktes ein. Ein 50-Jähriger starb, sechs Menschen wurden verletzt. A. muss sich deshalb wegen Mordes, versuchten Mordes sowie gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass er aus einer islamistischen Gesinnung heraus handelte. Der Angeklagte habe so viele deutsche Staatsangehörige christlichen Glaubens wie möglich ermorden wollen, und zwar als "Beitrag für den weltweiten Dschihad gegen Ungläubige", heißt es in der Anklageschrift. A. hatte sich über seinen Anwalt am ersten Prozesstag schuldig bekannt.

Nun, am zweiten Prozesstag, kommen die Opfer zu Wort. Die Tat hat einige von ihnen bis heute sichtlich verstört - und alle wurden Opfer, nur weil sie gerade einkaufen gingen oder zufällig in der Nähe waren.

Angriff an der Wursttheke

Ingo T. stand an der Wursttheke, als er einen Tumult mitbekam. Da sei Ahmad A. schon sehr schnell auf ihn zugekommen. "Er holte mit dem Messer aus und stach mir in die Brust." Der Angeklagte habe das Messer dann wieder herausgezogen und erneut auf ihn eingestochen, in den Arm und ins Bein.

Der 56-Jährige überlebte das Attentat nur dank einer Notoperation. Er glaubt zwar, dass er seinen Beruf irgendwann wieder ausüben kann, ist wegen der psychischen Folgen der Tat aber noch in Behandlung. Ingo T. erzählt das alles sehr strukturiert, trotzdem ist ihm anzumerken, wie sehr ihn die Aussage anstrengt - ähnlich wie die übrigen Betroffenen.

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Messerattacke in Hamburg: Der Prozess gegen Ahmad A.

Dirk M., 57 Jahre alt, Hausmeister, wirkt fahrig, aufgeregt. Blickkontakt zu Ahmad A. vermeidet er. "Der hat auf mich eingedroschen mit diesem Riesenmesser, wie ein Geisteskranker", sagt er. "Ich war völlig überrascht, ich habe da ja nicht mit gerechnet."

Er sei total schockiert gewesen, sagt Dirk M. Er erlitt eine zehn Zentimeter lange Stichverletzung am Arm. Wäre er nicht direkt in der Notaufnahme behandelt worden, wäre er verblutet, sagt der 57-Jährige. Ahmad A. habe ihn angegriffen, als er vor dem Supermarkt sein Fahrrad abstellen wollte.

"Plötzlich hatte ich ein Messer in der Brust"

Dort traf Ahmad A. auch auf Jan H. Er habe noch versucht zu flüchten, sagt der 19-Jährige. Aber Ahmad A. habe ihm ein Messer in den Rücken gestochen. Er sei monatelang krankgeschrieben gewesen, leide bis heute unter Schmerzen und müsse oft an die Tat denken.

Klaus-Peter H., 65 Jahre alt, arbeitsloser Elektriker, berichtet, wie er mehrere Menschen teilweise schreiend aus dem Supermarkt habe rennen sehen, darunter den Angeklagten. "Und plötzlich hatte ich ein Messer in der Brust", sagt der 65-Jährige. Die körperlichen Schmerzen hätten inzwischen langsam nachgelassen, aber die seelischen… nicht.

"Immer wenn ich jemanden sehe, gucke ich ihm auf die Hände. Immer wenn ich einkaufen gehe…..." Der 65-Jährige bricht ab, seine Stimme versagt. Der Richter lässt es gut sein. Er fragt ebenso wie Staatsanwälte und Nebenklage-Vertreter auffällig wenig nach. Die meisten Zeugenaussagen dauern nur einige Minuten.

"Ich kann nicht sagen, dass das spurlos an mir vorübergegangen ist"

Die 31-jährige Lehrerin Evelyn P. kämpft nach den ersten Sätzen mit den Tränen. Ahmad A. hatte ihr einen Schlag mit dem Messer versetzt, als sie ihm auf dem Fahrrad entgegenkam. Sie habe Prellungen erlitten und befinde sich bis heute in einer Traumatherapie. "Ich kann nicht sagen, dass das spurlos an mir vorübergegangen ist."

Zuletzt fügte der Angeklagte offenbar der Krankenschwester Angela A., 50, einen Messerstich zu, als er vor mehreren Menschen flüchtete, die versuchten, ihn mit Stühlen bewaffnet aufzuhalten. Mehr als vier Wochen sei sie krankgeschrieben gewesen, sagt Angela A. Psychische Folgen habe die Tat für sie aber nicht.

SPIEGEL TV Magazin über Barmbeker Attentäter

Ahmad A. hört all diesen Berichten aufmerksam zu. Anscheinend unbeeindruckt. In einem ersten Verhör bei der Polizei soll er gesagt haben: "Ja, ich bin ein Terrorist." Die Behörden gehen bei dem abgelehnten Asylbewerber von einem Einzeltäter aus, der sich selbst radikalisierte. A. hatte eine Odyssee durch mehrere Länder Europas hinter sich. Schließlich wollte er wohl ausreisen, doch das scheiterte an fehlenden Papieren. Nun droht ihm lebenslange Haft.

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