Amish vor Gericht Rächer mit Rasierer und Schere

Für die Welt war es eine Skurrilität, für die Amish ein perfider Gewaltakt: Im Herbst 2011 überfielen Mitglieder einer Splittergruppe Glaubensbrüder, rasierten den Männern die Bärte und den Frauen die Köpfe. Jetzt begann der Prozess, den Tätern drohen bis zu 20 Jahre Haft.

AP/ Jefferson County Sheriffs Department

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Cleveland/Hamburg - Am späten Montagnachmittag deutscher Zeit hat in Cleveland ein Prozess begonnen, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Auf der Anklagebank sitzen 16 Amish, Mitglieder jener seltsamen christlichen Sekte, die für ihre friedliche Lebensweise weltweit berühmt sind. Dass es auch unter den Amish Straftaten gibt, ist nicht neu - wohl aber, dass es um einen innerreligiösen Konflikt geht, der nach Maßstäben der Amish mit beispielloser Gewalt ausgetragen wurde.

Was Mitglieder der sogenannten Bergholz-Gemeinde um den charismatischen Prediger Samuel Mullet Sr. im Herbst 2011 verbrachen, mutet für Außenstehende wie ein skurril anmutender Streit unter religiösen Fundamentalisten an. Für die Amish aber - und auch für die Staatsanwaltschaft - handelt es sich um eine Entführung, ein religiös motiviertes Hass-Verbrechen mit Körperverletzung, Beweismittelvernichtung und Verabredung zu kriminellen Taten.

Die Mitglieder der amerikanischen Amish-Gruppen gelten als Pazifisten. Sie sind fundamentalistische Christen, die nach Regeln leben, die sie sich im 17. Jahrhundert gegeben haben. Moderne Errungenschaften kommen darin nicht vor, viele der Amish lehnen Strom und Medien, Pharmaka und Motorfahrzeuge, Telekommunikationsmittel und auch das Gewaltmonopol des Staates ab: Sie regeln ihre Dinge selbst, in wörtlicher Befolgung biblischer Gebote. Maxime ihres Zusammenlebens ist das gottgefällige, friedliche Miteinander, selbst dann, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. So erlebten die Kirchen der Amish etliche Spaltungen, ohne dass dies aber jemals zu Gewalt geführt hätte.

Weil das so ist, erregten die Übergriffe vom Herbst 2011 weltweit Aufmerksamkeit. Und auch die Amish selbst erschreckten die Vorgänge derart, dass sie sich an den Staat wandten und Anzeigen gegen die Täter erstatteten.

Kirchenspaltung: nicht ungewöhnlich, aber ungewöhnlich ruppig

Angeklagt sind gewissermaßen die Frommsten der Frommen, zumindest nach deren eigenem Verständnis. Samuel Mullet Sr. gehörte bis 1995 zu den extrem konservativen Old Order Amish, die als besonders rückwärtsgewandt gelten. Doch für Mullet legten die Oberen der Old Order Amish die Worte der Bibel noch nicht streng genug aus. Seine Bergholz-Gemeinde entwickelte sich in zu einer radikalfundamentalistischen Gruppierung, die selbst von konservativen Amish zunehmend als Sekte wahrgenommen wurde.

Mullet soll extrem autoritär sein und empfindliche Strafmaßnahmen gegen Abweichler befürworten. In den Vorverhandlungen des Prozesses berichteten ehemalige Mitglieder der Mullet-Gruppe, wie Samuel Mullet sie von "unreinen Gedanken" heilte, indem er sie über Tage in Hühnerställe sperrte oder sie nötigte, sich gegenseitig mit Holzpaddeln zu verprügeln. Mullet spielte den autokratischen Gemeindepatriarchen, der von der Gerichtsbarkeit bis zur "Beratung" in sexuellen Dingen alles kontrollierte. In mehreren Fällen soll er junge, "unbefriedigte" Frauen genötigt haben, ihre Männer zu verlassen und mit ihm zu leben, damit er sie "reinigen" könne. Mullet hat mindestens 17 Kinder mit verschiedenen Frauen.

Im Verlauf der letzten Jahre haben sich etliche seiner Gemeindemitglieder abgesetzt, einige klagten öffentlich über Gehirnwäschen und drakonische Strafen. Einer davon war sein Sohn Bill Mullet, der in einer Nachbargemeinde im Haus von Myron Miller Unterschlupf fand.

Abschneiden der Haare ist für die Amish eine erhebliche Körperverletzung

Miller war einer von mehreren Old Order Amish, die in den Abendstunden des 3. Oktober 2011 Besuch von Mitgliedern der Bergholz-Gemeinde bekamen. Vor Gericht verhandelt werden nun fünf dokumentierte Attacken, von denen die erste bereits am 6. September 2011 erfolgte.

Zwölf Mitglieder der Bergholz-Gemeinde fuhren in den späten Abendstunden in eine Nachbargemeinde. Sie klopften an eine Haustür, wurden hereingelassen. Drinnen überwältigten sie die Bewohner und rasierten dem Mann den Bart und der Frau die Haare ab. Die Opfer schlossen sich der Klage gegen die Bergholz-Gemeinde nicht an: Sechs der Täter waren ihre eigenen Kinder - was zeigt, in welchem Maße die Amish-Gemeinden durch die Mullet-Gruppe gespalten wurden. In fünf anderen Fällen erstatteten die Opfer Anzeige.

Haare und Hauben der Frauen, die ihr Haar in der Regel nicht offen tragen, nahmen die Täter als Beweis mit zum Auftraggeber: Samuel Mullet nahm an keinem der Überfälle teil.

Ziele der Angriffe waren die Amish, die Mullet öffentlich kritisiert hatten. Zumindest in einzelnen Fällen dürfte es aber auch um Rache gegangen sein: Neben dem Bischof einer Old-Order-Amishgemeinde, der sich gegen Mullet gestellt hatte, wurden am 3. Oktober auch Myron Miller und seine Frau Opfer eines solchen Überfalls - das Ehepaar, das Bill Mullet Unterschlupf gewährt hatte, als der aus der Sekte seines Vaters floh. Die Anklage wirft Samuel Mullet vor, alle Übergriffe geplant und orchestriert zu haben. Unter den Hauptangeklagten sind vier seiner Söhne, ein Schwiegersohn und ein Neffe.

Die lehnten im Vorfeld des Prozesses jeden Kompromiss ab. Mullet spricht Vertretern des Staates das Recht ab, über seine Taten zu Gericht zu sitzen. So wie der Staat beispielsweise Verkehrssünder für die Verletzung von Regeln bestrafen könne, habe er, Mullet, das Recht, über religiöse Dinge zu richten. Ein Angebot der Staatsanwaltschaft, sich im Gegenzug für ein Geständnis auf eine Haftstrafe von zwei bis drei Jahren zu einigen, lehnten Mullet und seine Mitangeklagten - zehn Männer und sechs Frauen - ab. Sollten sie in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen werden, könnte ihnen eine Haftstrafe bis zu 20 Jahre drohen.



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Seite 1
matthias_b. 27.08.2012
1. Man kann sagen was man will
...aber immerhin schneiden radikale Amish nur Haare ab, keine Köpfe.
friedenspfeife 27.08.2012
2. Komische Kauze
und auch noch inkonsequent. Lehnen das staatliche Gewaltmonopol ab - aber wenns von "Glaubensbruedern" was an die bzw. von den Backen gibt, wird der doch so unwillkommende Staat um Hilfe gerufen. Was fuer eine Sekten(Insekten) Welt.
herr minister 27.08.2012
3. Gleiches Recht für alle
Sehr gut, diese Typen vor Gericht und abgeurteilt. So wie das in vergleichbaren Fällen bei uns auch gehandhabt werden sollte. Religionsfreiheit schön und gut. Wenn man aber mit der bestehenden Gesetzeslage nicht klarkommt in der Gesellschaft des Staates, der einem genau diese Freiheit zugesteht, dann soll man eben die Konsequenzen tragen oder sich einen neuen Staat suchen auf dessen Territorium man Mittelalter spielen kann. Mir passt hier auch vieles nicht. Ich bin atheistischer Anarchist, d.h. meine Religion erlaubt mir über rote Ampeln zu fahren. Mal schauen, was der Richter dazu meint.
ganta 27.08.2012
4. Wahnsinn
Also ich weiß nicht was mich mehr erschreckt bzw. belustigt. Das die jemanden den Kopf rasieren oder die Bärte ab oder das sie dafür bis zu 20 Jahre in den Bau gehen.
justicefan 27.08.2012
5. Wenn man sich
das Strafmaß ob dieses Deliktes ansieht, dann frage ich mich, warum denn die 2 Jahre Haft für die Mädels von Pussy Riot so furchtbar überzogen sein sollen.
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