Bayern Bauer Rudi, ein grausiger Mord und das falsche Geständnis

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2. Teil: Warum sich die Beschuldigten belasteten


"Aus den vorliegenden Vernehmungsprotokollen ergibt sich, dass die Beschuldigten in weiten Teilen ohne anwaltlichen Beistand stundenlang vernommen worden sind", so Wittmann. "Die diesen Vernehmungen zum Teil vorausgegangenen Vorgespräche wurden nicht protokolliert. Was in dieser Zeit besprochen wurde, kann somit bisher nicht nachvollzogen werden."

Rupps Töchter Andrea und Manuela - zur Tatzeit 15 und 16 Jahre alt - wurden nach 23 Verhandlungstagen zu Jugendstrafen von zweieinhalb und dreieinhalb Jahren wegen Beihilfe verurteilt, weil sie die angeblich geplante Tat nicht verhindert hätten.

Manuela Rupp wird von der Münchner Rechtsanwältin Regina Rick vertreten. Auch sie ist überzeugt, dass es zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens kommen muss: "Welches Verfahren, wenn nicht dieses, sollte neu aufgerollt werden? Der Leichenfund und dessen Zustand beweisen, dass die Urteile des Landgerichts Ingolstadt vollkommen falsch sind", sagt Rick SPIEGEL ONLINE.

Anwalt Norbert Feldmeier, der Manuela Rupp im Prozess verteidigt hatte, hatte bereits im ersten Verfahren gesagt: Die Aussagen seiner Mandantin seien "reine Phantasie". Gutachter stuften die damals 16-Jährige zudem als minderintelligent ein.

"Ich gehe von einem Freispruch aus"

Erst nach Monaten in Haft hätten die Beschuldigten "sehr detailreich die Tötung und die angebliche Verfütterung" gestanden, sagt Rick. "Die jetzt widerlegten 'grausigen' Details wurden teilweise nach wochen- und monatelanger Inhaftierung, teilweise bereits am Anfang der Vernehmungen, und zwar nach und nach von drei der vier Beschuldigten erzählt und stimmten am Ende zum Teil fast wortgleich überein."

Die Verteidiger halten daher eine Absprache unter den Beschuldigten für ausgeschlossen. "Die einzig denkbare Möglichkeit wie die Beschuldigten auf diese Details gekommen sein können, ist aus meiner Sicht somit die, dass die Details von den vernehmenden Beamten bekannt gemacht worden sind", sagt Rick. Ihrer Meinung nach sei Rudolf Rupp nicht durch Fremdverschulden gestorben. "Ich gehe von einem Freispruch aus."

Die Pflichtverteidiger müssen laut Staatsanwaltschaft nun Tatsachen zusammentragen, "die einen Freispruch oder ein milderes Urteil erwarten lassen". Nur dann wird ihr Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens gestattet.

Rausch, Selbstmord, Totschlag oder Mord

"Die Gründe für eine Wiederaufnahme liegen mit der unversehrten Leiche bereits auf dem Tisch", sagt Rick. "Wir tragen aber noch Indizien für die Suizid-Version, die aus meiner Sicht am wahrscheinlichsten ist und in deren Richtung seinerzeit kaum ermittelt wurde, zusammen."

Dass Angeklagte Geständnisse widerrufen, gehört zum Alltag von Ermittlern, Anwälten und Richtern. Im Fall des bis heute verschwundenen Jungen Pascal in Saarbrücken kann ein Widerruf auch zum Freispruch der Angeklagten führen.

Dass sich im Fall Rudolf Rupp allerdings Menschen selbst beschuldigen, bis ins kleinste Detail einen angeblichen Tathergang schildern und in allen Einzelheiten rekonstruieren, das hält selbst Helmut Walter, Leitender Oberstaatsanwalt von Ingolstadt, für "verwunderlich". "Der Fall ist sicher ungewöhnlich", sagt der Chefermittler SPIEGEL ONLINE. Eine Wiederaufnahme allerdings sieht er nicht als selbstverständlich und hält an den Tatvorwürfen fest.

Unfall im Rausch, Selbstmord, Totschlag oder Mord - im Fall Rudolf Rupp scheint wieder alles möglich.



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