Synthetische Drogen "Toxisches Roulette"

Sieht wie Cannabis aus, wird über professionelle Internetshops gehandelt - und ist brandgefährlich: Ein Fahndungserfolg der bayerischen Polizei zeigt, wie sich der Markt für synthetische Drogen wandelt.

Polizeibeamter im bayerischen Kriminalamt neben der Präsentation einer Drogenproduktionsstrecke
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Polizeibeamter im bayerischen Kriminalamt neben der Präsentation einer Drogenproduktionsstrecke

Von , München


Zwei Polizisten mit Sturmhaube und Maschinenpistole bewachen die Beweismittel. Die sehen auf den ersten Blick eher harmlos aus: Säcke mit Damianakraut und Nutzhanf, Kanister mit Lösungsmitteln, dazu ein Küchenmixer und diverse Paar Luxusschuhe der Marken Versace, Gucci oder Tod's.

Doch die Schuhe sind das einzig wirklich Harmlose in dieser Auflistung, ein Drogenproduzent gönnte sich die edle Fußbekleidung von seinen üppigen Erlösen. Mit dem Rest der Accessoires stellte er seine Ware her: So genannte "neue psychoaktive Stoffe" (NpS) - bis vor kurzem noch unter dem irreführenden Namen "Legal Highs" bekannt.

Ein Termin im Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) am heutigen Donnerstag illustrierte, wie wandlungsfähig die Drogenszene ist - und wie gefährlich die hergestellten Substanzen. Dem LKA gelang gemeinsam mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft im fränkischen Ansbach ein spektakulärer Fahndungserfolg: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach vom "bislang größten Ermittlungsverfahren in Bezug auf neue psychoaktive Stoffe in ganz Deutschland".

20.000 Kunden in 30 Webshops

Worum genau geht es? Sechs Männer sind des gewerbsmäßigen Handels mit Betäubungsmitteln angeklagt, insgesamt wird gegen 42 ermittelt, der 32-jährige Haupttäter ist geständig. Der Händlerring bediente rund 20.000 Kunden und setzte eine sechsstellige Summe um, insgesamt mit rund einer Tonne an Substanzen, die über 30 verschiedene Webshops vertrieben wurde. "Eine offene Szene können wir auch im Internet nicht akzeptieren", so der Münchner Kriminaldirektor Jörg Beyser.

Viele Aspekte des neuen Falles erinnern an andere aufgedeckte Drogenringe: Die Bestellung per Internet in professionell administrierten Shops, der Versand per Post oder das arbeitsteilige Vorgehen in einer Kette von Packern und Portionierern.

Relativ unbekannt sind hingegen die gehandelten Substanzen, zumeist synthetische Cannabinoide. Sie haben mit THC, dem wichtigsten berauschenden Stoff von Cannabis, nichts zu tun. Nur die Anmutung als Kräutermischungen oder Badesalze, die häufig anzutreffen ist, erinnert an traditionelle Kifferware. Auf dem Markt kursieren derlei Designerdrogen unter Kürzeln wie AK47 oder U47-700 im Fall eines synthetischen Opioids. Es handele sich um harte Drogen, betont Michael Uhl vom LKA: "Man kann durchaus von einem toxischen Roulette sprechen."

Wirkstoffe aus China

Im Fall des fränkischen Drogenrings kamen die Wirkstoffe aus China, der Haupttäter vermischte sie in zwei Drogenküchen in München und in Dinkelsbühl mit den Kräutern. Er habe dabei eine Maske getragen, erzählen die Fahnder, denn er wusste, mit was er hantierte. Nicht jedoch seine Weiterverkäufer. "Noch nicht einmal die Täter wussten, was sie verkaufen", so der Ansbacher Staatsanwalt Michael Schrotberger.

Die Konsumenten gingen noch viel größere Risiken ein. Nach Zahlen des bayerischen Innenministeriums starben im Jahr 2016 in Bayern 40 Menschen an den neuen psychoaktiven Stoffen, 2017 seien es 37 gewesen, 2018 dann nur noch acht, weil eine hochgefährliche Substanz inzwischen vom Markt verschwunden ist.

Verdächtig riechende Pakete

Ständig kommen neue Produkte aus den Drogenlabors, Justiz und Polizei versuchen Schritt zu halten. Früher ging es noch um Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz. Mittlerweile fallen ganze Stoffgruppen unter die Strafbarkeit im NpS-Gesetz, das erst seit November 2016 in Kraft ist. Diese Stoffe auf Kräuter aufzubringen, die Konsumenten dann rauchen können, erfordere keine speziellen Kenntnisse, erläutert Uhl: "Das könnte sogar ein Grundschüler machen."

Der Haupttäter war wegen einschlägiger Delikte vorbestraft und hatte bereits in Haft gesessen. Bis zu 60.000 Euro im Monat soll der Haupttäter mit der Produktion der NpS verdient, bis zu seiner Festnahme mehr als eine Million Euro umgesetzt haben. Der Mann habe einen "exzessiven Lebensstil" gepflegt, so die Ermittler.

Auf seinen Handel kamen die Ermittler dank der Mitarbeiterin eines Paketshops. Ihr war ein starker Geruch aus mehreren Sendungen aufgefallen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, die Beweisstücke bei dem LKA-Termin seien von Polizisten mit Maschinengewehren bewacht worden, tatsächlich waren es Maschinenpistolen. Der Fehler wurde korrigiert.

insgesamt 18 Beiträge
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Trollflüsterer 14.03.2019
1.
Die Verbindung zwischen U47-700 und Cannabinoiden die im Artikel hergestellt wird ist falsch. U47-700 ist ein gefährliches Opioid. https://en.wikipedia.org/wiki/U-47700 - - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben es präzisiert. MfG Redaktion Forum
1911 14.03.2019
2. Super Drogenpolitik
Wenn genau schützt die Drogenpolitik eigentlich? Den Konsumenten wohl kaum. Und zu glauben die ließen sich von verboten abschrecken ist naiv. Ich bezweifle das eine Legalisierung von Cannabis so schlimm sein kann. Dieses Teufelszeug.
istdochallesnichtwahr 14.03.2019
3. kontrollierte abgabe
dann gebt weiche drogen wie cannabis halt endlich kontrolliert frei und dieses problem hat sich erledigt. wer dann immer noch diesen dubiosen kram aus dem darknet bestellt ist selber schuld. momentan ist es aber der einzige weg halbwegs unstressig an cannabis zu kommen, und das ist traurig genug!
Teutonengriller 14.03.2019
4. Also alle weichen Drogen freigeben
ist auch keine Lösung. Freigabe für anerkannte Süchtige oder Kranke, aber komplette Freigabe? Das wäre der Einstieg für Kinder und Jugendliche. Irgendwas zum Bedröhnen findet sich sowieso immer
dirkozoid 14.03.2019
5. @Teutonengriller
Das Märchen von der Einstiegsdroge ist doch schon seit Ewigkeiten widerlegt. Und an welche weichen Drogen außer Cannabis denken Sie denn?
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