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31. Mai 2012, 06:05 Uhr

Anklage gegen Bayern-Spieler

Brenos schlimmste Nacht

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Bei Bayern München galt Vinicius Rodrigues Borges, genannt Breno, als großes Abwehrtalent. Dann soll der von Verletzungen geplagte Brasilianer sein Haus in München angezündet haben. Nun steht der Prozess bevor. Die Anklageschrift offenbart Details der Tat eines Verzweifelten.

Es war ein leiser Abschied nach vier Jahren beim deutschen Rekordmeister. Breno trug ein schwarzes Hemd, darunter ein weißes T-Shirt und er blickte nach unten, als ihm Karl-Heinz Rummenigge vergangene Woche am Rande der Partie FC Bayern gegen die niederländische Auswahl die Hand schüttelte. Mit gesenktem Haupt nahm der 22-jährige Brasilianer den Strauß aus weißen Rosen und roten Flamingoblumen entgegen.

Es war der Abschied eines Spielers, der bei seiner Ankunft als Talent gefeiert wurde, aber wegen seiner Verletzungen lange nicht zum Einsatz kam - und schließlich unter dem Verdacht, in der Nacht zum 20. September vergangenen Jahres sein Haus in München-Grünwald angezündet zu haben, festgenommen wurde.

Vinicius Rodrigues Borges, so Brenos richtiger Name, ist inzwischen unter Auflagen auf freiem Fuß. In der kommenden Woche beginnt vor der 12. Strafkammer des Landgericht Münchens der Prozess gegen ihn. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Am Abend vor der Tat sollen sich laut Anklageschrift turbulente Szenen abgespielt haben in der Villa des Profifußballers, in der er seit Oktober 2010 mit seiner Ehefrau Renata, deren beiden Kindern und dem gemeinsamen, zweijährigen Sohn wohnte. Ein zweigeschossiges Einfamilienhaus mit acht Zimmern, Schwimmbad, Sauna und angrenzender Einliegerwohnung.

Breno war offenbar angespannt. Am Morgen hatte er erfahren, dass er wegen seiner Knieverletzung vermutlich operiert werden sollte. Im März 2010 hatte er einen Kreuzbandriss erlitten, seit Mai 2011 plagte ihn eine Verletzung am Innenmeniskus. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft nahm er die Nachricht an jenem Tag "mit Enttäuschung auf, da er die Hoffnung gehegt hatte, dass er als Fußballspieler bald wieder voll einsatzfähig sein würde".

Breno begann zu trinken. "Er war darüber verärgert, dass es ihm aufgrund seines alkoholisierten Zustandes und des Umstandes, dass er am nächsten Tag frühmorgens bei der ärztlichen Untersuchung erscheinen musste, verwehrt war, an diesem Abend mit Bekannten das Oktoberfest zu besuchen", heißt es in der Anklageschrift. Am Abend sei es zum Streit zwischen ihm und seiner Ehefrau Renata gekommen, die sich an seinem Alkoholkonsum störte, Breno habe im Verlauf der Auseinandersetzung dreimal das Grundstück verlassen, sei aber immer wieder nach wenigen Minuten zurückgekehrt.

Der FC Bayern zahlte die 500.000-Euro-Kaution

Gegen 22.40 Uhr soll sich Breno laut Staatsanwaltschaft aus einer Küchenschublade einen Gegenstand geholt haben und damit "in emotional aufgewühltem Zustand" aus dem Haus gelaufen sein. Weil die Ehefrau des Profifußballers vermutete, dieser habe sich ein Messer genommen und die Situation könnte eskalieren, flüchtete sie gegen 23 Uhr mit den drei Kindern zu Bekannten. Auch der Manager des FC-Bayern-Profis, der aus Brasilien zu Besuch gewesen war, verließ das Anwesen.

Breno soll zurückgekehrt und durch Grünwald geirrt sein - auf dem Fahrrad, mit 1,6 Promille Alkohol im Blut. Im Rausch stürzte er, zog sich eine Platzwunde zu und radelte wieder zurück zur Villa. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass er auf dem Rückweg den Entschluss fasste, das Haus anzuzünden.

Fünf Minuten nach Mitternacht soll er demnach mit Hilfe von drei Feuerzeugen und vermutlich Benzin oder Alkohol Einrichtungsgegenstände im Erdgeschoss und im Obergeschoss des Haupthauses, im Fernsehzimmer der Einliegerwohnung sowie im Gästezimmer des Untergeschosses angesteckt haben.

Bereits zehn Minuten später soll er aus dem Haus gestürzt sein und versucht haben, mehrere Nachbarn zu alarmieren. In die Gegensprechanlage eines angrenzenden Hauses rief er nach Angaben der Staatsanwaltschaft: "Feuer, Feuer, brennt!" Der Hauseigentümer rief um 0.25 Uhr die Feuerwehr. Als diese eintraf, brannte die Villa bereits lichterloh. Der verursachte Sachschaden beläuft sich auf etwa eine Million Euro.

"Der Junge geht kaputt"

Die Ermittler kamen dem Profisportler schnell auf die Spur: Breno kam in Untersuchungshaft und wenig später unter strengen Auflagen wieder frei. Der FC Bayern legte dafür 500.000 Euro Kaution auf den Tisch. Von jeher hatte der Club ihn unterstützt. Er könne "einer der besten Innenverteidiger der Welt" werden, sagte der heutige Bayern-Präsident und frühere Manager Uli Hoeneß damals über seinen brasilianischen Neueinkauf. Ein Riesentalent, so hoffte es der Rekordmeister, habe man da für gut zwölf Millionen Euro in den Kader geholt.

Bei den Bayern konnte Breno diese Hoffnungen nie erfüllen. Doch er könnte noch eine Chance bekommen, wenn auch nicht in München. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" soll er Angebote von Lazio Rom und Inter Mailand haben. Für welchen Verein er in Zukunft spielen wird, hängt vom Urteil ab. Wichtig im Verfahren vor dem Landgericht München wird auch das Gutachten des Psychiaters sein. Breno, der seit einer polizeilichen Vernehmung die Aussage verweigert und die Tat nicht gestanden hat, hat harte Zeiten durchgemacht. Hoeneß wies deshalb nach Brenos Festnahme auf die problematische "Gesamtsituation" im Leben des Brasilianers hin. "Einen jungen Mann ins Gefängnis zu stecken, der depressiv ist, schlägt dem Fass den Boden aus. Der Junge geht kaputt", so der FC Bayern-Präsident. "Er ist sehr betrübt. Wie ich es sehe, ist er krank und braucht Hilfe", sagte damals Brenos Anwalt Werner Leitner.

Breno stammt aus der Stadt Cruzeiro im Bundesstaat São Paulo. Mit 18 Jahren kam er zum FC Bayern und wartete auf den großen Durchbruch. Unter Jürgen Klinsmann und vor allem unter Louis van Gaal spielte er jedoch kaum eine Rolle. In Nürnberg, wohin Breno für ein halbes Jahr ausgeliehen wurde, erlitt er dann jene schwere Knieverletzung, die laut Münchner Ermittler im Vorfeld der Tat eine Rolle spielt.

Schon vor einem Jahr gestand Breno, der in dreieinhalb Jahren bisher nur 21-mal für den FC Bayern in der Liga auflief, in der "Bild am Sonntag": "In Brasilien hatte ich weniger Geld und weniger Luxus, aber ich war ein glücklicher Mensch. Hier habe ich Geld, aber mir fehlt alles andere."

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