Missbrauchsvorwurf gegen Tory-Politiker: BBC-Chef stürzt über Falschbericht

Die Krise der BBC erreicht einen neuen Höhepunkt: Am Abend ist George Entwistle zurückgetreten, der Chef des britischen Senders. Er übernahm die Verantwortung für einen TV-Bericht, in dem Kindesmissbrauchvorwürfe gegen einen Tory-Politiker verbreitet wurden - später erwiesen sie sich als falsch.

REUTERS

London - Die BBC kommt nicht zur Ruhe: Erst der Skandal um den ehemaligen BBC-Star Jimmy Savile, jetzt falsche Missbrauchsanschuldigungen gegen einen britischen Ex-Politiker. Der Direktor des Senders zieht nun Konsequenzen: "Ich habe entschieden, dass es die angemessene Reaktion ist zurückzutreten", sagte George Entwistle am Samstagabend in London.

Zuvor war ein BBC-Bericht in der Sendung "Newsnight" ausgestrahlt worden, der Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen den früheren Politiker Alistair McAlpine enthielt. Diese erwiesen sich als falsch. Auch umfangreiche Entschuldigungen des Senders konnten die immer größeren Turbulenzen nicht beenden. Der Film hätte niemals gezeigt werden dürfen, sagte Entwistle nun.

Er räumte ein, dass der Bericht dem Vertrauen in die BBC geschadet habe, er habe jedoch keine Kenntnis von der umstrittenen Sendung gehabt und hätte sich gewünscht, die Journalisten hätten sich an ihn gewandt.

Fotostrecke

11  Bilder
Falsche Verdächtigung: BBC-Boss schmeißt hin
Entwistle hatte den Job erst vor zwei Monaten übernommen. Vor der BBC-Zentrale in London sagte er, die inakzeptablen journalistischen Standards und der "schlampige" Journalismus bei "Newsnight" hätten ihn zu dem Schritt bewegt. Als Generaldirektor sei er "letztlich verantwortlich für den gesamten Inhalt" der BBC-Sendungen. Als er mit 23 Jahren Erfahrung als Produzent und Leiter bei der BBC an die Spitze des Senders berufen worden sei, sei er die anstehenden Herausforderungen und Chancen zuversichtlich angegangen, sagte er. "Aber nach den gänzlich ungewöhnlichen Ereignissen der vergangenen Woche bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass die BBC einen anderen Direktor berufen sollte."

Ex-Tory-Schatzmeister nennt Bericht "schwer verleumderisch"

"Newsnight", eigentlich das investigative Aushängeschild des Senders, berichtete am 2. November über neue Erkenntnisse zum systematischen Kindesmissbrauch, der sich in Heimen im nordwalisischen Wrexham in den siebziger Jahren ereignet hat. In diesem Beitrag wurde auch über Steve Messham berichtet, der ebenfalls zu den Opfern zählt. Messham beschuldigte einen Politiker, sich an ihm vergangen zu haben. Obwohl der Beschuldigte in der Sendung nicht namentlich genannt wurde, war klar, dass McAlpine gemeint war. Er wurde kurz darauf im Internet identifiziert - doch die Anschuldigungen gegen ihn waren falsch.

Der frühere Schatzmeister der Konservativen bestritt am Freitag die Vorwürfe. Auch Steve Messham selbst teilte mit, dass es sich bei McAlpine nicht um den Täter gehandelt habe. McAlpine selbst äußerte sich deutlich: Er nannte die Beschuldigungen "komplett falsch und schwer verleumderisch". Niemals sei er in den Kinderheimen gewesen.

Auch der "Guardian"-Kolumnist George Monbiot entschuldigte sich, dass er den Namen von McAlpine in einer Twitter-Kurznachricht erwähnt hatte.

Die BBC steht wegen des Missbrauchskandals um den ehemaligen Moderator Savile sowieso schon im Kreuzfeuer. Der vor einem Jahr gestorbene ehemalige TV-Star und andere sollen über Jahre hinweg 300 junge Menschen missbraucht haben. Die Verantwortlichen bei der BBC sehen sich mit der Frage konfrontiert, wer in der renommierten Sendeanstalt von den Vorgängen gewusst hat. 2006, als Savile nach mehr als 40 Jahren die letzte reguläre Sendung seiner Reihe "Top of the Pops" moderiert hatte, waren Spekulationen über dessen Verbrechen bereits im Umlauf.

Der Skandal gewann an Sprengkraft, weil ein von "Newsnight" produzierter Beitrag über Savile nicht ausgestrahlt wurde - angeblich auf Anweisung der BBC-Spitze. Erst als ein anderer Kanal über die Vorwürfe berichtete, zog die BBC nach. Vertuschung innerhalb des Senders scheint möglich, interne Untersuchungen laufen.

Der Skandal könnte sich außerdem noch ausweiten: Anwälte der Savile-Opfer haben erklärt, ihre Mandanten gingen davon aus, dass es in den siebziger und achtziger Jahren bei der BBC einen organisierten Pädophilen-Ring gab.

mia/Reuters/afp/dpa/dapd

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Mein Gott, was für ein Haufen!
hannahcalenbach 10.11.2012
Wann wird diese wirre Zusammenrottung, die sich "Journalisten" nennt, endlich staatlicherseits zerschlagen? Die BBC hat jede Existenzberechtigung verloren. Schade, aber so ist es. Haben diese Wirrköpfe kein Handwerk gelernt? Journalismus in Zeiten der Hysterie. Gott stehe uns bei!
2. Sündenbock - der Rest wird hinter den Kulissen geregelt
pseudo nym 11.11.2012
Na was für ein Glück, dass Entwistle so lange auf seinem Stuhl geklebt hat. So kann er jetzt für beide Skandale, die in unterschiedlicher Weise mit dem Thema sexueller Missbrauch zu tun haben, als Sündenbock herhalten. Dann ist erstmal ein bisschen öffentlicher Druck abgelassen. Um die Lage weiter zu beruhigen, wird die BBC eine Menge Hofberichterstattung für die Regierung abzuliefern haben.
3. jeder kehre vor seiner eigenen Tür...
verdummterwähler 11.11.2012
Im Zusammenhang mit der sogenannten Sachsensumpf-Affäre hat das Amtsgericht Dresden zwei Journalisten wegen angeblich übler Nachrede gegen zwei Polizisten zu einer Geldstrafe von je 50 Tagessätze zu je 50 Euro veruteilt. Sie hatten in der sogenannten "Sachsensumpf-Affäre" recherchiert, die im Frühjahr 2007 durch Berichte über eine umfangreiche Datensammlung des Verfassungsschutzes zu kriminellen Netzwerken in Leipzig mit Beteiligung hochrangiger Juristen ausgelöst worden war . In den Akten war von Amtsmissbrauch, Korruption, Kinder- und Zwangsprostitution die Rede. Die Dresdner Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf, stellte diese aber wieder ein. Der sächsische Landtag hat jetzt nach Protesten einen Untersuchungsausschuss zu "korruptiven Netzwerken" eingesetzt, der sich auch mit dem Journalistenprozess beschäftigen will. So werden in Deutschland Journalisten mundtot gemacht.
4.
domgrigg 11.11.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDie Krise der BBC erreicht einen neuen Höhepunkt: Am Abend ist George Entwistle zurückgetreten, der Chef des britischen Senders. Er übernahm die Verantwortung für einen TV-Bericht, in dem Kindesmissbrauchsvorwürfe gegen einen Spitzenpolitiker verbreitet wurden - später erwiesen sie sich als falsch. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bbc-direktor-george-entwistle-tritt-zurueck-a-866521.html
Gotteswillen, Heute muss ein 'Slow News Day' in Deutschland sein..
5. die....
morkvamork 11.11.2012
..lernen das wohl auch nicht mehr ? haben diese englaender nicht genug erfahrung gemacht mit R. M. und seinen eigenartigen machenschaften ?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema BBC
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare