London - Die BBC kommt nicht zur Ruhe: Erst der Skandal um den ehemaligen BBC-Star Jimmy Savile, jetzt falsche Missbrauchsanschuldigungen gegen einen britischen Ex-Politiker. Der Direktor des Senders zieht nun Konsequenzen: "Ich habe entschieden, dass es die angemessene Reaktion ist zurückzutreten", sagte George Entwistle am Samstagabend in London.
Zuvor war ein BBC-Bericht in der Sendung "Newsnight" ausgestrahlt worden, der Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen den früheren Politiker Alistair McAlpine enthielt. Diese erwiesen sich als falsch. Auch umfangreiche Entschuldigungen des Senders konnten die immer größeren Turbulenzen nicht beenden. Der Film hätte niemals gezeigt werden dürfen, sagte Entwistle nun.
Er räumte ein, dass der Bericht dem Vertrauen in die BBC geschadet habe, er habe jedoch keine Kenntnis von der umstrittenen Sendung gehabt und hätte sich gewünscht, die Journalisten hätten sich an ihn gewandt.
Ex-Tory-Schatzmeister nennt Bericht "schwer verleumderisch"
"Newsnight", eigentlich das investigative Aushängeschild des Senders, berichtete am 2. November über neue Erkenntnisse zum systematischen Kindesmissbrauch, der sich in Heimen im nordwalisischen Wrexham in den siebziger Jahren ereignet hat. In diesem Beitrag wurde auch über Steve Messham berichtet, der ebenfalls zu den Opfern zählt. Messham beschuldigte einen Politiker, sich an ihm vergangen zu haben. Obwohl der Beschuldigte in der Sendung nicht namentlich genannt wurde, war klar, dass McAlpine gemeint war. Er wurde kurz darauf im Internet identifiziert - doch die Anschuldigungen gegen ihn waren falsch.
Der frühere Schatzmeister der Konservativen bestritt am Freitag die Vorwürfe. Auch Steve Messham selbst teilte mit, dass es sich bei McAlpine nicht um den Täter gehandelt habe. McAlpine selbst äußerte sich deutlich: Er nannte die Beschuldigungen "komplett falsch und schwer verleumderisch". Niemals sei er in den Kinderheimen gewesen.
Auch der "Guardian"-Kolumnist George Monbiot entschuldigte sich, dass er den Namen von McAlpine in einer Twitter-Kurznachricht erwähnt hatte.
Die BBC steht wegen des Missbrauchskandals um den ehemaligen Moderator Savile sowieso schon im Kreuzfeuer. Der vor einem Jahr gestorbene ehemalige TV-Star und andere sollen über Jahre hinweg 300 junge Menschen missbraucht haben. Die Verantwortlichen bei der BBC sehen sich mit der Frage konfrontiert, wer in der renommierten Sendeanstalt von den Vorgängen gewusst hat. 2006, als Savile nach mehr als 40 Jahren die letzte reguläre Sendung seiner Reihe "Top of the Pops" moderiert hatte, waren Spekulationen über dessen Verbrechen bereits im Umlauf.
Der Skandal gewann an Sprengkraft, weil ein von "Newsnight" produzierter Beitrag über Savile nicht ausgestrahlt wurde - angeblich auf Anweisung der BBC-Spitze. Erst als ein anderer Kanal über die Vorwürfe berichtete, zog die BBC nach. Vertuschung innerhalb des Senders scheint möglich, interne Untersuchungen laufen.
Der Skandal könnte sich außerdem noch ausweiten: Anwälte der Savile-Opfer haben erklärt, ihre Mandanten gingen davon aus, dass es in den siebziger und achtziger Jahren bei der BBC einen organisierten Pädophilen-Ring gab.
mia/Reuters/afp/dpa/dapd
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