Jimmy Savile Das Ungeheuer von der BBC

Jahrzehntelang hat TV-Star Jimmy Savile unbehelligt Menschen missbraucht - nun gibt es neue schockierende Details. So soll er Tote geschändet und sich aus ihren Glasaugen Schmuck gebastelt haben.

Von Verena Hölzl

Jimmy Savile, 1972: Er war DJ, TV-Star, gefeierter Wohltäter - und Sextäter.
Getty Images

Jimmy Savile, 1972: Er war DJ, TV-Star, gefeierter Wohltäter - und Sextäter.


London - Er scheint nicht wählerisch gewesen zu sein bei der Auswahl der Schauplätze, an denen er seine Opfer missbrauchte. In ihren Betten, auf Fluren und in Büroräumen soll Jimmy Savile sich an Wehrlosen vergangen haben. Er, der von der Queen unter anderem für seinen unermüdlichen Einsatz in Kliniken zum Ritter geschlagen wurde, beging in Wahrheit Straftaten, die in ihrer Anzahl und ihrer Durchführung kaum zu fassen sind.

Über Jahrzehnte hinweg hat der inzwischen verstorbene BBC-Moderator seine Popularität genutzt, um unbehelligt seinen Trieben nachzugehen. Ermittler gehen von mehr als 500 Opfern aus. Tatorte waren unter anderem 28 englische Krankenhäuser. Neue Berichte beschreiben, wie Savile seine Taten dort begehen konnte. Beispiel Leeds General Infirmary, eine Krankenhaus-Schule. Hier soll Savile Opfer im Alter von 5 bis 75 Jahren missbraucht haben. Patienten, Klinikpersonal und Besucher: Der Serientäter machte offenbar keinen Unterschied. Die Anschuldigungen gehen von anzüglichen Bemerkungen über sexuelle Übergriffe bis hin zu drei Vergewaltigungen - das zumindest ist die Zahl der aktenkundigen Fälle.

Besonders verstörendes Detail, das auch die vom Krankenhaus bestellte leitende Ermittlerin Sue Proctor bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse sichtbar zu schaffen machte: Savile steht im Verdacht, auch vor der Leichenhalle des Krankenhauses in Leeds nicht Halt gemacht zu haben. Er soll Tote geschändet und sich mit ihnen fotografiert haben. Aus Glasaugen toter Patienten habe er sich Zeugenaussagen zufolge Schmuck gebastelt.

"Narzisstisch, arrogant und ohne Empathie"

Der Fall eines jungen Opfers verdeutlicht, wie der Skandal jahrelang im Dunklen bleiben konnte. In einem Radiointerview mit der BBC berichtete die Frau, man habe sie einfach nur ausgelacht, als sie Krankenschwestern davon erzählte, dass Savile sie im Keller des Krankenhauses missbraucht habe. Beschuldigungen gab es dem Bericht zufolge immer wieder. Allerdings seien diese entweder nie bis zur Ebene der Krankenhaus-Verantwortlichen vorgedrungen und wenn doch, dann sei nichts unternommen worden.

Wie konnte jemand, der als "narzisstisch, arrogant und ohne Emphatie" beschrieben wird, ein derart leichtes Spiel haben? Jimmy Savile wurde in den Achtzigern vom britischen Gesundheitsministerium dafür eingesetzt, in der südenglischen Broadmoor-Klinik im Streit mit Gewerkschaften zu vermitteln. Seither konnte er sich mit seinen Schlüsseln im Krankenhaus uneingeschränkt bewegen. In der psychiatrischen Klinik konnte Savile, wie das übrige Personal auch, Patientinnen beim Ausziehen und Duschen zusehen. Auch sonst lag in dem Krankenhaus offenbar einiges im Argen: So gab es mehrfach sexuelle Beziehungen zwischen Pflegern und Patienten. Der TV-Star hatte nicht nur in der Broadmoor-Klinik private Räume.

Dunkelziffer noch höher

Savile starb 2011, ein Jahr bevor die Vorwürfe gegen ihn an die Öffentlichkeit kamen, mit 84 Jahren. Seither hat es mehrfach Untersuchungen gegeben. Erst im Juni strahlte sein ehemaliger Arbeitgeber, die BBC, Recherchen über den Skandal aus. Ein detaillierteres Verständnis allerdings, wie Saviles Machenschaften in Krankenhäusern jahrzehntelang unbemerkt bleiben könnten, ermöglicht erst der jüngste Bericht, der unter anderem von den Krankenhäusern in Auftrag gegeben worden war. Über Saviles Vorgehen im Inneren der BBC soll bis Ende des Jahres ein weiterer Untersuchungsbericht folgen.

Gesundheitsminister Jeremy Hunt entschuldigte sich im Namen der britischen Regierung und des Krankenhausverbundes NHS. Über das, was er in den Berichten erfahren habe, empfinde er "Ekel". Die Dunkelziffer der Taten von Jimmy Savile dürfte indes noch weit höher liegen.

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