NSU-Prozess Gutachter soll Zschäpe Persönlichkeitsstörung attestieren

Im NSU-Prozess kündigt sich eine neue Strategie in der Verteidigung Beate Zschäpes an. Ihr Anwalt Mathias Grasel sieht bei der Hauptangeklagten aufgrund eines Gutachtens eine "schwere seelische Abartigkeit".

Beate Zschäpe
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Beate Zschäpe


Beate Zschäpes Verteidiger Mathias Grasel will im NSU-Prozess ein Gutachten einführen, wonach seine Mandantin während der Zeit mit ihren Gefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unter einer schweren dependenten Persönlichkeitsstörung litt. Grasel zufolge liegt eine "schwere andere seelische Abartigkeit" vor.

Er sieht dadurch die gesetzlichen Voraussetzungen für eine verminderte Schuldfähigkeit erfüllt. Sollte das Gericht dieser Auffassung folgen, wäre ein milderes Strafmaß denkbar.

Grasel sagte, Zschäpe habe sich in der Untersuchungshaft für insgesamt zwölf Stunden von dem Freiburger Psychiater Joachim Bauer explorieren lassen. Dabei soll sich die Hauptangeklagte auch zu Themen geäußert haben, die bislang nicht Teil der Beweisaufnahme gewesen seien - zum Beispiel über das Verhältnis zu ihrer Mutter und die körperlichen Misshandlungen, die Zschäpe durch Böhnhardt zu erleiden gehabt habe.

Grasel beantragte, Bauer als Sachverständigen zu laden. Das 48 Seiten lange Gutachten solle am kommenden Donnerstag im Prozess vorgestellt werden - Zschäpe entbinde Bauer dafür von seiner Schweigepflicht.

Kampf der Gutachter

Die Ankündigung Grasels läuft auf eine Änderung der Verteidigungsstrategie hinaus. Zschäpe hat bislang darauf beharrt, von Böhnhardts und Mundlos' Morden erst im Nachhinein erfahren und sie auch nicht gebilligt zu haben. Davon, dass sie das Unrecht der Taten nicht habe erkennen können, war nie die Rede. Doch genau so soll es jetzt Grasels Lesart zufolge gewesen sein: Zschäpe war demnach so auf das Wohlwollen der beiden Uwes angewiesen, dass sie das Unrecht nicht erkannt haben will.

Menschen mit einer dependenten Persönlichkeitsstörung ertragen es nicht, allein zu sein, sie fühlen sich dann hilflos und verwundbar. Es fällt ihnen schwer, selbst einfache Entscheidungen ohne den Rat und die Unterstützung anderer zu treffen. Sie vermeiden Konflikte in ihren Partnerschaften, damit sie nicht abgewiesen werden. Endet eine Beziehung, stürzen sie sich sofort in die nächste.

Bauers Gutachten widerspricht der Expertise des vom Gericht bestellten Psychiaters Henning Saß. Dieser hatte Zschäpe volle Schuldfähigkeit attestiert. Sie sei nicht die schwache und abhängige Frau, als die sie sich dargestellt habe. Saß erkannte bei Zschäpe vielmehr die Bereitschaft "zur kämpferischen Selbstbehauptung, zu einer nahezu feindselig durchgehaltenen Beharrlichkeit und zum erfolgreichen Durchstehen massiver zwischenmenschlicher Konfliktlagen". Zschäpe habe eine "Tendenz zu Dominanz, Härte, Durchsetzungsfähigkeit". Mit Saß hatte Zschäpe nicht gesprochen. Er war auf Aktenstudien und seine Beobachtungen im Prozess angewiesen.

Zschäpe ist wegen Mittäterschaft an den Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" angeklagt. Dazu gehören neun Morde an türkisch- und griechischstämmigen Zuwanderern. Mit den mutmaßlichen Tätern Böhnhardt und Mundlos lebte sie fast 14 Jahre unentdeckt im Untergrund.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Rechtsanwalt Grasel wolle Beate Zschäpes Schuldunfähigkeit feststellen lassen. Er bezieht sich in seiner Argumentation jedoch lediglich auf eine Passage des entsprechenden Paragrafen und geht nach eigenen Angaben von einer verminderten Schuldfähigkeit seiner Mandantin aus. Die entsprechenden Passagen im Text wurden korrigiert.

ulz/thz/wbr/mxw/dpa



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