Beate Zschäpe im NSU-Prozess Flüstern, Rätsel, Süßigkeiten

Den Besuchern des NSU-Prozesses wird die Grausamkeit der Mordserie ganz unmittelbar verdeutlicht. Doch die Hauptangeklagte Beate Zschäpe schenkt Bildern von blutüberströmten Leichen keine Aufmerksamkeit. Offenbar widmet sie sich lieber Kreuzworträtseln und isst Süßigkeiten.

Angeklagte Beate Zschäpe: Kein Warnanruf
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Angeklagte Beate Zschäpe: Kein Warnanruf


Bisweilen sitzt Beate Zschäpe da und schreibt konzentriert. Nicht auf ihrem Laptop, sondern auf Papier. Ihre rechte Hand wandert nach rechts, nach unten, wieder nach oben, nach links, wieder nach unten. Mal scheint sie nur einen Buchstaben zu schreiben, mal mehrere. An diesem Donnerstag, dem 50. Verhandlungstag im NSU-Prozess, klappt sie zur Mittagspause das Papier zusammen. Das grell bunte Deckblatt wird sichtbar. Die Hauptangeklagte, der Mittäterschaft bei zehn Morden vorgeworfen wird, sitzt vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München - und löst offenbar Kreuzworträtsel.

Den Ausführungen von Rechtsmedizinern, die über die Obduktion der Opfer und deren Verletzungen berichten, scheint sie bisher allenfalls gelangweilt zu folgen. Fotos von Tatorten, die wegen der zahlreichen Prozessbeteiligten auf Videowänden vergrößert gezeigt werden und auf denen blutüberströmte Leichen zu sehen sind, finden nicht ihre Aufmerksamkeit. Ihre Mimik spricht oft eine eindeutige Sprache.

Ein Sachverständiger des Landeskriminalamts München rekonstruiert anhand der Schussverletzungen, an denen etwa der 50 Jahre alte Ismail Yasar am 9. Juni 2005 gestorben war, die Schussbahnen und schließt daraus auf den Standort des Täters. Der muss, vor der Theke des von Yasar betriebenen Döner-Standes in Nürnberg stehend, erst in Richtung des Kopfes seines Opfers geschossen haben. Dann ein zweites Mal, als Yasar sich wegduckte, dieser Schuss durchschlug den Kopf, Yasar ging zu Boden. Dann muss sich der Schütze über die Theke gebeugt haben, um auf den Liegenden nochmals drei Schüsse abzufeuern, diesmal in die Brust des Opfers, um offenbar sicher zu gehen, dass er getötet hatte.

Elf Notrufe - keiner von Zschäpe

Wegen zerfranster Plastikrückstände am Standort des Schützen und des Fehlens jeglicher Hülsen am Tatort nehmen die Ermittler an, dass der Täter die Waffe in einer Plastiktüte verborgen hatte, um daraus zu feuern. Das bedeutet für die Anklage: Nicht nur das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe (Tötung aus fremdenfeindlicher Gesinnung), sondern auch das der Heimtücke ist wohl erfüllt, selbst wenn der Angreifer seinem Opfer direkt gegenübergestanden haben sollte. Beate Zschäpe flüstert lachend mit einem ihrer Verteidiger und isst Süßigkeiten.

Die Verteidigung Zschäpe hatte im Zusammenhang mit der Brandlegung in der Wohnung des NSU-Trios in der Zwickauer Frühlingsstraße gehofft, einen sogenannten Rücktritt ihrer Mandantin vom Versuch, andere Menschen im Haus in Todesgefahr zu bringen, in die Waagschale werfen zu können.

Diese Brandlegung wird Zschäpe allein zur Last gelegt, da sich ihre Mitbewohner Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos an jenem 4. November 2011 in Eisenach bereits selbst getötet hatten, ehe eine gewaltige Explosion das Haus fast in Schutt und Asche legte.

Unter den elf Notrufen, die damals kurz nach 15 Uhr bei Polizei und Feuerwehr in Zwickau eingingen, war einer, aus dem weder auf die Telefonnummer des Anrufers geschlossen werden konnte, noch hatte sich eine Stimme gemeldet. War es vielleicht Beate Zschäpe gewesen, die sich in letzter Sekunde auf Rettung der Personen besann, die sich noch im Haus befanden?

Eine Zeugin der Chemnitzer Kripo machte dieser Hoffnung ein Ende. Es könne sein, sagte sie vor Gericht, dass die Nummer des Anrufers nicht erkennbar sei; spricht er (oder sie) aber, dann wird dies aufgezeichnet. Eine Warnung Zschäpes aber sei nicht eingegangen.

Der nächste Zeuge, ein Beamter vom Bundeskriminalamt, berichtet über seine Ermittlungen, das menschenverachtende Bekenner-Video des NSU betreffend. Er zählt die Funde auf, die dem Brandschutt der Frühlingsstraße entnommen wurden: unter anderem schon adressierte Briefumschläge mit Briefmarken "Tausend Jahre Limburg", die es seit 2010 gibt, in denen das Machwerk einem Vermächtnis gleich an Medienhäuser, Parteien und türkische Einrichtungen verschickt werden sollte. In jenem Wohnmobil, in dem sich Böhnhardt und Mundlos das Leben nahmen, fanden sich neben hohen Geldsummen und drei USB-Sticks weitere Exemplare.

"Es gab Hinweise, dass der NSU noch einiges vorhatte"

Wollten auch Böhnhardt und Mundlos ihre Heldentaten unters Volk bringen? Zschäpe versandte nach dem Verlassen der Frühlingsstraße offenbar unter anderem ein Exemplar an die "Geschäftsstelle der PDS" in Halle. Seit 2007 hieß die PDS aber Die Linke. "Ist ermittelt worden, wo diese DVD aufgegeben wurde?" fragt der Vorsitzende. "In Leipzig-Schkeuditz", sagt der Zeuge, am 7. November 2011, als Zschäpe sich noch nicht gestellt hatte.

Auf einer Festplatte fanden die Ermittler Ausschnitte aus Fernsehsendungen und auch das Original der Comic-Serie "Paulchen Panther", das als verharmlosende Folie für das Bekenntnis der Morde diente. Es fanden sich säuberlich geordnete Zeitungsausschnitte zu den einzelnen Morden, rechtsradikale Musik. Von alledem will Zschäpe, wie ihre Verteidiger unterstellen, nichts mitbekommen haben? Oder damit nicht einverstanden gewesen sein?

Das Asservat "Drehbuch": Da waren die einzelnen Sequenzen, die später Eingang fanden in die finale Version des Bekennervideos, minutiös handschriftlich zusammengestellt. Die Handschriften deuten auf Mundlos und Böhnhardt. Schon 2002, so der Zeuge, habe sich der NSU fest zusammengeschlossen und seine Ziele, nämlich der Änderung des politischen Systems in Deutschland, formuliert. "Es gab Hinweise, dass der NSU noch einiges vorhatte", sagt der Zeuge. Beate Zschäpe spielt mit ihrem Armband.

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