Zschäpes Einlassung im NSU-Prozess Tatenlos - zehn Morde lang

Moralische Mitschuld? Ja. Beteiligung an Morden und Anschlägen? Nein. Antworten auf quälende Fragen? Schon gar nicht. Im NSU-Prozess stellt sich Beate Zschäpe als ohnmächtige Mitläuferin dar. Für ihre Verteidigung ist das riskant.

Von Wiebke Ramm, München


Der Tag beginnt hoffnungsvoll. Beate Zschäpe zeigt der Welt vor Gericht zum ersten Mal freiwillig ihr Gesicht, lächelt sogar. Zweieinhalb Jahre lang hat die Hauptangeklagte im NSU-Prozess nicht nur geschwiegen, zweieinhalb Jahre lang hat sie den Fotografen und Kameraleuten auch konsequent den Rücken zugewandt. An diesem Morgen aber dreht sie sich nicht mehr weg.

Die Geste lässt an diesem 249. Verhandlungstag hoffen. Darauf, dass Zschäpe über ihren Anwalt Mathias Grasel den Opfern des NSU und Hinterbliebenen der Ermordeten endlich Antworten auf quälende Fragen gibt. Diese Hoffnung wird enttäuscht, als Grasel die 53-seitige Erklärung verliest (einen Überblick über die Themen, über die Zschäpe gesprochen hat, lesen Sie hier).

"Ich fühle mich moralisch mitschuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte", sagt der Anwalt in Zschäpes Namen. "Ich fühle mich moralisch mitschuldig, dass ich nicht in der Lage war, auf Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt entsprechend einzuwirken, unschuldige Menschen nicht zu verletzen und nicht zu töten. Ich hatte Angst davor, dass sich die beiden umbringen und dass ich mit ihnen meine Familie, allen voran Uwe Böhnhardt, verlieren würde." Es ist die Kernbotschaft ihrer Aussage.

Fassungslosigkeit bei den Altverteidigern

Zschäpe stellt sich als Mitläuferin dar, will weg vom Vorwurf der Mittäterschaft. Sie gibt an, zumindest hinterher quasi alles gewusst, aber nichts gewollt zu haben, von den Morden habe sie immer erst nach den Taten erfahren. Sie sei entsetzt und fassungslos gewesen. Gegen die Raubüberfälle habe sie wenig Einwände gehabt, da sie sie als einzige Möglichkeit gesehen habe, Geld zu beschaffen.

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NSU-Prozess: Anwalt verliest Zschäpes Aussage
Zschäpe trägt ihren schwarzen Hosenanzug, die Haare offen. Sie ist blass, hält den Kopf gesenkt und liest die Worte ihres jüngsten Verteidigers konzentriert mit. Je länger Grasel liest, umso fassungsloser wirken Zschäpes ursprüngliche drei Verteidiger Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm - die nach Ende des Verhandlungstages von Grasel heftig kritisiert wurden. Sie wollten, dass Zschäpe schweigt. Angesichts der Einlassung ahnt man, warum sie das für die bessere Strategie hielten.

"Taten statt Worte" lautete die Parole

Zschäpe ist gerade 23 Jahre alt geworden, als sie am 26. Januar 1998 zusammen mit Böhnhardt, 20, und Mundlos, 24, untertaucht. In einer von Zschäpe angemieteten Garage im thüringischen Jena hatte die Polizei eine Bombenwerkstatt entdeckt. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos tauchten ab. Fast 14 Jahre lang leben die drei mutmaßlichen Terroristen nach Erkenntnis der Ermittlungsbehörden zusammen im Untergrund. "Taten statt Worte" lautete die Parole ihres rassistischen Wahnsinns. Bei Zschäpe klingt wird das an diesem Tag alles sehr anders.

Im September 2000 beginnen Böhnhardt und Mundlos zu morden. Enver Simsek, ein Blumenhändler in Nürnberg, ist ihr erstes Opfer. Bis April 2006 werden die Neonazis acht weitere Männer türkischer und griechischer Herkunft und im April 2007 schließlich die Polizistin Michèle Kiesewetter per Kopfschuss töten. Böhnhardt und Mundlos begehen noch 15 Raubüberfälle und mindestens zwei Sprengstoffanschläge, bei denen mehr als 20 Menschen zum Teil schwer verletzt werden.

Zschäpe sagt über ihren Anwalt nun, sie habe erst im Dezember 2000 von dem ersten Mord erfahren. Mundlos habe es ihr erzählt. "Ich war geschockt. Ich konnte nicht fassen, was die beiden gemacht hatten. Ich bin daraufhin regelrecht ausgeflippt." Sie hätte Mundlos "massive Vorwürfe" gemacht und Böhnhardt zur Rede gestellt. "Auf meine Frage, warum sie einen Menschen getötet hatten, erhielt ich keine klare Antwort. Es wurden Argumente vorgetragen wie: Perspektivlosigkeit, Gefängnis und insgesamt bestehende Frustration." Zschäpe behauptet bis heute, "die wahren Motive der beiden" nicht zu kennen.

Rechtsextremismus, Neonazi, Rassismus? Fehlanzeige

Sie habe sich daraufhin stellen wollen. "Sie überraschten mich mit der Erklärung, dass sie sich in diesem Fall selbst töten wollten." Deshalb sei sie geblieben. Neun weitere Morde lang. Angeblich aus Angst vor ihrer eigenen Strafe und aus Angst um ihre Lebensgefährten. Die Stimmung sei fortan frostig gewesen. Das Weihnachtsfest sei ausgefallen, Silvester auch und zu ihrem Geburtstag am 2. Januar 2001 hätten die Männer ihr nicht einmal gratuliert.

In dieser Art und in diesem Ton geht es immer weiter. Zschäpe habe nicht die Kraft gehabt, sich insbesondere von Böhnhardt zu trennen. Die Verbrechen hätten sie schockiert, doch die Liebe zu Böhnhardt sei stärker gewesen. So stellt Zschäpe es dar. Sie sei weder an den Vorbereitungen der Taten noch an deren Durchführung beteiligt gewesen. Dieser Satz kommt immer wieder. Aber sind die Aussagen glaubhaft?

Immerhin stellt Zschäpe über Grasel fest: "Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Männern zusammenlebte, denen ein Menschenleben nichts wert war." Sie lässt erklären, "dass ich mich weiter zu Böhnhardt hingezogen fühlte, keine Chance auf die Rückkehr in das bürgerliche Leben sah und mich deshalb meinem Schicksal ergab". Dann folgt der Satz: "Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie." Das Morden aber sei immer weitergegangen. "Ich war unglaublich enttäuscht, dass sie erneut gemordet hatten."

Enttäuscht?

Vom Tod ihrer Lebensgefährten habe sie am 4. November 2011 aus dem Radio erfahren. Dort sei von einem brennenden Wohnmobil mit zwei Leichen die Rede gewesen. Sie habe sofort gewusst, dass es Böhnhardt und Mundlos waren. Dann habe sie nach einem abgesprochenen Plan gehandelt und die Wohnung in Brand gesetzt.

Schuld sind die anderen

Die Worte Rechtsextremismus, Neonazi, Rassismus, Antisemitismus fehlen in ihrer Erklärung. Stattdessen ist von "Aktionen" und einem "politischen Gegenpol zu den Linken" die Rede. Auch ihre Mitangeklagten Ralf Wohlleben, Carsten S. und Andre E. erwähnt sie mit keinem Wort.

Sie belastet vor allem Tino Brandt, Neonazi und langjähriger V-Mann des Verfassungsschutzes. Er habe die Neonazi-Szene in Thüringen radikalisiert. Durch ihn hätten sich ihre rechtsextremen Aktivitäten "drastisch" verändert. Er sei der Geldgeber gewesen. Zschäpe: "Ich wünschte, dass Tino Brandt früher aufgeflogen, wir noch vor dem Untertauchen verhaftet und die vielen Straftaten nicht passiert wären." Brandt ist also Schuld?

Er könnte nun erneut als Zeuge geladen werden, auch ein weiterer Freund aus ihrer Vergangenheit, den sie belastet. Dass der Prozess nach Zschäpes Aussage nun deutlich länger dauern wird, ist nicht zu erwarten.

"Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangenen Straftaten", heißt es ganz am Schluss der Erklärung. Ismail Yozgat, der Vater des in Kassel ermordeten Halit Yozgat, will davon nichts hören. Vor dem Gerichtsgebäude sagt er: "Die Aussage von Frau Zschäpe ist eine große Lüge." Sie rede ihre Rolle klein. "Unser Schmerz wird immer größer." Und weiter: "Da die Aussage eine Lüge ist, akzeptieren wir auch ihre Entschuldigung nicht."

Videoanalyse: Gisela Friedrichsen über die Zschäpe-Aussage

SPIEGEL ONLINE
Die Angeklagten im NSU-Prozess
Foto Beate Zsch¿pe
Foto Ralf Wohlleben
Foto Holger G.
Foto Carsten S.
Foto Andr¿ E.

Fotos: BKA/DER SPIEGEL

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