Reaktionen auf Zschäpe-Erklärung "Dieser Aussage glaube ich kein Wort"

Wie reagieren Angehörige der NSU-Opfer auf die Aussagen von Beate Zschäpe, auf ihre Entschuldigung? Mit Kopfschütteln, Frust und Kritik.


Beate Zschäpe hat sich endlich im NSU-Prozess geäußert. Die von ihrem Anwalt Mathias Grasel verlesene Erklärung hat heftige Reaktionen ausgelöst: Manche nennen die Aussagen eine Frechheit, andere eine Dreistigkeit, von Widersprüchen ist die Rede, von einem Lügenkonstrukt. Reaktionen im Einzelnen:

Gamze Kubasik, Tochter des 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbetreibers Mehmet Kubasik
"Dieser Aussage glaube ich kein Wort. Meine von vornherein geringen Hoffnungen, dass mit dieser Erklärung endlich die genauen Umstände des Mordes an meinem Vater aufgeklärt werden, sind enttäuscht", so die Nebenklägerin. "Für mich ist das reine Taktik und wirkt total konstruiert. Die angebliche 'Entschuldigung' für die Taten von Mundlos und Böhnhardt nehme ich nicht an: Sie ist eine Frechheit, vor allem wenn sie dann noch verbunden wird mit der Ansage, keine unserer Fragen zu beantworten", erklärte Kubasik. "Meistens haben wir nur Schläge ins Gesicht bekommen seit Beginn des Prozesses", sagte sie weiter: "Die Erklärung Zschäpes sei "schon wieder ein Schlag ins Gesicht".

Nebenklage-Anwalt Stephan Lucas
"Heute hat man sehr gut verstehen können, warum es manchmal klug ist, einfach den Mund zu halten", sagte Lucas. "Wenn das alles ist, was Frau Zschäpe uns zu sagen hatte, dann hätte sie besser gar nichts gesagt."

Ismail Yozgat, Vater des 2006 in Kassel ermordeten Cafébetreibers Halit Yozgat
"Da ihre Aussage eine Lüge ist, akzeptieren wir auch ihre Entschuldigung nicht."

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NSU-Prozess: Anwalt verliest Zschäpes Aussage
Renate Künast, Grünen-Politikerin
"Die Chuzpe muss man erst mal haben, so was Dreistes von sich zu geben", twitterte Künast und: "Sich so naiv und uninformiert zu geben, wird ihr hoffentlich nichts nützen."

Abdulkerim Simsek, Sohn des 2000 in Nürnberg erschossenen Blumenhändlers Enver Simsek
"Es ist schrecklich. Ich hab keine Worte dafür." Er wünsche sich, Zschäpe hätte weiter geschwiegen. "Das ist ein Schlag ins Gesicht", sagte er. "Diese Erklärung war so erbärmlich, einfach nur lächerlich."

Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer
"Die Erklärung hält einer gründlichen Überprüfung nicht stand. Zschäpe als Ahnungslose, den beiden Mittätern unterlegene Frau, die von den Taten jeweils vorher nichts wusste - das glaubt ihr niemand, der die Verhandlung von Anfang an besucht hat. Die Aussage ist konstruiert, ohne Belege und in sich widersprüchlich. Zschäpe wird sie nicht vor einer Verurteilung retten. Den Nebenklägern nützt sie nicht."

Bundesanwalt Herbert Diemer
"Wir werden diese Einlassung natürlich genauestens prüfen." Sie sei "ein Beweismittel unter vielen". Eine Bewertung wolle er noch nicht vornehmen. "Alles andere wäre unprofessionell."

Opfer-Anwältin Gül Pinar, die die Familie des 2001 in Hamburg erschossenen Süleyman Tasköprü vertritt
"Ihre Aussage war sehr detaillos. Insbesondere zu Hamburg hat sie überhaupt nichts gesagt, also nicht einmal den Namen Süleyman Tasköprü in den Mund genommen", sagte Pinar dem Radiosender NDR 90,3. "Ich finde, dass der Zeitpunkt einer Entschuldigung so spät kommt, das ich ihr das nicht abnehmen kann."

Nebenklagevertreter Peer Stolle
"Diese Einlassung von Zschäpe ist tatsächlich ein Schuldeingeständnis. Das, was sie sagt, ist so konstruiert und lebensfremd, dass jedem klar geworden ist, dass sie die Unwahrheit sagt und was zu verschleiern hat."

Opfer-Anwalt Mehmet Daimagüler
"Ich habe ihr heute kein Wort geglaubt." Zschäpe habe in ihrer Erklärung ein "Lügenkonstrukt" vorgelegt. "Sie kann diese Art von Entschuldigung behalten."

SPIEGEL-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen bat Prozessbeobachter um deren Einschätzung. "Das Machwerk blutiger Laien! Unfassbar!", urteilt etwa Rechtsanwalt Carsten B. Der türkische Journalist Rahmi T. urteilte: "Keine Reue und keine Einsicht!" Die 23-jährige Jurastudentin Yasmina R. sagte: "Eine von vorne bis hinten konstruierte Aussage! Noch nicht einmal die Entschuldigung kam glaubhaft rüber." Ähnlich sah es Andrea M., Jurastudentin im 3. Semester: "Wer soll denn glauben, dass sie, wenn sie von den Morden erfuhr, mit den beiden Uwes nur geschimpft hat? Offenbar kam es ihr schon sehr darauf an, dass durch die Raubüberfälle immer genügend Geld ins Haus kam, sodass sie nicht arbeiten musste. Außerdem macht sie es sich einfach: Sie schiebt alles auf die beiden Toten, die sich nicht mehr wehren können."

mxw/dpa

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