NSU-Prozess Kein Lächeln, kein Scherzen, kein Flüstern

Beate Zschäpe muss ihre Pflichtverteidiger behalten, so entschied das Oberlandesgericht München. Geht der NSU-Prozess nun also weiter, als sei nichts geschehen? Wohl kaum.

Von , München


Der NSU-Prozess geht in unveränderter Besetzung weiter, so hat das Oberlandesgericht München am Dienstag entschieden. War der Vertrauensverlust gegenüber ihren Verteidigern, den die Hauptangeklagte Beate Zschäpe am Mittwoch dem Senat hatte mitteilen lassen, also nichts als ein Sturm im Wasserglas, wie manche Medien interpretierten?

Im Gegenteil: Der Schritt Zschäpes hat eine prozessual brisante Situation heraufbeschworen, die noch lange nicht beigelegt ist. Der Senatsvorsitzende teilte am Dienstagmittag zwar knapp mit, Zschäpes Antrag, ihre Anwälte als Pflichtverteidiger zu entlassen, sei abgelehnt worden, weil der Senat keine konkreten Hinweise auf eine nachhaltige Störung des Vertrauensverhältnisses habe erkennen können. Zumal Zschäpe "durch einen anwaltlichen Vertreter ihrer Wahl" beraten worden sei. Doch damit dürfte die Angeklagte nicht automatisch das Vertrauen zu ihren Verteidigern zurückgewonnen haben.

Wird sie sich gut beraten fühlen, wenn sie sich fortan zwangsweise auf Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer verlassen muss, wie es der Senat verfügte?

Zschäpes Distanz zu ihren Verteidigern

Sturm, Stahl und Heer hingegen mögen sich an der Ehrenerklärung des Senats erfreuen; sie haben das Vertrauen des Gerichts und der Bundesanwaltschaft, dass sie zumindest ordnungsgemäß verteidigen. Sie sahen offenbar keinen Anlass, ihrerseits eine Entpflichtung von dem aufwendigen Mandat zu beantragen, nachdem die Angeklagte ihr Misstrauen öffentlich gemacht hatte.

Falls die Angeklagte bisweilen andere Vorstellungen als ihre Anwälte gehabt haben sollte, muss diese das nun nicht mehr bekümmern. Als vom Gericht bestellte Pflichtverteidiger können sie sich ohnehin erst einmal als Organe der Rechtspflege verstehen und müssen sich nicht, wie Wahlverteidiger, ausschließlich den Interessen ihrer Mandantin verpflichtet fühlen. Die Situation, die Zschäpe ausgelöst hat, ist jedenfalls ein Grenzfall für Verteidiger und alles andere als Routine im Strafprozess.

Die Atmosphäre im Saal ist am Dienstag angespannt. Würde eintreten, was in München längst vermutet wurde? Oder würde die Verteidigerriege doch durch einen weiteren Anwalt von Zschäpes Vertrauen erweitert? Sturm und Stahl nehmen eine halbe Stunde vor dem verspäteten Beginn ihre Plätze ein, Heer erscheint etwas später. Es bleibt also bei der alten Konstellation. Warum sind sie nicht bei ihrer Mandantin? Haben sie nichts zu besprechen mit ihr? Oder waren in den Vormittagsstunden schon alle Misshelligkeiten bereinigt worden?

Als der Vorsitzende Manfred Götzl nach der Bekanntgabe der Senatsentscheidung eine Urlaubsbekanntschaft von Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos auf Fehmarn vernimmt, scheint sogleich wieder Normalität einzukehren. Sturm, Stahl und Heer sitzen über ihre Laptops gebeugt und notieren die Aussage der Zeugin, einer 21 Jahre alten Studentin. Zschäpe hingegen enthält sich jeder Vertraulichkeit mit ihren Verteidigern, wie es sonst oft zu beobachten war. Kein Austausch von Bonbons, kein Lächeln oder Scherzen, kein Flüstern. Sie sitzt in sich gekehrt mit verschränkten Armen zurückgelehnt auf ihrem Stuhl, sichtlich distanziert zu den Personen, denen sie fortan wieder vertrauen soll.

Zeugin berichtet von Urlauben mit Zschäpe

Die Zeugin hat Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten angesichts der Erinnerung an unbeschwerte Ferientage zusammen mit "Max, Gerry und Liese" alias Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. Immer wieder überwältigen sie die Bilder von damals. "Das war doch das Letzte, was man von seinen Freunden erwartet! Es waren doch gute, liebe Menschen! Ich habe denen hundertprozentig vertraut - und dann gemerkt, von vorn bis hinten belogen worden zu sein. Ich habe mich gefragt: Mochten die mich wirklich - oder haben die mich nur verarscht?" Sie habe therapeutische Hilfe damals gebraucht, so hätten sie die Erkenntnisse über den NSU erschüttert. Die Angeklagte schaut starr vor sich hin.

Eine Welt sei für sie zusammengebrochen, als sie von den Verbrechen aus dem Radio erfuhr, schluchzt die junge Frau, die sich in den letzten Jahren vor dem Auffliegen des NSU vor allem mit Zschäpe angefreundet hatte. Das Trio habe sie über die Urlaube hinaus in ihrem Elternhaus besucht und dort mehrfach übernachtet. Eindringlich beschreibt sie das enge Verhältnis des jungen Mädchens in der Pubertät, das sie damals war, zu der etwas älteren, erfahreneren Frau. "Haben Sie mit Frau Zschäpe mal über berufliche Dinge gesprochen, etwa, was sie selbst machte?", fragt der Sachverständige Hennig Saß. Ja doch, antwortet die Zeugin. Doch Zschäpe habe sich nicht näher dazu geäußert.

Die Zeugin bestätigt die Rolle der Angeklagten damals im Urlaub als einer Frau, die stets ein gut gefülltes Portemonnaie mit sich geführt und stets auch bezahlt habe. Das hatten auch andere Zeugen beobachtet. "Ich hatte damals noch nie einen 500-Euro-Schein gesehen", sagt die Zeugin, "aber Liese hatte welche." Sie sagt: "Die drei wussten alles voneinander." Jeder habe, wenn einer eine Geschichte erzählte, miterzählen können. Sie beschreibt ein "inniges, liebevolles Verhältnis" zwischen den dreien und wie "lustig" es zugegangen sei mit "Max" und "Gerry".

"Das war eine eingeschworene Urlaubsgemeinschaft", berichtet eine weitere Zeugin vom Fehmarner Campingplatz über die drei. "Ich glaube, wir haben nie nettere Menschen im Urlaub kennengelernt als unsere Ossis." Verteidiger Stahl fragt nach und prüft die Zuverlässigkeit der Erinnerungen. Er fragt besser als bisher. Die Zeuginnen aber bleiben ihm kaum eine Antwort schuldig.

Und Zschäpe? Sie blickt zum Mitangeklagten André E., einem mutmaßlich unentbehrlichen Helfer des Trios. E. erwidert den langen, intensiven Blick. Zschäpe zieht die Augenbrauen hoch und verdreht die Augen. Sie scheint mit den Gedanken ganz woanders zu sein.

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