NSU-Prozess Videomitschnitte stellen Zschäpe-Aussage infrage

Neue BKA-Erkenntnisse bringen Beate Zschäpe in Bedrängnis. Demnach hat sie offenbar am Tag des NSU-Anschlags in Köln die Berichte darüber gezielt mitgeschnitten - später gab sie an, von der Tat nichts gewusst zu haben.

Beate Zschäpe im Gericht in München
AP/dpa

Beate Zschäpe im Gericht in München

Von Wiebke Ramm


Beate Zschäpe hat am Tag des Bombenanschlags in der Kölner Keupstraße offenbar die Berichterstattung darüber im Fernsehen verfolgt und die Sendungen gezielt aufgezeichnet. Ein aktuelles Schreiben des Bundeskriminalamts (BKA) legt das nahe. Das Schreiben, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, belastet die Hauptangeklagte im NSU-Prozess.

Demnach wusste Zschäpe womöglich sehr wohl, was die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos taten. Es steht im Widerspruch zu dem, was Zschäpe bisher selbst vor dem Oberlandesgericht München eingeräumt hat.

Die Ermittler fanden bei einer erneuten Auswertung einer DVD aus dem Brandschutt des letzten NSU-Verstecks in der Zwickauer Frühlingsstraße Fernsehmitschnitte von WDR und n-tv. Darunter seien Sendungen, die am Tag des Anschlags am 9. Juni 2004 im Fernsehen liefen. Einzelne Ausschnitte finden sich auch im Bekennervideo des NSU.

Der Nagelbombenanschlag in Köln ereignete sich gegen 16 Uhr. Die erste mitgeschnittene Sendung begann laut BKA gegen 18 Uhr. Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos lebten damals noch in der Zwickauer Polenzstraße, das hat auch Zschäpe vor Gericht bestätigt. Zschäpe hatte auch angegeben, dass Böhnhardt und Mundlos den Bombenanschlag in der Keupstraße verübt haben.

Bönhardt und Mundlos kommen für Aufnahme nicht infrage

Das BKA kommt in seinem Vermerk nun zu dem Schluss, dass die beiden mutmaßlichen NSU-Terroristen die Sendungen nicht selbst in Zwickau aufgenommen haben können - da sie innerhalb von zwei Stunden nicht von Köln nach Zwickau reisen konnten. "Es stellt sich sodann die Frage, wo und durch wen diese Aufnahmen dann getätigt wurden", heißt es in dem BKA-Vermerk.

Auf der DVD fand sich unter anderem eine WDR-Sondersendung zum Anschlag vom Tattag. Kriminaltechniker sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Sendungen ursprünglich mit einem Videorekorder aufgenommen wurden und die Fernsehmitschnitte später auf die DVD kopiert wurden.

Die Kriminalkommissarin, die den Vermerk angefertigt hat, kommt zu dem Ergebnis, dass alle Aufzeichnungen während der Ausstrahlung per Hand an ein und demselben Rekorder vorgenommen wurden. Der Fernsehzuschauer oder die Fernsehzuschauerin schaltete offenbar zwischen WDR und n-tv hin und her, während zugleich die Aufnahme erfolgte. Sieben Mal innerhalb von vier Stunden sei zwischen den Sendern gewechselt worden.

Die BKA-Beamtin kommt zu dem Ergebnis, dass jemand am 9. Juni 2004 vor dem Fernseher gesessen, "gezielt" nach Berichten über den Anschlag gesucht und bewusst die Aufnahmetaste gedrückt haben muss. War das Zschäpe?

Die mitgeschnittenen Sendungen stammten zum Teil aus dem Kölner Regionalprogramm des WDR. Nach Ermittlungen des BKA sei es auch von den Bewohnern der Zwickauer Polenzstraße zu empfangen gewesen. Ob unter den verkohlten Geräten im Brandschutt der Frühlingsstraße ein Videorekorder ist, könne nicht mehr festgestellt werden, heißt es in dem Schreiben.

Zschäpe stritt in Einlassung jegliche Beteiligung ab

Beate Zschäpe selbst hatte ihren Anwalt im Dezember 2015 vor dem Oberlandesgericht München vorlesen lassen, dass sie weder an der Vorbereitung noch an der Ausführung des Bombenanschlags beteiligt gewesen sei. Mundlos und Böhnhardt sollen ihn angeblich allein und ohne ihr Wissen begangen haben.

"Beide hatten sich mit der Begründung verabschiedet, noch 'etwas Geld zu besorgen'", trug der Anwalt in Zschäpes Namen vor. Weiter heißt es: "Ich bin also davon ausgegangen, dass sie einen Raubüberfall begehen würden. Ich wusste nicht, dass sie nach Köln fahren wollten."

Böhnhardt und Mundlos hätten ihr erst nach ihrer Rückkehr erzählt, "dass sie in Köln einen Bombenanschlag auf Türken verübt hatten", so Zschäpe. Sie erwähnte in ihrer Einlassung, dass sie "über die Zeitung" erfahren habe, "was passiert war". Sie erwähnt auch, dass "im Fernsehen vom Anschlag berichtet" wurde. Dass sie möglicherweise schon am Tag des Anschlags vor dem Fernseher saß, sagte sie nicht.

Die neuen Erkenntnisse des BKA bringen Zschäpe in Bedrängnis. Am 17. März soll die BKA-Beamtin im NSU-Prozess über ihren Fund berichten. Am Tag zuvor will Zschäpe weitere Fragen des Gerichts beantworten. Schon jetzt dürfte feststehen, dass es nicht die letzten Fragen an Zschäpe sein werden.



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