Zschäpe-Aussagen im NSU-Prozess Ein zweifelhafter Plan

Beate Zschäpe hat erst eine Aussage vorlesen lassen, sie ließ Fragen des Gerichts zu und lieferte nun ihre Antworten. Was sie da erzählt, bringt kaum Aufklärung. Und könnte ihr aus einem weiteren Grund eher schaden als nützen.

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Beate Zschäpe: Fehlende Glaubhaftigkeit
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Beate Zschäpe: Fehlende Glaubhaftigkeit


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Wissen wir jetzt endlich etwas mehr darüber, wie das Leben von Beate Zschäpe mit ihren beiden Uwes, Böhnhardt und Mundlos, in den 13 Jahren im Untergrund aussah? Das Zusammenleben in gemeinsamen Wohnungen, in denen die Männer ihre vielen Waffen vor der Mitbewohnerin versteckten? In denen Zschäpe die vielen Flaschen Sekt vor ihren Mitbewohnern verbarg, die sie in ihrer Trostlosigkeit angeblich immer häufiger leerte? Rochen die Abstinenzler nichts?

Oder lag das daran, dass man sich angeblich kaum über den Weg lief? Jeder blieb ja laut Zschäpe offenbar meist in seinem Zimmer und achtete die Privatsphäre der anderen. Geredet wurde angeblich kaum miteinander, über politische Themen oder Ausländer am Ende gar nicht mehr.

Welchen Bären bindet die Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess dem Gericht damit eigentlich auf?

Es trat nur eine einzige Zeugin im Münchner NSU-Prozess auf, die sich erinnerte, dass Zschäpe mal etwas zu viel getrunken und Probleme hatte, aufs Rad zu steigen. Sonst wusste niemand von exzessivem Trinken, das sie neuerdings vorbringt. Außer Zschäpe und dem Mitangeklagten Ralf Wohlleben hatte auch niemand von den Selbstmordplänen der beiden Uwes im Falle einer Verhaftung gehört. Bisher war nur die Rede davon gewesen, dass Böhnhardt keinesfalls wieder ins Gefängnis wollte. Selbstmord ist da nicht der einzige Ausweg. Seltsam.

Bekannte Vorwürfe

Nach mehr als 250 Verhandlungstagen lässt Zschäpe einen ihrer Anwälte Namen von Unterstützern verlesen: André E. an erster Stelle. Der aber sitzt ohnehin auf der Anklagebank. Andere wie Volker H., Matthias D., Max-Florian B., Mandy S. und weitere Personen sind der Polizei längst bekannt. Manche von ihnen verweigerten im NSU-Prozess als Zeugen die Aussage, weil gegen sie ermittelt wurde oder weiter ermittelt wird.

Selbst gegen Jan W., Chef der rechtsextremen Vereinigung "Blood and Honour"-Sektion Sachsen, läuft seit Januar 2012 ein Ermittlungsverfahren. Er soll dem NSU eine Waffe, möglicherweise samt Schalldämpfer, geliefert haben. So hat es auch Zschäpe in ihrer Aussage dargestellt., W. hat die Vorwürfe mittlerweile gegenüber dem SPIEGEL dementiert. Ob er nun stärker im Verdacht steht, Helfer oder Unterstützer gewesen zu sein, ist keineswegs sicher. Über den Mitangeklagten Wohlleben, der laut Anklage und Zeugenaussagen die Tatwaffe samt Schalldämpfer besorgt haben soll: keine Silbe.

Gleiches gilt für Hermann S. Auch auf ihn weist Zschäpe ausdrücklich hin. Der Staatsanwaltschaft aber ist seit 2012 bekannt, dass Mundlos dem Mitangeklagten Holger G. erzählt haben soll, S. habe ebenfalls Waffen für die Untergetauchten besorgt, unter anderem eine Pumpgun. Die Ermittler wissen seit Langem, dass Mundlos und S. sich näher kannten, dass ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis bestand. Weitere Details nennt auch Zschäpe nicht.

Aussagen mit Kalkül

Über Holger G.s Beitrag zur Aufklärung der NSU-Verbrechen äußern sich die Ermittler höchst lobend, wie im Prozess dieser Tage ein Staatsanwalt nachdrücklich bestätigte. Und das, obwohl G.s Angaben im Ermittlungsverfahren bisweilen Anlass zu Zweifeln gaben. Er berichtete nicht chronologisch, sprach nicht druckreif. Es ging bei ihm schon mal hin und her, mal stimmte auch etwas nicht und er musste sich berichtigen. Doch so ist dieser Angeklagte eben. Seine sprunghaften Angaben passen zu seiner Person. Gerade die Mängel seiner Aussage tragen zu ihrer Glaubhaftigkeit bei.

Selbst wenn sich durch Zschäpes Angaben der Tatverdacht gegen S. konkretisieren sollte: Mit der Aufklärung der Morde des NSU an neun Menschen ausländischer Herkunft und einer Polizistin hat das nicht viel zu tun. Keines dieser Opfer wurde mit einer Pumpgun erschossen.

Zschäpe berichtet nichts wirklich Neues. Stattdessen versucht sie offensichtlich, dem Mitangeklagten Wohlleben zu helfen. Denn wenn es neben ihm auch andere Personen gab, die die Drei im Untergrund mit Waffen versorgten, gar mit einem Schalldämpfer, könnte sich vielleicht der Tatverdacht gegen ihn relativieren. Denken wohl Zschäpe und ihre Neuverteidiger Mathias Grasel und Hermann Borchert. Die Wohlleben-Verteidigung jedenfalls argumentiert so.

Schon seit geraumer Zeit fällt auf, wie eng diese mit Grasel und Borchert kooperiert. Die unter Aufsicht ihrer Verteidiger formulierten Angaben beider Angeklagter wirken sorgfältig aufeinander abgestimmt. Dem Staatsschutzsenat eines Oberlandesgerichts bleibt so etwas nicht verborgen.

Erhebliche Lücken

André E. ist inzwischen der einzige Angeklagte, der durchgehend schweigt. Seine Verteidiger erwecken nicht den Eindruck, in irgendwelche Absprachen involviert zu sein. E. soll Zschäpe mit seiner Frau über das Ende des NSU hinaus unterstützt haben. Vielleicht hat sich Zschäpe mehr erwartet als Selbstverteidigung durch Schweigen. Nimmt sie daher auf ihn keine Rücksicht mehr?

Doch sein Schweigen erscheint ehrlicher als die offenbar taktisch aufeinander abgestimmten Angaben von Zschäpe und Wohlleben, die überdies zu dem von der Anklage unterstellten planvollen und zweckgerichteten Handeln der Angeklagten passen.

Der Mitangeklagte Carsten S. hatte gleich zu Prozessbeginn unter Gewissensqualen ein Geständnis abgelegt. Sein Ringen um Wahrheit war eindrucksvoll. Dagegen fallen Zschäpes und Wohllebens hektische Versuche, zu retten, was vielleicht noch zu retten sein könnte, merklich ab. Es mag sich einiges so ereignet haben, wie Zschäpe es beschreibt. Doch die Lücken, die sie lässt, sind erheblich. So manche ihrer Antworten auf Fragen des Gericht überzeugen nicht.

Kein Wort zu einer zweiten Wohnung, in die sich Mundlos nach den Vermutungen der Ermittler zeitweise zurückgezogen haben könnte. Befand sich dieser Unterschlupf in Glauchau, wohin Zschäpe nach der Brandlegung in der Zwickauer Frühlingsstraße am 4. November 2011 als erstes fuhr, als sie vom Tod ihrer Gefährten erfahren hatte? Warum ausgerechnet Glauchau? Warum hörten die beiden Uwes 2007 nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter mit dem Töten auf? Die Hauptangeklagte Zschäpe, die es am besten weiß, bleibt eine umfassende Aufklärung schuldig.


Zusammengefasst: Die Aussagen von Beate Zschäpe wirken, als seien sie mit jenen des Mitangeklagten Ralf Wohlleben abgestimmt. Sie belasten sich gegenseitig nicht. Zschäpe nennt dafür Namen von mutmaßlichen NSU-Helfern, die Vorwürfe sind Ermittlern allerdings größtenteils längst bekannt. Zugleich enthalten Zschäpes Antworten auf Fragen des Gerichts Lücken. Es entsteht der Eindruck taktisch geprägter Aussagen, was die Anklage gegen Zschäpe am Ende eher noch stützen könnte: Dass es sich hier um eine Person handelt, die planvoll und zweckgerichtet handelte.



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