NSU-Prozess Zschäpes zweifelhafte Abhängigkeit

Sie habe sich nicht von den Kameraden lösen können, habe nicht die Kraft gehabt: Die Erklärung von Beate Zschäpe zeichnet das Bild einer emotional abhängigen Frau. Doch das passt nicht zu den Aussagen von Psychiatern und Zeugen.

Beate Zschäpe: "Durchaus bemerkenswerte psychische Ressourcen"
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Beate Zschäpe: "Durchaus bemerkenswerte psychische Ressourcen"

Von Wiebke Ramm


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Die Geschichte soll also so gehen: Beate Zschäpe ist keine Rechtsterroristin, die zwei Neonazis geholfen hat, neun Migranten und eine Polizistin zu ermorden, sondern eine schwache Frau, die sich aufgrund emotionaler Abhängigkeit nicht von zwei Serienmördern lösen konnte. "Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie", ließ Zschäpe am Mittwoch ihren Anwalt in ihrem Namen vor dem Oberlandesgericht München vortragen.

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Heft 51/2015
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Psychiater kennen den Begriff der abhängigen Persönlichkeit - Zschäpes neue Verteidiger kennen ihn wahrscheinlich auch. Man denkt dabei an Mütter, die vor dem Missbrauch des Kindes durch den Vater die Augen verschließen. Man denkt an Frauen, die ihren gewalttätigen Partner nicht verlassen. Man denkt nicht an Zschäpe, die gut 13 Jahre lang einen Mord nach dem anderen geschehen lässt. Das ist aber wohl der Plan der Verteidigung, um eine möglichst milde Strafe für sie zu erreichen.

In psychiatrischen Fachbüchern wird eine abhängige Persönlichkeitsstörung definiert als ein tief greifendes Bedürfnis, versorgt zu werden. Dieses Bedürfnis führe zu unterwürfigem, klammerndem Verhalten und großen Trennungsängsten. Häufig gehe es mit einem Gefühl der inneren Leere einher. Zschäpes Aussage enthält viele Formulierungen, die dem entsprechen:

  • 1996 habe sich Uwe Böhnhardt von ihr getrennt, worunter sie sehr gelitten habe. "Als Grund für die Trennung nannte er mir gegenüber, dass ich zu sehr klammern und ihm keine Luft lassen würde."
  • Die Morde habe sie nicht gewollt, so Zschäpe. "Die Kraft mich zu trennen - insbesondere von Uwe Böhnhardt - und mich der Justiz zu stellen, hatte ich jedoch nicht."
  • Nachdem sie von den ersten Morden erfahren haben will, habe sie sich "wie betäubt" gefühlt. Sie habe sich "nicht von den beiden lösen" können, sei nicht in der Lage gewesen, "Konsequenzen zu ziehen".
  • Mundlos und Böhnhardt seien ihre "Familie" gewesen.
  • "Auch in Bezug auf das finanzielle Überleben war ich auf die beiden absolut angewiesen."
  • Sie habe sich ihrem "Schicksal" ergeben. Ein Mord folgte auf den anderen. Zschäpe: "Es war eine unendliche Leere in mir."

Das Gericht muss einer Angeklagten ihre Taten, nicht die Angeklagte dem Gericht ihre Unschuld nachweisen. Schweigen ist da die bevorzugte Verteidigungsstrategie. Anders ist es, wenn es nicht mehr um den Tatnachweis geht, sondern darum, wie schwer die Schuld der Angeklagten wiegt. Dann kann eine Aussage sinnvoll sein. Denn auch einem Richter fällt es leichter, eine Fremde hart zu bestrafen. Versteht er aber, wer die Angeklagte ist und warum sie etwas getan hat, wird das schwieriger.

Dafür müssen die Richter allerdings den Menschen hinter den Morden kennenlernen. Zschäpe aber ist nach ihrer Aussage genauso fremd geblieben wie vorher. Die angebliche emotionale Abhängigkeit bleibt in ihrer Erklärung eine bloße Behauptung - und keine glaubhafte.

  • Schon Zschäpes Umgang mit ihren Alt-Verteidigern zeigt sie als selbstbewusste, nicht konfliktscheue Frau.
  • Auch das Gutachten des Gerichtspsychiaters Norbert Nedopil, der im März zwei Stunden mit Zschäpe redete, steht im Widerspruch zur Selbstdarstellung der Angeklagten: Er stellte fest, Zschäpe verfüge über "durchaus bemerkenswerte psychische Ressourcen" und "eine erhebliche psychische Stabilität". Der Sachverständige hat Zschäpe als starke, nicht schwache Persönlichkeit erlebt.
  • Auch Psychiater Henning Saß ist 2013 zu dem vorläufigen Ergebnis gekommen, dass Zschäpe zwar unter schwierigen familiären Bedingungen aufgewachsen ist, sich aber offenbar zu einer selbstbewussten, unabhängigen Frau entwickelt habe. Er habe keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass sie sich nicht habe behaupten können oder in der Zeit des Untertauchens von irgendwelchen Zweifeln geplagt gewesen wäre, schreibt er. Mit Zschäpe hat er nicht gesprochen. Sein vorläufiges Gutachten hat er nach Aktenlage erstellt.
  • Zeugen schilderten Zschäpe vor Gericht als eine Frau, die ihren Standpunkt verteidigen kann. Der Mitangeklagte Holger G. sagte,sie sei "durchsetzungsstark" und "kein Typ, der sich unterordnen würde". "Sie hatte die Jungs im Griff", sagte auch ihr Cousin.

Um mit ihrer Version auch nur halbwegs zu überzeugen, hätten die Anwälte Zschäpe selbst sprechen lassen, sie hätten das Zusammenleben mit den Uwes viel plastischer, viel detaillierter schildern müssen. Stattdessen bleibt in ihrer Version nicht nur der Alltag der mutmaßlichen NSU-Terroristen nebulös, auch Böhnhardt und Mundlos bleiben vollkommen konturlos. Alles, was man über die Männer erfährt, ist, dass sie "zuvorkommend, tierlieb, hilfsbereit und liebevoll" gewesen sein sollen. Eine angebliche emotionale Abhängigkeit erschließt sich daraus nicht.

Wer den Angeklagten Carsten S. im NSU-Prozess gehört hat, hat erleben können, was eine glaubhafte Aussage ist. S. hat Situationen anschaulich geschildert, er hat sich in Einzelheiten verloren, hat Dinge berichtet, die er selbst nicht verstanden hat. Er hat geweint, sich geschämt, mit sich gerungen. Er hat durch seine Worte alle im Saal mitgenommen nach Chemnitz, wo er Böhnhardt und Mundlos die Mordwaffe übergab. In den Köpfen seiner Zuhörer wurden Böhnhardt und Mundlos lebendig. Zschäpe aber hat mit ihrer Aussage kein Kopfkino, eher Kopfschütteln erzeugt.

Anders als Carsten S. ist Zschäpe nicht bloß wegen Beihilfe, sondern wegen Mittäterschaft zum Mord angeklagt. Darauf steht ohne Wenn und Aber eine lebenslange Freiheitsstrafe. Bei zehn Morden dürfte auch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld nicht zur Diskussion stehen. Strafmilderung ist überhaupt nur möglich, wenn die Verteidigung es schafft, dass Zschäpe nur wegen Beihilfe verurteilt wird. Das ist das ehrgeizige Ziel ihrer neuen Verteidiger.

Es ist nun an den Richtern, der Angeklagten mehr zu entlocken und sie vielleicht sogar doch noch zum Sprechen zu bringen. Richter Manfred Götzl hat am Mittwoch an Zschäpe appelliert, wenigstens Fragen zu ihrer Person persönlich und nicht, wie von den Anwälten angekündigt, alles nur schriftlich zu beantworten. Man wolle es sich überlegen, heißt es dazu von den Verteidigern. Am Dienstag geht der Prozess weiter.


Zusammengefasst: Die Erklärung, die am Mittwoch im NSU-Prozess im Namen von Beate Zschäpe verlesen wurde, enthält viele Formulierungen, die zu einer abhängigen Persönlichkeitsstörung passen. Dieses Bild ist wohl gewollt: So wollen die Verteidiger eine mildere Strafe für ihre Mandantin erreichen. Allerdings passt dieses Bild nicht mit den Aussagen von zwei Gerichtspsychiatern und Zeugen zusammen, die sie als stabil, selbstbewusst und unabhängig beschrieben.

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