Beate Zschäpes Zwist mit Verteidigerin Wohlformuliertes Misstrauen

Beate Zschäpe will ihre Verteidigerin Anja Sturm loswerden. Anders als beim ersten Versuch ist ihr Antrag diesmal deutlich und klar formuliert. Einen Gefallen hat sie sich damit aber nicht getan.

Verteidigerin Sturm, Angeklagte Zschäpe:  Neuer Störversuch
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Verteidigerin Sturm, Angeklagte Zschäpe: Neuer Störversuch


Warum Anja Sturm? Warum am vergangenen Mittwoch? Als Beate Zschäpe schon einmal versuchte, ihre Verteidiger loszuwerden, hatte sie einen Anlass: Damals im Juli 2014 war eine Zeugenbefragung durch ihre Verteidigung ungünstig für sie verlaufen. Sie habe kein Vertrauen mehr zu den Anwälten, teilte sie einem Wachtmeister mit, der daraufhin beim Senat vorstellig wurde. Diesmal ist ein Grund von außen nicht ersichtlich.

Vor einem Jahr wollte der Senat in Zschäpes Unmutsäußerung kein nachhaltig gestörtes Vertrauensverhältnis erkennen und verordnete weitere Zusammenarbeit. Seitdem kursiert der Begriff der "Zwangsverteidigung". Erwartungsgemäß schwelte der Konflikt weiter. Zuletzt artikulierte Zschäpe gegenüber dem Psychiater Norbert Nedopil ihr Unbehagen an der Verteidigung, ohne allerdings zwischen den Anwälten zu differenzieren. Ihr neuerlicher Störversuch schließt daran an.

Bei ihrem ersten Versuch wusste Zschäpe noch nicht, dass sie ihr Begehren in Form eines Antrags vorbringen und der Grund dafür ein schweres Zerwürfnis "aus Sicht eines vernünftigen Angeklagten" sein muss. Denn, so sagt der Gesetzgeber, es könne nicht im Belieben eines Angeklagten stehen, seine Pflichtverteidigung zu wechseln, nur weil ihm mal etwas nicht passt. Das hat Zschäpe begriffen und ihren Unmut diesmal in einem wohlformulierten Antrag dem Vorsitzenden in aller Deutlichkeit übermittelt.

Der unsichtbare Zwist

Was hat Frau Sturm ihr getan? Anfangs saß die Anwältin rechts neben der Angeklagten, vor einiger Zeit rückte sie einen Stuhl weiter und überließ ihrem Kollegen Wolfgang Stahl den Platz neben Zschäpe. Ansonsten war von außen keine Missstimmung zwischen den beiden Frauen zu erkennen. Möglich, dass sie sich in der letzten Zeit nicht mehr die Hand gaben, aber das kann auch Zufall gewesen sein. Es muss also eine Kommunikation außerhalb des Gerichtssaals stattgefunden haben, die Zschäpe bewog, erneut ihr Misstrauen zu äußern.

Vielleicht hat Frau Sturm zu ihrer Mandantin etwas gesagt - oder nicht gesagt -, was dieser missfiel. Hat sie versucht, Zschäpe zu etwas zu drängen oder unter Druck zu setzen? Gegen deren erklärten Willen? Kaum vorstellbar.

Zschäpe stimmte einst der Strategie des Schweigens zu, die ihr inzwischen angeblich schwer zu schaffen macht. Dass die Verteidiger sie dazu gezwungen hätten, allen voran Frau Sturm, hat noch nie jemand, am wenigsten Zschäpe selbst behauptet.

Eine Frau an ihrer Seite

Frau Sturm verteidigt nicht schlechter als ihre Mitstreiter. Sie mag bisweilen etwas unsicher bei der Befragung von Zeugen sein. Allerdings hat sie auch mehr als ihre Kollegen mit harscher Kritik aus Anwaltskreisen zu kämpfen, seit sie das Mandat übernommen hat. Axel Weimann, ihr damaliger Kanzlei-Chef, und andere Strafverteidiger aus dem linken Lager distanzierten sich von ihr, sodass sie, kaum von München in Berlin angekommen, nach Köln flüchtete, wo sie bei Mitverteidiger Wolfgang Heer unterkam.

Dieser macht vor Gericht kaum eine bessere Figur, wenn er dem Vorsitzenden manchmal ins Wort fällt, um anschließend geradezu unterwürfig wieder um dessen Gunst zu buhlen. Stahl wiederum befragt Zeugen zwar besser als Sturm und Heer zusammen, vergalloppiert sich dabei aber auch mal, so dass am Ende ein unerwünschtes Ergebnis herauskommt.

Zschäpe, so wurde kolportiert, habe schon vor Prozessbeginn zusätzlich zu Heer und Stahl eine Frau in der Verteidigung haben wollen, die sich auch um persönliche Belange kümmere und nicht nur um Rechtsfragen.

Der Angeklagten wird eine Neigung zu manipulativem und intrigantem Verhalten nachgesagt. Versucht sie nun, nach 209 Verhandlungstagen, einen Keil zwischen ihre Anwälte zu treiben?

Sie scheint sie gegeneinander auszuspielen. Sie war über Jahre hinweg vertraut im Umgang mit zwei Männern: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Möglicherweise hofft sie, dass zwei Verteidiger, wieder zwei Männer, sich ihren Wünschen willfähriger zeigen als eine Verteidigerin. Sturm ist eine zurückhaltende, eher defensiv agierende Person. Keine laut herumschreiende, machtbewusste Furie, die ihren Willen gegen die Wünsche ihrer Mandantin durchsetzt. Schwer vorstellbar, dass sie sich Zschäpe gegenüber grobe Ehrenrührigkeiten hat zuschulden kommen lassen.

Von wegen unbedarftes Hausmütterchen

Es ist leicht, fehlendes Vertrauen mit Argumenten zu begründen, die sich der Nachprüfbarkeit entziehen. Der oder die Angegriffene kann sich dagegen kaum wehren. Zschäpe ist erfahren, anderen Menschen etwas vorzuspielen. Schert die Angeklagte zum wiederholten Mal aus dem Einvernehmen mit ihren Verteidigern aus, kann das Gericht eigentlich über eine Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses nicht mehr hinwegsehen. Das Nedopil-Gutachten ist dafür ein zusätzlicher Beleg.

Käme der Senat dem Antrag nach, könnte der Prozess gleichwohl fortgesetzt werden, dann eben mit zwei Pflichtverteidigern.

Aber die Verteidiger müssten eigentlich offensiv mit dieser unglückseligen Situation umgehen und dürften sich nicht von einer übellaunigen Mandantin auf der Nase herumtanzen lassen. Sonst stehen sie zahnlos da. Wie klein wollen sie sich denn noch machen? Doch von einem Entschluss der drei Verteidiger, sich von dem Zschäpe-Mandat zu trennen, ist nichts bekannt, im Gegenteil. Frau Sturm begehrt nicht auf. Der Eindruck, die Verteidigung klammere sich an das Mandat, geht wohl nicht fehl.

Zschäpe hat sich mit ihrer neuerlichen eigenmächtigen Störaktion keinen Gefallen getan. Denn der Senat wird daraus vermutlich weitere Rückschlüsse auf ihre Rolle innerhalb der Terrorzelle NSU ziehen. Von wegen unbedarftes Hausmütterchen. Man muss kein Prophet sein, um sich vorzustellen, wie der Vorsitzende Götzl demnächst mit gewohnter Souveränität auch diesen Antrag ablehnen wird. Nach dem Motto: Es bleibt alles beim Alten.

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