Begnadigte Norwegerin in Dubai: "Ich habe um mein Leben gekämpft"

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Marte Dalelv im Haus ihrer Mutter: "Einfach nur losgerannt"

Marte Dalelv zeigte in Dubai ihre eigene Vergewaltigung an - und wurde zu 16 Monaten Haft verurteilt. Nach internationalem Druck wurde sie schließlich begnadigt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schildert die 24-Jährige nun ihre Erlebnisse.

Es sind die ersten Stunden in Sicherheit, der erste Tag in der Heimat. Seit Mittwoch hat die in Dubai wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs verurteilte Marte Deborah Dalelv wieder norwegischen Boden unter den Füßen. Ihre Mutter Evelyn holte sie am Flughafen Torp bei Sandefjord ab, rund hundert Kilometer südlich von Oslo.

Nur knapp war die Norwegerin zuvor einer 16-monatigen Haftstrafe entgangen. Dalelv hatte einen Mann wegen Vergewaltigung angezeigt - und wurde schließlich von einem Gericht in Dubai selbst verurteilt. Weltweit hatte der Fall Empörung ausgelöst; ungewöhnlich deutlich schaltete sich auch die norwegische Regierung ein. Am Ende wurde die Haftstrafe fallengelassen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Dalelv, Ihre Begnadigung kam am Dienstag recht plötzlich. Haben Sie eine Ahnung, was die Regierung in Dubai dazu bewogen hat?

Dalelv: Da gab es sicher einigen Druck von außen. Von Seiten der norwegischen Regierung, aber auch über die sozialen Netzwerke. Das ist aber meine persönliche Einschätzung, gesprochen hat darüber niemand mit mir.

SPIEGEL ONLINE: Die Nachricht Ihrer Begnadigung muss eine immense Erleichterung gewesen sein. Wie haben Sie davon erfahren?

Dalelv: Mein Rechtsanwalt, ein Ägypter, der seit 16 Jahren in Dubai lebt, bekam einen Anruf vom Staatsanwalt. Wir sollten uns am nächsten Tag zu einem Treffen einfinden, es gebe etwas zu besprechen. Wir sind also da hin, mein Anwalt und ich, außerdem zwei Freunde und der norwegische Botschafter.

SPIEGEL ONLINE: Gab es eine Entschuldigung?

Dalelv: Nein. Die haben mich nur begnadigt. Und dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Die Welt weiß inzwischen sehr viel über Sie: Man kennt Ihren Namen, Ihr Gesicht, Ihren Heimatort. Warum sind Sie so forsch an die Öffentlichkeit gegangen?

Dalelv: In den vergangenen Monaten stand ich immer in Kontakt mit meiner Familie. Zusammen hatten wir eigentlich entschieden, dass ich keinen Kontakt zu den Medien aufnehmen soll. Es gab die Befürchtung, dass sich das negativ auf meinen Prozess auswirken könnte. Dass man ein Exempel an mir statuieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Das hatte sich dann mit dem Urteil erledigt...

Dalelv: ...danach konnte es ohnehin nicht mehr schlimmer kommen. Wir haben also entschieden, dass wir an die Öffentlichkeit gehen. Mein Vater sagte mir: Marte, jetzt musst du mit allen reden. Also habe ich das getan. Ich habe um mein Leben gekämpft.

SPIEGEL ONLINE: In der arabischen Presse heißt es, Sie hätten vor dem Prozess Ihre Vergewaltigungsvorwürfe zurückgezogen: Es habe sich danach in Wahrheit um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt. Ist das wahr?

Dalelv: Ja, das stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie das getan?

Dalelv: Polizei und die Staatsanwalt sagten mir, mein Fall sei sehr kompliziert und schwer zu beweisen. Ich würde vor Gericht niemals damit durchkommen. Niemand würde mir glauben. Ich sollte also meine Vorwürfe zurücknehmen, dann wäre es leichter, den Fall abzuschließen. Ich könnte dann raus aus Dubai. Sogar mein damaliger Chef hat dahingehend auf mich eingewirkt.

Dalelv hatte seit 2011 für eine Inneneinrichtungsfirma in Katar gearbeitet. Auch in Dubai war sie für das Unternehmen unterwegs - der Mann, den sie der Vergewaltigung bezichtigt, ist ein Kollege. Nach einer Feier im März, so ihre Darstellung der Dinge, sei sie mit ihm per Taxi ins Hotel gefahren. Angetrunken habe sie ihn gebeten, sie zu ihrem Zimmer zu bringen. Stattdessen sei man aber nach einiger Überredung in seinem Zimmer gelandet, dort sei Dalelv schließlich eingeschlafen. Am Morgen sei es zu dem Übergriff gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Plötzlich standen Sie selber als Kriminelle da - außerehelicher Geschlechtsverkehr ist in Dubai verboten.

Dalelv: Ja, es war ein großer Fehler. Aber ich wollte eben einfach nach Hause. Später, vor Gericht, bin ich dann auf Anraten meiner Verteidiger zu der ursprünglichen Darstellung zurückgekehrt. Dass es eine Vergewaltigung war.

SPIEGEL ONLINE: Das hat Ihnen der Richter aber nicht geglaubt.

Dalelv: Ich hatte immer das Gefühl, dass er mir glaubt. Wir hatten Beweise, DNA-Material, sogar einen Zeugen. Als am Ende der Schuldspruch kam, waren wir überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in der Öffentlichkeit nie den Namen des Mannes genannt, den sie der Vergewaltigung bezichtigen. Warum nicht?

Dalelv: Aus Respekt vor seiner Familie. Ich möchte nur sagen, dass er aus dem Sudan kommt - und mehr nicht. Wir hatten zuvor etwa anderthalb Jahre zusammengearbeitet. Es ist ganz und gar seine Entscheidung, ob er sich zu dieser Sache bekennt.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nach dieser Nacht noch einmal Kontakt zu ihm?

Dalelv: Er war natürlich bei Prozessterminen dabei. Aber gesprochen habe ich mit ihm seither kein Wort. Er wurde ja auch verurteilt, zu 13 Monaten Haft. Und später begnadigt, so wie ich.

SPIEGEL ONLINE: Wann sind Sie eigentlich damals zur Polizei gegangen? Gleich nach der Tat?

Dalelv: Ja. Ich wurde ja sozusagen von der Vergewaltigung geweckt. Danach war jemand an der Zimmertür, es klopfte, der Kollege stand auf - und ich bin einfach nur noch losgerannt, runter zur Rezeption. Ich habe denen gesagt: Ruft die Polizei!

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie danach behandelt worden?

Dalelv: Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass mir die Polizei glaubt. Es kamen lauter merkwürdige Fragen zum Tathergang, technische Dinge zum Geschlechtsverkehr. Und nachdem ich meine Aussage gemacht hatte, fragte mich einer der Polizisten: Hast du uns gerufen, weil es dir nicht gefallen hat?

SPIEGEL ONLINE: Ihr Arbeitgeber hat Sie vor einigen Tagen gefeuert.

Dalelv: Das stimmt. Schon nach meiner Verhaftung bin ich freigestellt worden, wegen "unpassenden Verhaltens". Und nach dem Schuldspruch hat man mich endgültig entlassen. Das war natürlich ein harter Schlag.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt hieß es in der Presse, Ihr Chef wolle Ihnen Ihren alten Job wiederbeschaffen. Wie denken Sie darüber?

Dalelv: Das habe ich auch gelesen. Ich finde, das muss ich mit meinem Chef besprechen, bevor ich öffentlich darüber rede.

SPIEGEL ONLINE: Frau Dalelv, Sie wirken unfassbar diplomatisch - wir hatten eigentlich eine zornigere Frau erwartet. Auch für die Regierung in Dubai hatten Sie vor Ihrer Abreise nur freundliche Worte. Hat man Sie dort eingeschüchtert?

Dalelv: Wissen Sie, als ich in Dubai war, konnten diese Leute mit mir machen, was sie wollten. Natürlich war das beängstigend. Aber man muss eben auch ehrlich sein: Dass der Emir eine Person begnadigt, noch bevor sie ihre Haftstrafe antritt, das hat es noch nie zuvor gegeben. Also bin ich natürlich dankbar, dass ich nicht ins Gefängnis muss. Darauf möchte ich mich gern konzentrieren. Ich ziehe es vor, glücklich zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich vorstellen, jemals wieder in ein arabisches Land zu reisen?

Dalelv: Auch hier möchte ich Ihnen eine diplomatische Antwort geben. Es gibt so viele Orte auf der Welt, die ich noch nicht gesehen habe. Ich möchte sie gerne besuchen, bevor ich nach Dubai zurückkehre.

Das Interview führte Rainer Leurs

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