Behinderte Tochter getötet Bewährungsstrafe für 76-jährige Mutter

Um ihr einen Heimaufenthalt zu ersparen, tötete Anna D. ihre hilflose Tochter Johanna. Das Hamburger Landgericht verurteilte die 76-Jährige nun zu zwei Jahren Haft auf Bewährung.


Hamburg - Ende vorigen Jahres erstickte Anna D. ihre schwer behinderte Tochter Johanna mit einer Plastiktüte. Zuvor hatte sie die Tochter mehr als 52 Jahre lang betreut und gepflegt. Ohne fremde Hilfe. Das Hamburger Landgericht verurteilte die Angeklagte am Dienstag wegen Totschlags in einem minder schweren Fall zu einer Strafe von zwei Jahren Haft, die zur Bewährung ausgesetzt wird, wie eine Gerichtssprecherin sagte.

In seiner Urteilsbegründung sprach der Vorsitzende Richter von einem tragischen Fall und einer "psychischen Grenz- und Ausnahmesituation". Der zweitägige Prozess sei die "juristische Aufarbeitung einer menschlichen Tragödie, bei der das Strafrecht an die Grenzen dessen gestoßen ist, was es leisten kann und nach dem Willen des Gesetzgebers leisten soll".

Der Fall hatte Ende 2008 für Schlagzeilen gesorgt, als die Mutter ihre 52-jährige Tochter mit erstickte, weil sie mit der Pflege der Schwerstbehinderten an die Grenze ihrer physischen Kräfte gelangt war und keinen Ausweg mehr wusste. Die 52-Jährige hatte bei ihren 76 und 80 Jahren alten Eltern im Hamburger Stadtteil Steilshoop gelebt und war von diesen zeitlebens gepflegt worden. Der 80-jährige Vater ist jedoch mittlerweile demenz- und alkoholkrank und ebenfalls pflegebedürftig.

Die Tragödie hatte sich lange angebahnt, mehr oder weniger vor den Augen der Öffentlichkeit.

Der Richter betonte, die 76-Jährige habe ihre Tochter voller Hingabe aufopferungsvoll gepflegt, bis ihr die Kräfte geschwunden seien. Kurz vor der Tat sei sie aufgrund der Belastung durch Tochter und Mann an ihre körperlichen Grenzen gestoßen. "Sie hatte mit der Zeit solch ein drastisches Überforderungsgefühl, dass sie für sich und ihre Tochter keinen Ausweg mehr wusste", sagte der Richter weiter.

Am Abend des 29. November vergangenen Jahres, so das Gericht, habe die 76-Jährige in einer ausweglosen Situation beschlossen, ihre Tochter und sich selbst zu töten. Die 52-Jährige erstickte unter der über ihren Kopf gezogenen Tüte. Der Suizidversuch der Mutter, die sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte, misslang. Am übernächsten Tag rief sie einen Bestatter an und sagte, sie habe ihre Tochter getötet. Als daraufhin der verständigte Hausarzt und die Polizei eintrafen, legte die 76-Jährige sofort ein umfassendes Geständnis ab.

Da die Parteien auf Rechtsmittel verzichteten, ist das Urteil bereits rechtskräftig.

jjc/dpa



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