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17. Januar 2007, 18:58 Uhr

Behördenwahnsinn im Fall Kevin

Sozialarbeiter hat 240 Kinder gleichzeitig betreut

Bremer Jugendamt am Pranger: Vor dem Untersuchungsausschuss zum Tod des zweijährigen Kevin hat der frühere Amtsvormund des Jungen über eine extreme Arbeitsbelastung geklagt. Für 640 Kinder seien gerade einmal drei Betreuer zuständig gewesen.

Bremen - "Das schlechte Gewissen, weil sie sowieso nicht alles schaffen, das schiebt man vor sich her", sagte der 64-jährige Sozialarbeiter vor dem Ausschuss. Er betreue im Schnitt 240 Kinder. Nur 30 Prozent von ihnen kenne er gut. Zum Fall Kevin verweigerte er die Aussage. Der frühere Fallmanager des Jungen erschien nicht vor dem Ausschuss. Er hatte sich zuvor krank gemeldet. Ein neuer Anhörungstermin steht noch nicht fest.

Kevins Wohnhaus in Bremen: Schwerste Misshandlungen, obwohl er unter der Obhut des Jugendamtes stand
DDP

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Kevin war im Oktober 2006 tot im Kühlschrank seines drogenabhängigen Ziehvaters gefunden worden. Der Junge war vermutlich schon Ende April oder Anfang Mai an den Folgen schwerster Misshandlungen gestorben, obwohl er unter der Obhut des Bremer Jugendamtes stand.

Die Amtsvormunde hätten sich in der Vergangenheit mehrfach bei der Amtsleitung über ihre Arbeitssituation beschwert, sagte der Sozialarbeiter, der in Begleitung seines Anwalts erschienen war. Geändert habe sich aber nichts. Erst nach dem Tod von Kevin hatte der Senat angekündigt, die Zahl der Amtsvormunde auf sechs zu erhöhen.

Zugleich sagte der Zeuge, dass die Leitung des Jugendamts sehr auf die Kosten von Erziehungsmaßnahmen geachtet habe. Der Amtsvormund berichtete von einem Mündel, für das er im Januar 2005 auf Empfehlung des Gesundheitsamtes eine besonders teure Maßnahme beantragt habe. Erst im Oktober 2005 habe die Amtsleitung darüber entschieden. Dies habe rein finanzielle Gründe gehabt, sagte der Sozialarbeiter.

Schwere Versäumnisse des Fallmanagers

Gegen ihn sowie den früheren Fallmanager Kevins ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht. Vor dem Untersuchungsausschuss hatten Zeugen dem Fallmanager wiederholt schwere Versäumnisse vorgeworfen. Er habe regelmäßig nicht auf Warnhinweise reagiert, die auf eine Misshandlung Kevins hindeuteten. Eine Familienhebamme hatte den Fallmanager als "sehr unengagiert und konzeptlos" beschrieben.

Eine Kollegin des Jugendamtmitarbeiters beschrieb diesen als "angenehmen, netten Menschen". Sie habe wenig Einblick in seine Fälle gehabt. Alle seien in ihrer Arbeit sehr überlastet gewesen. Ein einziges Mal hatte die 57-Jährige mit Kevins Familie Kontakt. Nach einem polizeilichen Notlagenbericht hatte sie die Familie aufgesucht, weil der zuständige Fallmanager nicht da gewesen sei. Sie habe keine Notwendigkeit gesehen, das Kind in Obhut zu nehmen.

Sie habe immer im Hinterkopf gehabt, dass die Familiengerichte das Recht der Kinder, bei ihren Eltern zu leben, sehr hoch hielten. Bevor Kinder aus Familien genommen würden, müssten erst andere Hilfen fehlgeschlagen sein. Nach dem Tod von Kevin würden nun Kinder schon viel früher in Obhut genommen, sagte die Zeugin.

Janet Binder, ddp

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