Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Aktive Sterbehilfe: Belgischer Sexualstraftäter will doch nicht sterben

Archivfoto aus 2013: Frank Van Den Bleeken vor Gericht in Brüssel Zur Großansicht
AFP

Archivfoto aus 2013: Frank Van Den Bleeken vor Gericht in Brüssel

Ein belgischer Sexualstraftäter wollte aktive Sterbehilfe in Anspruch nehmen, weil er nach eigener Aussage "unerträgliche psychische Qualen" in Haft erleide. Wenige Tage vor dem Todestermin entschied er sich nun anders.

Brüssel - Frank Van Den Bleeken wollte sterben - und der belgische Staat sollte ihm dabei helfen. Der 51-Jährige sitzt wegen Sexualverbrechen seit mehr als 30 Jahren im Gefängnis, wo er nach eigener Aussage "unerträgliche psychische Qualen" erleidet. Ihm wurde die in Belgien erlaubte aktive Sterbehilfe zugesprochen.

Nach einem Bericht der Zeitung "De Morgen" war die tödliche Giftinjektion eigentlich für den 11. Januar im Gefängnis von Brügge geplant. Doch nun hat sich Van Den Bleeken doch für das Leben entschieden. Er werde einen Platz im Justiz-Psychiatriezentrum in Gent bekommen, teilte der belgische Justizminister Koen Geens in Brüssel mit. Die Hintergründe sind bislang unklar.

Justizminister Geens erklärte, die behandelnden Ärzte hätten die Prozedur zur Sterbehilfe nicht weiter verfolgt. In Belgien entscheiden der Patient und die Mediziner, nicht die Behörden, über den Schritt. "Die persönlichen Motive dieser Entscheidung fallen unter das Arztgeheimnis."

Van Den Bleeken soll zunächst nach Gent verlegt werden, wie Geens weiter mitteilte. Zugleich gebe es nach Absprache mit den Niederlanden eine "klare Perspektive" für eine Verlegung in ein medizinisches Zentrum in den Niederlanden, das auf Langzeitaufenthalte spezialisiert ist.

Justizminister Geens kündigte zudem an, binnen sechs Monaten einen Plan zum Umgang mit psychisch gestörten Langzeit-Häftlingen vorzulegen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte Belgien in anderen Fällen bereits verurteilt, weil Plätze zur Unterbringung psychisch kranker Straftäter fehlten.

Van Den Bleeken war als 20-Jähriger wegen Mordes und wegen mehrerer Vergewaltigungen verurteilt worden. Er betrachtete sich selbst als Gefahr für die Gesellschaft und lehnte eine vorzeitige Haftentlassung ab. Zugleich bezeichnete er seine Haftbedingungen aber als unmenschlich. Eine Behandlung in einer niederländischen Spezialklinik lehnten die Behörden ab, woraufhin sich der Häftling entschied, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Im September erhielt er schließlich die Erlaubnis von den Behörden. Er leidet eigenen Angaben zufolge stark unter sexuellen Wahnvorstellungen.

Belgien hatte als zweites Land nach den Niederlanden 2002 das Recht auf Sterbehilfe eingeführt. Allein im Jahr 2013 nahmen 1807 Menschen diese Möglichkeit offiziell in Anspruch. Bedingung dafür ist, dass der Patient "freiwillig, bewusst und wiederholt" den Wunsch dazu äußert. In Deutschland ist die aktive Sterbehilfe verboten.

Sterbehilfe im europäischen Ausland

gam/dpa/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Arten der Sterbehilfe
Aktive Sterbehilfe
Der Tod eines Menschen wird absichtlich und aktiv herbeigeführt. Zum Beispiel, indem ein Arzt eine tödliche Dosis Medikamente verabreicht. Diese Form der Sterbehilfe ist in Deutschland verboten (Tötung auf Verlangen oder Totschlag oder gar Mord).
Passive Sterbehilfe
Lebensverlängernde Maßnahmen wie zum Beispiel künstliche Ernährung werden auf Wunsch des Sterbewilligen eingestellt. Er erhält eine schmerzlindernde Behandlung, die Grundpflege und Seelsorge werden beibehalten. In Deutschland ist diese Form bei entsprechendem Patientenwillen straflos.
Indirekte aktive Sterbehilfe
Ein Arzt verabreicht einem Patienten auf dessen Wunsch hin schmerzlindernde Medikamente, zum Beispiel Morphin. Eine lebensverkürzende Wirkung wird in Kauf genommen, ist aber nicht beabsichtigt. Diese Form ist in Deutschland straflos, aber die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist fließend.
Assistierte Selbsttötung
Eine Person leistet Beihilfe zum Suizid, etwa durch Beschaffung eines tödlichen Mittels. Der Patient muss es selbständig einnehmen, bei der Handlung darf nicht einmal jemand seine Hand führen. Beihilfe zum Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Ärzten drohen theoretisch jedoch berufsrechtliche Konsequenzen bis hin zum Entzug der Approbation: "Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten", heißt es in Paragraf 16 der Muster-Berufsordnung, wie sie als Empfehlung vom Deutschen Ärztetag beschlossen wurde. Allerdings haben mehrere Landesärztekammern die Formulierung abgewandelt oder gar nicht in ihre Berufsordnungen übernommen. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, kann sich laut SPIEGEL an keinen Fall erinnern, in dem es in den vergangenen Jahren wegen Sterbehilfe zum Entzug der Approbation gekommen wäre.
Patientenverfügung
In Deutschland haben Volljährige die Möglichkeit, in einer Patientenverfügung im Voraus schriftlich festzulegen, ob und wie sie in bestimmten Situationen ärztlich behandelt werden möchten (Paragraf 1901a, Bürgerliches Gesetzbuch). Diese Angaben sind - sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind - für Ärzte verbindlich. Ausführliches Info-Material stellt das Justizministerium zur Verfügung.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: