Prozess wegen Kindesentziehung Zwischen Mutterliebe und Selbstjustiz

Eine Berlinerin setzt sich mit ihrer Tochter nach Thailand ab. Mithilfe deutscher Kriminalbeamter wird das Kind zum sorgeberechtigten Vater zurückgeholt. Nun ist die Mutter zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Claudia K.
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Am Ende entscheidet auch dieses Gericht gegen Claudia K. Die gebürtige Berlinerin wird wegen Entziehung Minderjähriger zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die 45-Jährige, davon ist das Amtsgericht Tiergarten überzeugt, reiste mit ihrer Tochter über Malta nach Thailand aus, obwohl der Vater der Neunjährigen das alleinige Sorgerecht hatte.

In der Urteilsbegründung wendet sich Richterin Ulrike Hauser mit deutlichen Worten an K.: "Das, was Sie machen, ist Selbstjustiz üben." K., so die Richterin, halte sich nicht an das, was die Gerichte entscheiden, sie setze sich darüber hinweg, glaube, sie wisse es besser.

Schon früh wird in der Verhandlung deutlich, dass die Angeklagte seit Jahren am Urteilsvermögen derjenigen zweifelt, die in Deutschland Urteile sprechen. "Wenn mir hier in Deutschland niemand hilft, dann nehme ich meine Tochter und ziehe weg" - mit diesen Worten fasst Strafverteidiger Kai Jochimsen die Haltung seiner Mandantin zusammen. "Das, was die Vorsitzende Selbstjustiz nennt, bezeichne ich als Notwehr", sagt er nach der Hauptverhandlung vor Journalisten.

Seit dem 14. Juli sitzt die Angeklagte in Untersuchungshaft. Diese Zeit, und wohl noch mehr die Jahre davor, haben in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen. Die Augen sind gerötet, die Lider schwer, die Falten tief. Sie habe alles nur aus einem Grund getan, sagt sie: "Ich möchte mein Kind schützen, weil es nicht sicher ist."

Unbelegte Missbrauchsvorwürfe gegen den Vater

Die Gefahren, vor denen sie ihr Kind schützen wolle, gingen von dessen Vater aus, sagt K. Gegen ihn erhebt sie Missbrauchsvorwürfe. Die Angeklagte und ihr Anwalt sprechen von Schmerzen im Unterleib, die die Tochter jedes Mal gehabt habe, wenn sie nach dem Umgang mit dem Vater zu ihr zurückgekommen sei.

Die Vorwürfe sind heftig, aber offenbar substanzlos: Familiengerichte hielten sie in der Vergangenheit für unglaubhaft und auch das Strafgericht überzeugen sie nicht. "Missbrauchsvorwürfe sind das, was Jugendämter und Familiengerichte sofort auf die Palme bringt", führt Richterin Hauser nach der Urteilsverkündung aus. Im Fall des Vaters der Neunjährigen sei aber das Familiengericht nicht eingeschritten. "Das heißt: Die Vorwürfe stimmen einfach nicht", sagt Hauser.

Die familienrechtlichen Auseinandersetzungen begannen im Jahr 2013. Das Familiengericht Tempelhof-Kreuzberg entzog Claudia K. das Sorgerecht für das Kind und übertrug es allein dem Vater. Der Grund: K. hatte den Umgang des Vaters verhindert, in dem sie sich mit der Tochter nach Uruguay absetzte.

Mithilfe eines deutschen Beamten habe er seine Tochter dort gefunden und nach Berlin zurückgebracht, erzählt der Vater, der als Nebenkläger an der Hauptverhandlung teilnimmt. Der Makler, 46, trägt ein schwarzes Polohemd unter einem blauen Sakko. Er spricht leise.

Eine Facebook-Nachricht führt nach Thailand

Die Mutter bekam fortan nur noch ein Umgangsrecht. Im April 2014, so der Anklagevorwurf, brachte Claudia K. die gemeinsame Tochter von Berlin aus an einen unbekannten Ort und spätestens Mitte Mai nach Malta. Bei der Deutschen Botschaft in Valetta beantragte sie im Mai 2015 ohne die Zustimmung des sorgeberechtigten Vaters einen neuen Pass für die Tochter und bekam diesen auch ausgestellt. Schließlich reiste sie gemeinsam mit der Tochter nach Thailand.

Der Vater suchte jahrelang. Die Sorgen um die Tochter begleiteten ihn ebenso wie die Missbrauchsvorwürfe. "Die Vorwürfe waren immer so nebulös, sie wurden mit einem Bauchgefühl begründet", sagt er. Das Jugendamt sei zwar alarmiert gewesen, als es von den Vorwürfen erstmals etwas mitbekam. Die Angeklagte habe sie nie richtig konkretisiert. "Zum Schluss hat das dann auch niemand mehr ernst genommen", sagt er. Ihn des Kindesmissbrauchs zu bezichtigen, könnte das Kalkül einer früheren Anwältin von K. gewesen sein, vermutet der Vater.

Letztlich half ihm ein glücklicher Zufall. "Mich erreichte eine anonyme Facebook-Nachricht." Dieser Nachricht sei er nach Thailand hinterhergereist. Er habe seine Informationen einem BKA-Beamten an der deutschen Botschaft in Bangkok zur Verfügung gestellt. Dieser habe dann weiterermittelt. Der Zugriff erfolgte schließlich durch die thailändischen Behörden - im Beisein des Verbindungsbeamten vom BKA.

Seit wenigen Monaten befindet sich die neunjährige Tochter wieder in Berlin. "Sie geht in die dritte Klasse, ist fleißig, hat alte Freunde wiedergefunden und neue kennengelernt", sagt der Vater.

In den vergangenen Jahren wurde das Mädchen von seiner Mutter unterrichtet. Die Angeklagte konnte es nach eigenen Angaben nicht an einer Schule anmelden, weil sie sich so der Gefahr ausgesetzt hätte, vom Vater entdeckt zu werden. Das "home schooling" durch die Mutter sei relativ ordentlich gewesen, sagt der Vater. Die Tochter konnte in der Schule Anschluss finden. Nur für die vierte Klasse habe es nicht gereicht. Sie werde psychologisch behandelt, bleibende Schäden gebe es aber nicht.

Ungeklärte Fragen

Für die Tochter scheint das Schlimmste überstanden. Jedoch werfen die Dinge, die an diesem Tag im Saal des Kriminalgerichts Moabit zur Sprache kommen, Fragen auf, die mit Claudia K. zu tun haben, aber weit über ihren Fall hinauszugehen scheinen.

So spricht Richterin Ulrike Hauser nach der Verkündung des Urteils von "Strukturen", die sie hinter der Kindesentziehung vermutet. "Viel spricht dafür, dass mehr Leute beteiligt sein müssen, die das Ausreisen ermöglichten." Sie weist auf die zweifelhafte Rolle von Leuten in der Deutschen Botschaft hin. Diese soll in einem zweiten Fall der Kindesentziehung ebenfalls unrechtmäßig Dokumente ausgestellt haben.

Zu den Anhaltspunkten, die diese Vermutung stützen, zählt zum einen der Umstand, dass sich K. in Malta illegal Reisedokumente besorgen konnte. Zum anderen weist der Anwalt des Nebenklägers in seinem Schlussplädoyer auf die Rolle hin, die ein Berliner Mütterverein gespielt haben könnte. Er stellt in Frage, ob die Ausreise auch ohne diesen Verein möglich gewesen wäre.

Gegen den Verein wird derzeit dennoch nicht ermittelt. Im Vorfeld der Verhandlung zitierte die "Bild"-Zeitung den Vorsitzenden der Vereinigung der Berliner Staatsanwälte, Ralph Knispel: "Weder Polizei noch Staatsanwaltschaft sind wegen der Arbeitsüberlastung in der Lage, in der gebotenen Tiefe und Breite Ermittlungen führen zu können."



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