Urteil nach Angriff auf Kippa-Träger Frustriert, aggressiv - auch lernfähig?

Vier Wochen Arrest, die als bereits verbüßt gelten: Knaan Al S. kommt nach seinem Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin glimpflich davon. Das Gericht geht von der Tat eines Frustrierten aus - und setzt auf einen Lernprozess.

Angeklagter im Amtsgericht Berlin-Tiergarten
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Angeklagter im Amtsgericht Berlin-Tiergarten

Von Uta Eisenhardt, Berlin


Bevor das Gericht sich zurückzog, um über das Urteil zu beraten, ergriff Knaan Al S. nochmals das Wort. "Jeder macht mal im Leben einen Fehler. Ich habe aus der Sache viel gelernt", sagte er. Und: "Ich hoffe, nicht noch einmal in diese Situation zu geraten. Ich bereue zutiefst."

"Diese Situation", wie der 19-Jährige es nannte, löste in Deutschland viel Empörung und eine Debatte über Antisemitismus aus. Mitte April beleidigte Knaan Al S. mitten im gutbürgerlichen Berliner Viertel Prenzlauer Berg anlasslos einen 21-jährigen Israeli und schlug ihn mit einem Gürtel. Der Angegriffene filmte die Schläge und stellte die Aufnahme ins Internet.

Nun, nach zweieinhalbmonatiger Untersuchungshaft und zweitägigem Prozess, ist am Amtsgericht Berlin-Tiergarten das Urteil gegen den 19-Jährigen gefallen. Das Jugendschöffengericht unter dem Vorsitz von Günter Räcke verhängte wegen Beleidigung und Körperverletzung vier Wochen Dauerarrest, die angesichts der Dauer der Untersuchungshaft als vollzogen gelten - Knaan Al S. kommt frei.

Eine Vertreterin der Jugendgerichtshilfe wurde nicht müde zu wiederholen, Knaan Al S. verhalte sich längst noch nicht wie ein Erwachsener. Er wird für ein Jahr unter Erziehungsaufsicht gestellt. Ein Bewährungshelfer soll den 19-Jährigen unterstützen, seinen Platz im Leben zu finden.

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"Da ist einer ein bisschen zu früh aus dem Nest gefallen und mit dem Fliegen klappt es nicht so richtig", resümierte Richter Räcke die Biografie des Angeklagten. 2016 kam er als das jüngste von sechs Geschwistern nach Deutschland. Knaan Al S. stammt aus Syrien, einem Land, in dem der Staat Israel in keinem Schulbuch erwähnt wird, wie der Cousin des Angeklagten berichtete.

Knaan Al S. wurde als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling registriert. "Die Situation in meiner Heimat hat mich ängstlich gestimmt", gab er in seinem Asylantrag an. "Ich bin hierher gekommen, um mir eine Zukunft aufzubauen." Lehrer sollte er werden, das hätten sich seine Eltern für ihn gewünscht.

Anderthalb Jahre lang besuchte er in einem kleinen Ort bei Eisenhüttenstadt eine Schule. Dort sei er der einzige Asylant gewesen, beschimpft worden, einmal hätten zwei Mitschüler ihr Essen über ihm ausgekippt. Er wollte die Schule wechseln, auch weil ihm der Weg dorthin zu weit gewesen sei. Doch sein Betreuer habe sich darum nicht gekümmert.

Nach dem Abbruch der Schule ging es wohl nur noch bergab: Knaan Al S. begann, Drogen zu konsumieren, hatte keine Unterkunft. Dann strich ihm das Jobcenter auch noch das Geld. Er war sehr weit von dem entfernt, was sich seine Eltern einst von ihm gewünscht hatten. Und frustriert.

"Knaan Al S. lässt sich vom Zügel"

Dieser Frust, zeigte sich der Vorsitzende Richter überzeugt, könnte ein Grund gewesen sein, warum der 19-Jährige am 17. April nach einem Ventil suchte. An diesem Tag war er mit seinem Cousin und dessen Freund unterwegs, er sollte bei einem Umzug helfen und hatte keine rechte Lust dazu.

"Die Laune war schlecht", beschrieb Richter Räcke die Situation, in der zwei junge Kippa-Träger vorbeikamen. Sie liefen auf der anderen Straßenseite. "Knaan Al S. lässt sich vom Zügel, er fängt an, mit dem Gürtel zu prügeln", rekapitulierte der Richter. "Er fühlte sich im Recht. Das ist ein starkes Stück."

Der Vorsitzende machte deutlich: Hätte er den Angeklagten nach Erwachsenen- und nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt, hätte er wahrscheinlich eine Strafe von neun bis zehn Monaten Haft verhängen müssen. Und aufgrund des selbstherrlichen Gebarens von Knaan Al S. wäre diese wohl nicht zur Bewährung ausgesetzt worden. Am ersten Verhandlungstag hatte der Angeklagte gesagt: "Nur für mein Schlagen entschuldige ich mich. Das hätte nicht sein sollen, aber er hat meine Mutter beschimpft!"

Das Gericht ging davon aus, der 19-Jährige könne noch lernen, dass man in Deutschland niemanden wegen seines Geschlechts oder seiner religiösen Zugehörigkeit angreifen darf. "Die ideale Medizin steht uns nicht zur Verfügung", sagte der Richter.

Er versuchte es mit einer Auflage für den Angeklagten: Der soll eine Führung im "Haus der Wannsee-Konferenz" besuchen. Bei der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 trafen sich hochrangige Vertreter des NS-Regimes in Berlin, um den bereits begonnenen Holocaust, den millionenfachen Mord an Juden, möglichst effizient zu organisieren.

Das Gericht hofft, dass Knaan Al S. danach wirklich versteht, warum die Justiz Angriffe auf Juden in Deutschland ahndet - und warum seine Attacke so hohe Wellen schlug.

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