Urteil in Berlin Ein Mörder, jahrelang unerkannt

Dennis M. tarnte den Mord an seiner Ex-Partnerin als Suizid. Ermittler erkannten das nicht, der Mann tötete eine weitere Frau. Zu deren Angehörigen sagt der Richter beim Schuldspruch: "Wir haben keinen Trost."

Kriminalgericht Moabit (Archivfoto)
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Kriminalgericht Moabit (Archivfoto)

Von Uta Eisenhardt, Berlin


Wie zu einer Beerdigung gekleidet erscheinen die Kinder des Angeklagten Dennis M. Sein Sohn trägt eine schwarze Krawatte zum weißen Hemd. Auch seine Tochter und seine Stieftochter tragen Schwarz. Ein feierlicher Ernst liegt über den Menschen, die am Nachmittag den Saal 537 des Berliner Landgerichts betreten.

Der Angeklagte hat seine welligen Haare gegelt und in den Nacken gekämmt. Seine Augen sind dunkel umschattet. Wie einen Schutzschild trägt er ein riesiges Holzkreuz über dem geschlossenen Hemd.

Nach achtmonatiger Verhandlung ist die 22. Strafkammer unter dem Vorsitz von Peter Faust davon überzeugt, dass der Arbeitslose im Januar 2013 seine Ehefrau Ina, 50, heimtückisch erdrosselte. Knapp vier Jahre später erstach er seine Fast-Schwiegermutter, die 66-jährige Marita K., mit einem Messer und einem Schraubendreher. 16 Stiche zählten die Rechtsmediziner in ihrem Gesicht und Hals. Einen Tag später wurde Dennis M. verhaftet.

"Das sind zwei Tötungsdelikte brutalster Art", sagte der Vorsitzende. Lebenslange Haft, besondere Schwere der Schuld. Sicherungsverwahrung ist möglich. Dennis M. ist beim Urteilsspruch äußerlich unbewegt.

Gespannte Stimmung

Fast 30 Jahre währte die Beziehung zwischen Ina M. und Dennis M. Das Verhältnis mit dem leicht aufbrausenden, rechthaberischen Mann war konfliktreich, insbesondere als Ina M. Fotos fand, die dafür sprachen, dass Dennis M. sich regelmäßig an seiner Stieftochter vergangen hatte. Das Paar ließ sich scheiden. Ina M. bemühte sich um eine räumliche Trennung, schaffte es aber nicht, diese durchzusetzen.

Im Januar 2013 stritten sich Dennis M. und Ina M. heftig. Möglicherweise hatte sie ihren Wunsch kundgetan, Dennis M. endgültig zu verlassen. Auch dem Sohn des einstigen Paares war die gespannte Stimmung nicht entgangen.

Es war der Tag seines Umzugs, sein Vater fuhr ihn von Berlin nach Magdeburg, das Fahrzeug hatte Dennis M. bei seiner Firma entliehen. So konnte noch Jahre später ein Fahrtenschreiber Auskunft über die zeitlichen Abläufe geben: Während sein Sohn im Umzugswagen wartete, kehrte Dennis M. für Minuten in die Wohnung zurück, erdrosselte Ina M. und ließ sie im Flur liegen. Ihren angeblichen Abschiedsbrief musste er zu diesem Zeitpunkt schon geschrieben haben, denn nur zehn Minuten nach seiner Rückkehr alarmierte er die Polizei.

Rolle als Witwer unter Schock

"Natürlich hat die Polizei schlampig gearbeitet", sagte Staatsanwalt Frank Pohle in seinem Plädoyer. Den Beamten hätte so vieles merkwürdig erscheinen müssen, etwa der winzige Deckenhaken, durch den die Tote angeblich ein Verlängerungskabel gezogen hatte, um durch dieses wiederum das Antennenkabel zu führen, mit dem sie sich angeblich stranguliert hatte.

Auch der am Computer erstellte Abschiedsbrief war mehr als ungewöhnlich, ebenso die Tatsache, dass Dennis M. angab, er habe den Leichnam selbst vom Deckenhaken abgeschnitten. Doch der Mann hatte seine Rolle als geschockter Trauernder so gut gespielt, hatte alles so sehr nach einem Suizid aussehen lassen, dass Ina M.s Leiche lediglich fotografiert, jedoch nicht obduziert wurde.

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Fehler, wohin man sieht: Rechtsmediziner bemängeln Leichenschau-Praxis

Heute ist das Gericht davon überzeugt, dass die Position der Leichenflecken und der Verlauf der Strangmarken nur einen Schluss zulassen: Ina M. wurde mit einem Antennenkabel von hinten erdrosselt. Doch diese Möglichkeit wurde erst vier Jahre nach ihrem Tod diskutiert.

So hatte Dennis M. Zeit, Jessica K. kennenzulernen, mit der er im Sommer 2016 eine Liebesbeziehung begann. Er gab sich ihr gegenüber als wohlhabender, promovierter Akademiker aus. Im Gegensatz zu ihrer verliebten Tochter schenkte die 66-jährige Marita K. diesen Angaben bald keinen Glauben mehr. Aus den Zweifeln der Fast-Schwiegermutter erwuchsen Spannungen. Am Morgen des 21. November 2016 tötete Dennis M. die ihm körperlich deutlich unterlegene Seniorin.

"Tötung eines Menschen, um Konfliktsituationen zu bewältigen"

Wie es dazu gekommen war, konnte das Gericht nicht ergründen. Der psychiatrische Gutachter Karl Kreutzberg sagte dazu: "Herr M. betrachtet die Tötung eines Menschen als Handlungsoption, um Konfliktsituationen zu bewältigen." Doch welche Motive leiteten ihn bei seiner zweiten Tat? "Da kann man allerlei Spekulationen aufmachen", meint der Vorsitzende. Etwa die, dass Marita K. dem Plan des mittellosen Angeklagten im Wege stand, zu seiner Verlobten zu ziehen.

Doch sichere Anhaltspunkte gibt es dafür nicht, schon gar nicht für die These des Staatsanwalts, Dennis M. habe im Haus von Marita K. nach Geld gesucht, während diese ihre Enkel zur nahegelegenen Schule brachte. "Es muss ein Streit gewesen sein", sagt Richter Faust. Aber daraus ergibt sich kein Mordmerkmal, Dennis M. wurde in diesem Fall wegen Totschlags verurteilt.

Am Ende seiner Urteilsbegründung widmet sich Richter Faust der großen Tragik dieses Falles: Wenn Ina M. obduziert worden wäre, hätte Marita K. wohl nicht sterben müssen. Über dem Fall schwebt die schreckliche Ahnung, dass sich Ähnliches jederzeit wiederholen kann, wenn nicht jede Leiche von einem kundigen Rechtsmediziner begutachtet wird.

"Wenn die Ermordung von Ina M. richtig festgestellt worden wäre, hätte es eine große Wahrscheinlichkeit gegeben, dass der Angeklagte als Täter festgestellt worden wäre. Dann wäre die zweite Tat technisch nicht möglich gewesen. Die Polizisten dachten, das Richtige zu tun. Es ist sehr leicht, nach Kenntnis aller Umstände am grünen Tisch zu urteilen." An die Tochter und den Bruder von Marita K. gerichtet, sagt der Vorsitzende Richter: "Wir haben keinen Trost."



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