Türstehertod in Berlin Angeklagte Rocker im Mordprozess freigesprochen

Der Mord an dem Berliner Türsteher "Locke" bleibt ungeklärt: Ein Kronzeuge bezichtigte drei Rocker aus dem Umfeld der Hells Angels. Doch die Indizien reichten nicht für einen Schuldspruch.

Von Thomas Heise

Angeklagte Rocker vor Gericht (Archiv)
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Angeklagte Rocker vor Gericht (Archiv)


Der Mord geschah in einer angesagten Berliner Location. Mitten in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg liegt der Soda Club; coole Musik, cooles Ambiente. Hier arbeitete auch Sebastian K., Spitzname "Locke". Der Türsteher wurde in der Nacht zum 1. September 2013 vor dem Klub erschossen, er starb im Alter von 39 Jahren.

Der Täter: schwarz gekleidet. Die Tatwaffe: eine Neun-Millimeter-Pistole. Das Motiv, so vermutete es die Staatsanwaltschaft: Rache. Zwei Wochen zuvor war es zu einer Schlägerei zwischen Türstehern und Mitgliedern der Red Devils gekommen, einem Unterstützertrupp der Hells Angels.

Die drei Rocker Rene P., Dennis S. und Tommy F. mussten sich seit September 2014 wegen gemeinschaftlichen Mordes vor dem Berliner Landgericht verantworten. Nun ist das Urteil gefallen: Vom Vorwurf des Mordes wurden die Angeklagten freigesprochen.

Damit endet ein bemerkenswerter Prozess, der auch ein Schlaglicht auf den Umgang der Berliner Justiz mit schwierigen Kronzeugen wirft.

Kronzeuge Kassra Z.
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Kronzeuge Kassra Z.

Eine entscheidende Rolle spielt der frühere Hells Angel Kassra Z., genannt "Perser". Er hatte das Rockertrio im "Soda-Mord"-Fall belastet. Doch die Richter hielten den Kronzeugen für unglaubwürdig - im Gegensatz zu ihren Kollegen in einem zweiten großen Berliner Rockerprozess (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier).

Auch deshalb kamen die drei Rocker schon im Dezember vergangenen Jahres aus der Haft frei, die Richter sahen keinen dringenden Tatverdacht mehr. Dazu kam, dass eine am Tatort aufgefundene Zigarettenkippe mit DNA-Spuren des Angeklagten Rene P. zeitlich nicht zugeordnet werden konnte; sie hätte auch vor oder nach der Tat in Tatortnähe gelangt sein können, der Angeklagte habe dort häufig verkehrt.

Der Freispruch kommt daher wenig überraschend. Am Vormittag hielt die Staatsanwältin in Saal 621 des Berliner Landgerichts ihr Plädoyer. Das Interesse schien überschaubar: Ein Verteidiger versuchte, einen Knoten in einem Gummiband zu lösen. Nach einer halben Stunde rieb sich der Vorsitzende Richter Peter Faust die Augen, tippte dann weiter auf der Tastatur seines Rechners.

Die Staatsanwältin spulte die Fakten herunter: die vier Schüsse in der Mordnacht, die schwierige Ermittlungsarbeit der Polizei im Rockermilieu, der Kronzeuge Kassra Z. und eine DNA-Teilspur am Tatort. Zeugen, die sich vor Gericht entweder nicht mehr genau erinnern konnten oder ihre Aussagen wesentlich abschwächten.

Nach anderthalbjährigem Prozess sah selbst die Anklage nicht mehr die Möglichkeit, die Tat mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit nachzuweisen - und forderte Freispruch.

Rene P. und Dennis S. sollten jedoch wegen gemeinschaftlichen Raubüberfalls verurteilt werden: Sie sollen die als Prostituierte arbeitende Freundin des einen um 15.000 Euro erleichtert haben. Mit dem Geld, das ein Freier spendierte, wollte sie sich neue Brüste machen lassen. Das Gericht verurteilte P. zu drei Jahren Haft, S. zu zwei Jahren und zehn Monaten.

Der "Perser" gilt jetzt als Verräter

Der zweite Mordprozess mit dem Kronzeugen Kassra Z. dauert an. Auch hier geht es um Hells Angels, um Rache und einen kruden Ehrbegriff. Verhandelt wird vor der 15. Großen Strafkammer, die Richter glauben Kassra Z. in weiten, vor allem aber entscheidenden Teilen.

Z. geht mit seinen Aussagen ein großes Risiko ein. Der Mann, der früher mit seinen "Brüdern" auch in einem Rap-Video auftrat, gilt im Rockermilieu heute als Verräter. Zusammenarbeit mit den Ermittlern? Eine Todsünde.

Auch deshalb ist es für die Berliner Ermittlungsbehörden ein schwarzer Tag. Dass sich in absehbarer Zeit Kronzeugen zur Verfügung stellen, dürfte unwahrscheinlicher geworden sein. Zu groß ist für Leute wie Kassra Z. das persönliche Risiko und zu gering die Ausbeute.

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