Prozess um toten Ladendieb Woran starb Eugeniu B.?

Der Leiter eines Berliner Supermarkts stellt einen Ladendieb, prügelt auf ihn ein, zwei Tage später ist das Opfer tot. Starb der Mann durch diesen Akt der Selbstjustiz?

Angeklagter André S.
DPA

Angeklagter André S.


Tanja E., medizinische Fachangestellte in einer Arztpraxis, ist eine der wenigen, die Eugeniu B. in den letzten Stunden seines Lebens gesehen hat. Der Moldauer erschien am 19. September vergangenen Jahres kurz nach 9 Uhr in der Praxis, eingehüllt in eine dicke Jacke, eine Sonnenbrille auf. Der Obdachlose, 34 Jahre alt, wirkte fahrig, verschwitzt. So hat es Tanja E. Anfang März vor dem Landgericht Berlin beschrieben.

Sie fragte ihn, ob er Deutsch spreche. Eugeniu B. nuschelte vor sich hin. Sie sprach ihn auf Russisch an. Er schob die Sonnenbrille hoch, sie sah zwei riesige Hämatome am Auge. Eugeniu B. antwortete mit nur einem russischen Wort: "Zusammengeschlagen." Tanja E. hakte nach: "Wann ist das passiert?" - "Vor zwei Tagen." Sie schickte den Mann ins Krankenhaus. Wenige Stunden später erfuhr sie von zwei Polizeibeamten, dass Eugeniu B. seinen schweren Verletzungen erlegen war.

Woher stammen die Verletzungen? Trägt André S. die Verantwortung am Tod des Moldauers?

"Stumpfe Gewalteinwirkung"

André S. war Leiter eines Supermarkts im S-Bahnhof des Berliner Bezirks Lichtenberg und hatte Eugeniu B. zwei Tage vor dessen Tod beim Klauen erwischt, zum Lieferanteneingang gezerrt und dort auf ihn eingeprügelt. Der 29-Jährige muss sich derzeit vor dem Landgericht Berlin verantworten, er ist angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge.

André S. räumt ein, dass er nicht die Polizei gerufen, sondern als eine Art Lektion den Obdachlosen geschlagen hat. Er räumt auch ein, dass er sich davor schwarze Quarzhandschuhe anzog, um die Wucht der Schläge zu verstärken.

Aber starb Eugeniu B. an den Folgen dieser Schläge?

Todesursächlich seien ein Schädelhirntrauma, eine Schädelschwellung, eine Hirnblutung und Einblutungen gewesen, verursacht durch "stumpfe Gewalteinwirkung", sagt am Montag Gerichtsmediziner Philipp Möller. Das ist aber auch schon die einzige verbindliche Aussage, die er treffen kann.

Da die Blutungen zeitverzögert auftreten können, bleibt seinem Gutachten zufolge unklar, wodurch sie letztendlich ausgelöst wurden. Möglich seien drei Varianten: allein durch den Angriff von André S.; durch eine Prügelei davor, ohne dass die Schläge des Supermarktleiters eine Rolle spielten, Eugeniu B. also auch ohne sie verstorben wäre; oder aber die Schläge des Supermarktleiters waren in Verbindung mit einem weiteren Vorfall der Auslöser.

Verstörende Bilder

Aufzeichnungen von Überwachungskameras des Supermarkts zeigen einen Teil des Tathergangs an jenem Samstagmorgen, 8.12 Uhr, im September. Richter Ralph Ehestädt, Vorsitzender der 35. Strafkammer, lässt sie am Montag vorführen. Es sind verstörende Bilder, wie Eugeniu B. auf dem Boden des Lieferanteneingangs kauert und André S. mit der rechten Faust von oben zuschlägt. Einmal. Dann tritt er mit dem rechten Fuß auf den Obdachlosen ein und schlägt ein weiteres Mal zu.

André S. hebt danach die Sonnenbrille seines Opfers auf und schleift den Mann nach draußen. Zurück bleibt Blut auf den weißen Bodenfliesen.

Der Gerichtsmediziner kann aus dem Video keine weiteren Schlüsse ziehen. Aber für die anderen Prozessbeobachter nehmen die Vorwürfe, die André S. angelastet werden, erschütternde Konturen an: Der 29-Jährige wirkt erstaunlich geübt darin, Ladendieben in wenigen Sekunden seine Art von Lektion zu verpassen.

Ein Kriminalbeamter, der am Tatort Spuren sicherte, sagt vor Gericht, man habe neben den Mülltonnen, an der Ausgangstür und an einer Wand Blut sichergestellt. Ebenso an zwei Paar Schuhen, die man bei André S. zu Hause fand. Es war Blut von Eugeniu B. Aber es war auch Blut von unbekannten Personen.

Am kommenden Donnerstag will die Kammer die Beweisaufnahme schließen, dann könnten Oberstaatsanwalt Ralph Knispel und die Verteidigung ihre Plädoyers halten.



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