Antisemitische Übergriffe Hass in der Hauptstadt

Mit einem Gürtel hat ein Unbekannter in Berlin einen Israeli angegriffen - ein weiterer Fall antisemitischer Gewalt. Wie groß ist das Problem in der Hauptstadt?

Mann mit Kippa (Archivbild)
DPA

Mann mit Kippa (Archivbild)

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Es ist ein verstörendes Video: Mitten im bürgerlichen Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg schlägt ein junger Mann mit einem Gürtel in Richtung eines 21-Jährigen. Dabei ruft der junge Mann mehrmals "Yahudi", das arabische Wort für Jude.

Der Betroffene, der den Vorfall mit seinem Handy filmte, antwortete: "Jude oder nicht Jude, du musst damit klarkommen." (Mehr über diesen Fall lesen Sie hier.)

Im Video: Angriff mit Gürtel

Facebook/privat/JFDA

In Berlin kommen offenbar viele nicht damit klar, dass Menschen jüdischen Glaubens in der Hauptstadt leben. In den vergangenen Monaten kam es zu mehreren offenkundig antisemitisch motivierten Übergriffen.

  • Im vergangenen März verlässt ein Junge eine Schule in Berlin-Friedenau, weil er zuvor monatelang gemobbt wurde. Ein Mitschüler soll dem in England geborenen 14-Jährigen unter anderem gesagt haben: "Juden sind alle Mörder." Den Eltern des Teenagers zufolge wurde er zudem körperlich attackiert, fast erdrosselt und mit einer echt aussehenden Spielzeugpistole bedroht.
  • Im September beschimpft ein Jugendlicher im Stadtteil Prenzlauer Berg einen Mann. Der 15-Jährige beleidigt den Betroffenen vor einem Lokal in der Marienburger Straße antisemitisch, wie die Polizei später mitteilt.
  • Im Dezember bedrohen mehrere Gymnasiasten im Stadtteil Wedding einen jüdischen Mitschüler. "Ihr seid Kindermörder", rufen sie ihm zu, "Wallah, Hitler war gut!", und "Euch sollte man die Köpfe abschneiden." Die Schulleitung erlaubt dem Jungen daraufhin, zum eigenen Schutz während der Pausen im Gebäude zu bleiben.
  • Nur wenige Tage später bepöbelt ein Passant im Stadtteil Schöneberg den Israeli Yorai Feinberg, der mit einer Freundin vor seinem Restaurant steht. Der Passant beschimpft das Paar und sagt unter anderem, die Juden gehörten in die Gaskammern. "Was macht ihr eigentlich nach 1945 noch hier?", fragt er die beiden, "haben die Gaskammern nicht gereicht?"

Im Video: Wie jüdische Kinder in Berlin gemobbt werden

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Der aktuelle Fall verstärkt die Debatte über Antisemitismus weiter. Justizministerin Katarina Barley (SPD) sprach von einer "Schande", Außenminister Heiko Maas (SPD) bezeichnete den Vorfall als "unerträglich" - und Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnte vor einem "Bedrohungspotenzial" für Juden.

Das Problem betrifft nicht nur Berlin, aber offenkundig häufen sich in der Metropole zuletzt solche Angriffe und antisemitisches Mobbing an Schulen. "Offensichtlich ist es zunehmend problematisch, sich im - ich habe eher das Gefühl: großstädtischem Bereich offen als Jude erkennen zu geben", sagte Schuster.

Woher kommt dieser Hass, wer sind die Täter? Aus den offiziellen Statistiken geht hervor, dass die Tatverdächtigen meist politisch rechte Motive haben - und das bereits seit vielen Jahren. Bundesweit gab es 2017 laut vorläufigen Zahlen 1453 antisemitische Straftaten, von denen die Behörden 1377 dem rechten Milieu zuordneten. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Petra Pau hervor. Taten aus dem Bereich "islamistischer Extremismus/Terrorismus" machten im vergangenen Jahr nicht mehr als 25 Delikte aus.

Für Berlin liegen lediglich vorläufige Zahlen für 2017 vor - aber einiges deutet darauf hin, dass Antisemitismus in der Hauptstadt ein wachsendes Problem ist: Die Polizei hat dort im vergangenen Jahr 288 antisemitische Vorfälle erfasst, wie aus einer Antwort des Innensenators auf eine Anfrage des Berliner CDU-Abgeordneten Peter Trapp hervorgeht. 2016 waren es 197 Fälle.

Solche Statistiken sind allerdings umstritten. Kritiker bemängeln, diese Zahlen könnten nicht die Realität über die Verbreitung von Antisemitismus widerspiegeln: Viele Vorfälle werden demzufolge gar nicht erst zur Anzeige gebracht oder bewegten sich nur am Rande oder außerhalb der Strafbarkeit. Hinzu kommt, dass antisemitische Übergriffe anfänglich oft nicht als solche erkannt und klassifiziert werden.

Dies sind einige der Gründe, weshalb es auch ganz andere Angaben gibt: Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) erfasste 2017 in Berlin insgesamt 947 antisemitische Vorfälle, die Bürger gemeldet hatten. Darunter waren 18 Angriffe, 23 Bedrohungen, 42 Sachbeschädigungen sowie 185 Vorfälle von Massenpropaganda.

Die vom Land Berlin geförderte Einrichtung zählte zudem 679 Fälle sogenannten verletzenden Verhaltens. Stark gestiegen seien vor allem Meldungen über antisemitische Vorfälle im Internet. "Ob in der Schule, am Arbeitsplatz oder auf der Straße", sagt Sigmount Königsberg, der Antisemitismusbeauftragte der Jüdischen Gemeinde in Berlin: "Fast alle haben schon einmal in ihrem Alltag Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht."

Mitarbeit: Almut Cieschinger und Mara Küpper (Dokumentation), Katja Braun (Grafik)

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