Neuer Mordprozess gegen Berliner Raser "Für mich persönlich bleibt es Mord"

Mitten in Berlin lieferten sich Marvin N. und Hamdi H. ein Autorennen - am Ende war ein Unbeteiligter tot. Nun stehen sie deswegen zum dritten Mal vor Gericht. Wieder geht es um die Frage: War es Mord?

Einer der Angeklagten mit Anwälten im Kriminalgericht Moabit
DPA

Einer der Angeklagten mit Anwälten im Kriminalgericht Moabit

Von Wiebke Ramm, Berlin


Maximilian Warshitsky möchte gern zur Ruhe kommen. Er will endlich abschließen können. Doch das wird noch eine Weile dauern. Zum dritten Mal hat vor dem Landgericht Berlin ein Prozess um den Tod seines Vaters und den Wahnsinn junger Männer begonnen, die in grenzenloser Selbstüberschätzung mit rund 160 Stundenkilometern nachts über den Berliner Kurfürstendamm rasten.

Marvin N. und Hamdi H. müssen sich wegen Mordes am Vater von Maximilian Warshitsky verantworten, außerdem wegen gefährlicher Körperverletzung und vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs. Das Verfahren hat eine lange Vorgeschichte: Ein erstes Urteil wurde aufgehoben, ein zweiter Prozess scheiterte kurz nach Beginn. Nun hat die dritte Hauptverhandlung begonnen.

"Immer wieder die ganzen Erinnerungen. Immer wieder die ganzen Gefühle. Das alles immer wieder durchzumachen, ist schwer", sagt Maximilian Warshitsky. Der 37-Jährige nimmt als Nebenkläger am Prozess teil. Seine Mutter verlor er bereits 2001, sie starb nach schwerer Krankheit. 15 Jahre später kam sein Vater Michael, ein Arzt im Ruhestand, auf dem Berliner Ku'damm ums Leben. In den ersten Stunden des 1. Februar 2016.

381 PS gegen 225 PS

In dieser Nacht standen Marvin N. und Hamdi H. zufällig an einer Ampel mit ihren Autos nebeneinander. Hamdi H. gab Gas, als die Ampel auf Grün sprang. Marvin N. zögerte, dann raste auch er los. Weißer Mercedes AMG CLA 45 mit 381 PS gegen weißen Audi A6 TDI mit 225 PS. Über 20 Querstraßen und elf Ampeln hinweg, egal, ob sie auf Rot oder Grün standen.

Gegen 0.40 Uhr bog Maximilan Warshitskys Vater mit seinem Jeep nahe dem KaDeWe auf die Tauentzienstraße ein, die Verlängerung des Ku'damms. Die Ampel zeigte für ihn Grün. Von links raste Hamdi H. heran, krachte seitlich in den Jeep von Michael Warshitsky. Der 69-Jährige flog mit seinem Wagen 72 Meter durch die Luft, der Jeep landete vor dem Eingang eines Kaufhauses. Michael Warshitsky starb noch in seinem Auto. Die beiden jungen Männer blieben nahezu unverletzt.

Unfallort in Berlin (2016)
DPA

Unfallort in Berlin (2016)

Hamdi H., 29 Jahre alt, und Marvin N., 27, sind längst als "Ku'damm-Raser" in die Justizgeschichte eingegangen. In einem ersten Prozess hatte die 35. Strafkammer des Landgerichts Berlin die beiden im Februar 2017 wegen Mordes zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt - ein Novum in der deutschen Rechtsgeschichte: Zuvor waren illegale Autorennen mit tödlichem Ausgang höchstens als fahrlässige Tötung bewertet worden. Fünf Jahre Gefängnis stehen darauf, maximal.

Die Verteidiger von Hamdi H. und Marvin N. fochten das Urteil an, der Bundesgerichtshof (BGH) revidierte die Entscheidung und verwies den Fall zurück an das Landgericht Berlin. Der BGH kritisierte vor allem die Begründung des Tötungsvorsatzes: Die Richter in Berlin hatten festgestellt, dass Hamdi H. und Marvin N. den möglichen Tod anderer erst in der Sekunde erkannt und billigend in Kauf genommen hätten, als sie auf die Kreuzung fuhren.

Zum selben Zeitpunkt sollen sie nach Überzeugung der Berliner Richter keine Möglichkeit mehr gehabt haben, den Zusammenstoß noch zu verhindern. Darin liege ein Rechtsfehler, urteilte der vierte BGH-Senat, denn ohne Handlungsmöglichkeit könne nicht von einem bedingten Tötungsvorsatz gesprochen werden. Und um Marvin N. als Mittäter und damit ebenfalls als Mörder zu verurteilen, reiche es auch nicht aus, festzustellen, dass sich Hamdi H. und Marvin N. einig waren, ein Rennen zu fahren.

Im Video: Straßenrennen mit Todesfolge

ABIX

Im August startete vor der 40. Großen Strafkammer die Neuauflage. Weit kamen die Richter nicht. Die Verteidiger stellten für ihre Mandanten einen Befangenheitsantrag gegen die drei Berufsrichter, mit Erfolg. Die Richter hatten den Fortbestand des Haftbefehls mit dem alten, aufgehobenen Urteil begründet. Das reichte, um Zweifel an ihrer Unvoreingenommenheit aufkommen zu lassen.

Nun führt Richter Matthias Schertz das Verfahren. Stoff für einen neuen Befangenheitsantrag haben Schertz und seine Kollegen bisher nicht geliefert, sagt Rechtsanwalt Rainer Elfferding am Rande des Prozesses. Dem Antrag der Verteidigung, die Haftbefehle gegen die Angeklagten aufzuheben, kam auch diese Kammer nicht nach. Die Richter um Schertz begründeten das aber nicht mit Sätzen aus dem aufgehobenen Alturteil, sondern mit den bisherigen Ermittlungsergebnissen.

So stehen nicht die Richter im Mittelpunkt dieses ersten Verhandlungstages, sondern die Tat. Aus niederen Beweggründen und mit ihren Autos als gemeingefährlichen Mitteln hätten sich N. und H. des Mordes schuldig gemacht, sagt Staatsanwalt Christian Fröhlich bei Verlesung der Anklageschrift. Fröhlich schildert noch einmal den Moment der Kollision, die Wucht des Aufpralls. Er spricht über das Auto des 69-Jährigen, das durch die Luft flog und sich dabei um die eigene Achse drehte.

Der Sohn von Unfallopfer Warshitsky wirkt angespannt und blickt im Saal 500 unentwegt zu Hamdi H. Dieser erwidert den Blick nicht. Ihm ersten Prozess hatte er Maximilian Warshitsky noch unter Tränen um Verzeihung gebeten. Nun vermeidet es der Angeklagte, den 37-Jährigen auch nur anzuschauen.

"Wichtig, dass sie die Höchststrafe bekommen"

Seit etwa zweieinhalb Jahren sitzen die Angeklagten in Untersuchungshaft. Beide werden vor Gericht schweigen, das kündigen ihre Verteidiger außerhalb des Saals an. Hamdi H. wollte mal Kfz-Mechatroniker werden. Geklappt hat es nicht, zuletzt war er arbeitslos. Auch Marvin N. hatte beruflich wenig Erfolg: Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr jobbte er für eine Sicherheitsfirma. Auf die Frage, wie sehr die lange Verfahrensdauer seinen Mandanten belaste, sagt Anwalt Elfferding: Marvin N. habe auf ihn an diesem Tag erstaunlich ruhig gewirkt. "Er scheint ganz gute Nerven zu haben."

Vor der Saaltür wirkt auch Maximilian Warshitsky etwas entspannter. Er hege keine Rachegelüste gegen die Angeklagten, sagt er, auch keinen Hass. Er habe in den vergangenen Jahren einiges über das Rechtssystem gelernt. Wenn das Gericht zu dem Ergebnis kommen sollte, dass die beiden nicht wegen Mordes zu verurteilen sind, dann könne er auch damit leben - sofern der Strafrahmen voll ausgeschöpft werde.

"Es ist für mich wichtig, dass sie die Höchststrafe für ihre Tat bekommen", sagt Warshitsky. "Aber der Einzelfall muss betrachtet werden." Er sagt auch: "Für mich persönlich bleibt es Mord. Wie das Gericht es juristisch bewerten wird, müssen wir abwarten."

Nach nur zehn Minuten endet dieser erste Prozesstag, insgesamt 20 Verhandlungstage hat das Gericht bisher terminiert. Maximilian Warshitsky will an jedem einzelnen dabei sein.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.