Prozess gegen mutmaßliche IS-Terroristen Die Angst des Zeugen aus Mossul

Haben ein Vater und sein Sohn die Terrormiliz IS unterstützt? Das muss das Berliner Kammergericht klären. Die Aussagen eines Belastungszeugen werfen jedoch Fragen auf.

Angeklagter Abbas A. am 22. November vor Gericht
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Angeklagter Abbas A. am 22. November vor Gericht

Von Wiebke Ramm


Er hat kaum geschlafen und möchte den Gerichtssaal am liebsten schnell wieder verlassen. Majd A. ist die Anwesenheit der Angeklagten, die links und rechts neben ihm hinter Panzerglas sitzen, nicht ganz geheuer. "Ich habe Angst", sagt der 35-jährige Flüchtling aus dem Irak. Eine Dolmetscherin übersetzt. Er sorge sich um die Sicherheit seiner Eltern und Geschwister in Mossul.

Der Zeuge bittet das Gericht, die Angeklagten aus dem Saal zu schicken. Wovor er denn Angst habe, fragt der Richter. "Vor der Organisation", sagt der Zeuge. "Vor dem IS?" Majd A. nickt. Für einen Ausschluss der Angeklagten aus dem Saal reicht das nicht als Begründung. Die Angeklagten, Raad A. und Abbas R., dürfen bleiben.

Vater und Sohn müssen sich seit November vor dem 1. Strafsenat des Kammergerichts in Berlin wegen Mitgliedschaft in der islamistischen Terrororganisation IS verantworten. Der 43-Jährige und der etwa 19-Jährige sollen sich laut Anklage 2014 in Mossul dem IS angeschlossen und sich im Oktober 2014 an einer Hinrichtung beteiligt haben.

Im Juli 2015 kamen sie nach Deutschland. In Berlin soll sich der Vater weiter für die Terrormiliz engagiert haben. So soll er jemanden gesucht haben, der einen Selbstmordanschlag in der Berliner U-Bahn verübt. Die Vorwürfe gegen den Vater beruhen auf den Aussagen von Zeugen. Majd A. ist einer von ihnen.

Zwei Leichen werden aus dem Haus getragen

Majd A. lebte in Mossul in der Nachbarschaft der Angeklagten, vielleicht 400 Meter entfernt, wie er vor Gericht sagt. Man habe sich gekannt und gegrüßt, näheren Kontakt habe es nicht gegeben. Dreimal ist der Zeuge schon von der Polizei vernommen worden. Nun sagt er vor Gericht aus. Die Aussagen variieren. Es geht wild durcheinander.

In der Nacht auf den 9. Juni 2014 marschierte die sunnitische Terrorgruppe IS in Mossul ein und eroberte weite Teile der zweitgrößten Stadt des Irak. Schon einige Tage zuvor habe man sich in der Nachbarschaft erzählt, sagt der Zeuge, dass Raad A. zum IS gehöre.

Am frühen Morgen des 9. Juni, gegen 5 Uhr, ging Majd A. seinen Angaben zufolge aus dem Haus. Sein Vater ist Goldschmied, und er wollte das Gold aus dessen Geschäft nach Hause holen, um es vor Plünderungen zu sichern. Auf der Straße habe ein Mann gestanden und sich verzweifelt gegen den Kopf geschlagen. Der Mann habe gesagt, dass der IS seine Frau und seine Tochter getötet habe. "Der Raad hat auf meine Frau hingewiesen", soll der Mann gesagt haben.

Majd A. erzählt, er habe seinen Weg fortgesetzt und sei etwa eine Stunde später zurückgekehrt. Da hätten IS-Mitglieder zwei Leichen aus dem Haus des anderen Mannes getragen. Die etwa 45-jährige Frau und ihre 17-jährige Tochter seien Schiitinnen gewesen, der überlebende Familienvater Sunnit.

Im Juli 2017 soll Majd A. der Polizei noch gesagt haben, er habe selbst gesehen und gehört, wie Raad A. die Nachbarn zusammengetrommelt und gesagt habe: "Ich habe die Frau und die Tochter umgebracht, weil sie Schiiten sind." Den Vater habe er am Leben gelassen, weil er Sunnit sei.

Der Richter liest dem Zeugen die Stelle aus dem Protokoll vor. "Nein, nein, so etwas habe ich nicht gesehen, auch nicht gehört", sagt Majd A. Man habe sich davon nur in der Nachbarschaft erzählt. Der Richter liest weiter aus dem Protokoll vor. Wieder steht da, Majd A. habe selbst gehört, wie Raad A. die Morde gestanden habe. "So etwas hat Raad nie gesagt", sagt der Zeuge. Möglicherweise sei es ein Übersetzungsfehler.

"Deswegen waren die Feinde"

Der Richter konfrontiert ihn nun mit einer weiteren Aussage bei der Polizei, zwei Monate später. Diesmal steht im Protokoll, der Zeuge habe von Raad A. persönlich gehört, dass dieser den Mord an Mutter und Tochter nicht selbst durchgeführt, aber in Auftrag gegeben habe. Majd A.: "Ich habe das wirklich nicht gesagt." An anderer Stelle desselben Protokolls heißt es, nicht Raad A., sondern ein Nachbar habe ihm gesagt, dass der Auftrag von dem Angeklagten gekommen sei. Auch das habe er nicht gesagt. "Ich möchte hier nichts sagen, womit ich die Angeklagten zu Unrecht beschuldige", sagt der Zeuge.

Die Befragung dauert bereits mehrere Stunden. Da fällt Majd A. noch etwas ein. Als der IS die Leichen der Frauen aus der Wohnung holte, habe Raad A. vor dem Haus gestanden. Er habe gesehen, wie Raad A. in das Auto eines hohen IS-Funktionärs gestiegen sei.

Später berichtet Majd A. plötzlich, dass der Angeklagte die Frau und die Tochter belästigt haben soll. Sie hätten ihn abgewiesen, er hätte sie daraufhin beschimpft. Das sei noch vor der Machtübernahme durch den IS gewesen. Die Mutter soll Raad A. damals bei der Polizei angezeigt haben. "Das hat er Leuten erzählt, die es anderen Leuten erzählten, von denen ich es gehört habe", sagt Majd A. Die Polizei soll Raad A. dann mitgenommen haben. "Deswegen waren die Feinde." Wenig später korrigiert er sich, das hätten ihm nicht irgendwelche Leute, sondern ein Freund gesagt, dem die Mutter davon berichtet habe.

Der Richter fragt, ob der Sohn, Abbas, auch anwesend gewesen sei, als die toten Frauen aus dem Haus geholt wurden. Er erinnere sich nicht, sagt der Zeuge. Bei der Polizei hatte er noch davon gesprochen, Abbas R. habe mit einer Waffe in der Hand aufgepasst, dass die IS-Mitglieder ordentlich arbeiteten. "Klingt so, als habe Abbas die IS-Leute bewacht", sagt der Richter. "Wenn es da steht, wird es so gewesen sein", sagt Majd A. Und dann: "Ganz offen gesagt: Die Erinnerung ist weg."

Der Richter fragte weiter, hakt nach, hinterfragt, liest aus den Vernehmungsprotokollen vor. "Mein Kopf rauscht", sagt der Zeuge schließlich. Der Richter unterbricht die Befragung. Majd A. muss wiederkommen. Das Gericht hat noch einige Fragen, die Verteidigung von Raad A. und Abbas R. auch.



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