Sonderermittler zur Polizeiakademie in Berlin "Hier müssen die Alarmglocken schrillen"

Mehr Lehrer, ausführlicherer Deutschunterricht und Neuerungen beim Einstellungsverfahren - ein Sonderermittler fordert deutliche Veränderungen an der Berliner Polizeiakademie.

Berliner Polizeiakademie
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Der Sonderermittler Joseph Strobl hat im Abgeordnetenhaus in Berlin seinen Bericht zu den Missständen an der Berliner Polizeiakademie vorgestellt. Der Beamte aus Bayern bestätigte Mängel - stellte allerdings keine strafrechtlichen Verfehlungen fest.

Strobl konstatiert, der Ausbildungserfolg in Gänze sei grundsätzlich noch nicht in Gefahr. Allerdings gebe es deutlichen Nachbesserungsbedarf.

Zwei Semester Deutschunterricht seien etwa zu wenig, hinzu kämen Unterrichtsausfall und fehlende oder kranke Lehrer: "Hier müssen die Alarmglocken schrillen", sagte Strobl laut "Tagesspiegel" . Beim Einstellungsjahrgang Herbst 2017 seien 37 Prozent des Deutschunterrichts ausgefallen, obwohl bereits viele der Polizeischüler "unterdurchschnittliche" Deutschkenntnisse mit "großen Defiziten" aufgewiesen hätten. Es fehlten "Grundlagenkenntnisse der deutschen Sprache in Wort- und Schriftform". Außer mehr Lehrkräften sei seiner Meinung auch mehr Disziplin notwendig. Ordnung sei von Lehrern und Schülern gewünscht.

Strobl empfiehlt zudem

  • das gesamte Einstellungsverfahren zu überarbeiten;
  • mehr Personal bereitzustellen;
  • der Akademie vorerst keine weiteren Aufgaben zu übertragen;
  • die Organisationsstruktur anzupassen;
  • ein ganzheitliches Personalkonzept zu erstellen; und
  • die Akademie an einem Standort zu konzentrieren, den Zustand der Immobilien zu verbessern und Auszubildende gemeinsam wohnen zu lassen.

Tanja Knapp übernimmt Leitung

Die neue Leitung der Polizeiakademie muss Strobl zufolge mindestens fünf Jahre Zeit für Reformen haben. Diese Aufgabe fällt zukünftig Tanja Knapp zu - Innensenator Andreas Geisel stellte sie als neue Leiterin vor. Sie war bislang Polizeidirektorin des Abschnitts 53 in Kreuzberg. Im Februar hatte ihr Vorgänger Jochen Sindberg auf eigenen Wunsch seinen Posten geräumt.

Die neue Leitung, schreibt Strobl in dem Bericht, sollte es "als ihre erste und wichtigste Maßnahme ansehen, in allen Ebenen verlorengegangenes Vertrauen langsam, behutsam und nachhaltig aufzubauen und den 'Sand aus dem Personengetriebe' zu entfernen".

Auch Geisel forderte dem Bericht des "Tagesspiegel" zufolge Neuerungen: "Ohne Veränderungen ist der Erfolg der Ausbildung in Gefahr. Das müssen wir verhindern." 28 Millionen Euro sollen demnach in den kommenden Jahren in die Ausbildungsstätte investiert werden.

"Wenn das schiefgeht, haben wir in ein paar Jahren die Hölle auf der Straße"

Im November hatte es anonyme Schilderungen über Disziplinlosigkeit, Lernverweigerung, schlechte Deutschkenntnisse sowie Rechtschreibprobleme in einer Klasse mit vielen Schülern aus Einwandererfamilien gegeben. Unter den Nachwuchskräften soll es zudem antidemokratische Einstellungen und türkischen Nationalismus gegeben haben.

Im SPIEGEL beklagten Ausbilder auch Probleme beim Schießtraining. Außerdem beschwerten sie sich über Mängel in den Fächern Politische Bildung und Geschichte: "Diese sind so wichtig wie der richtige Umgang mit der Schusswaffe", sagte ein Lehrer dem SPIEGEL: "Wenn das schiefgeht, haben wir in ein paar Jahren die Hölle auf der Straße."

Außerdem gab es Spekulationen über eine angebliche Unterwanderung der Berliner Polizei durch kriminelle Clans. Die Polizei hatte das zurückgewiesen und einen diffamierenden Generalverdacht gegen arabisch- und türkischstämmige Schüler beklagt.

bbr/dpa

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