Prozess um toten Ladendieb Blutige Lektion am Liefereingang

Der Leiter eines Berliner Supermarkts soll einen Ladendieb zu Tode geprügelt haben. Vor Gericht gibt er Schläge mit Quarzhandschuhen zu. Er habe den Wiederholungstäter "belehren" wollen.

André S. mit seiner Verteidigerin Nicole Bédé
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André S. mit seiner Verteidigerin Nicole Bédé


Das Unbehagen ist André S. anzusehen. Im dunklen Saal 621 des Berliner Landgerichts knetet der 29-Jährige seine Hände, sucht nach Worten. Er weiß: Wenn sich bewahrheitet, was die Staatsanwaltschaft ihm zur Last legt, wird sein Leben wohl noch mehr aus den Fugen geraten als ohnehin schon.

André S. ist angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Er war der Leiter eines Supermarkts im S-Bahnhof Lichtenberg und soll verantwortlich sein für den Tod des 34-jährigen Ladendiebs Eugeniu B.

Der obdachlose Moldauer soll am 17. September vergangenen Jahres zum wiederholten Mal in der Edeka-Filiale versucht haben, zu klauen. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war das zu viel für den Filialleiter André S.: Er soll nicht die Polizei gerufen, sondern den Obdachlosen schwer misshandelt haben. Laut Anklage schlug er ihn mit Quarzhandschuhen, die die Wucht erhöhen, und trat den Wehrlosen auch mindestens einmal.

Erst am Morgen des 19. September ging Eugeniu B. zum Arzt, einige Stunden später erlag er im Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen. Die Klinik verständigte die Polizei. 40 Beamte der 8. Mordkommission durchsuchten den Supermarkt, sicherten Spuren. Aufzeichnungen von Überwachungskameras zeigen am Liefereingang einen Teil des Tathergangs.

"Ich wollte ihn in keiner Weise hart verletzen"

André S. sitzt auf der Anklagebank und versucht sich an einer Erklärung: Ja, er habe Eugeniu B. zum Hinterausgang gezerrt, die Quarzhandschuhe an, und ihn mit der Faust geschlagen. "Ich wollte ihn in keiner Weise hart verletzen. Ich hoffe inständig, dass es nicht mein Schlag war, der ihn so verletzt hat. Das könnte ich mir nie verzeihen."

Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass Eugeniu B. im Laden geklaut habe, so André S. Oft hätten er und seine Mitarbeiter die Polizei verständigt. Aber irgendwie hätten die Einsätze keine Wirkung gezeigt, weder bei Eugeniu B. noch bei anderen Ladendieben.

Er habe den Moldauer "belehren" wollen, sagt André S. und blickt auf seine Hände. Er habe gehofft, "wenn man einmal zeigt, dass das so nicht geht, dass man bei uns nicht klaut", dann habe das vielleicht Wirkung.

André S. beschreibt vor Gericht seinen Alltag als Filialleiter eines Marktes, der auch sonntags geöffnet hat: immer 15 Mitarbeiter im Einsatz, immer wieder Diebstähle. Er beschreibt die Angst vor rabiaten Ladendieben und den Frust nach erfolgloser polizeilicher Verfolgung.

Richter Ralph Ehestädt spricht von Notwehrsituationen und Schlüsselerlebnissen - aber von Eugeniu B. sei keinerlei Bedrohung ausgegangen. Warum entschied sich André S. also ausgerechnet in diesem Fall für Selbstjustiz?

Prügelfotos per WhatsApp

Nach der Prügelattacke warf der Filialleiter sein Opfer raus, übertrug Bilder aus der Überwachungskamera, die ihn beim Prügeln zeigen, und schickte sie per WhatsApp an den stellvertretenden Marktleiter. Versehen mit Hinweisen wie: "Guten Appetit, Moldawien" und "Zu Gast in Deutschland".

Er wundere sich über diese Bemerkungen, sagt Richter Ehestädt. André S. stammelt herum, seine Verteidigerin Nicole Bédé fällt ihm ins Wort: "Dafür gibt es einfach keine Erklärung!"

Das Gericht wird an den folgenden Verhandlungstagen klären müssen, ob die Verletzungen, denen Eugeniu B. erlag, von der Auseinandersetzung im Supermarkt stammten. Dass er sie vielleicht woanders erlitt, ist André B.s letzte Hoffnung.

Der 29-Jährige ist auf freiem Fuß. Jeden Tag muss er sich bei der Polizei melden. Im September vergangenen Jahres war er festgenommen worden und saß einen Monat lang in Untersuchungshaft. Das habe ihm gereicht, sagt André S.



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