Urteil in Berlin Mord als Altersvorsorge

Josef S. ermordete einen Rentner, lagerte die Leiche in der Tiefkühltruhe und lebte jahrelang vom Geld seines Opfers. Dafür muss der 56-Jährige nun ins Gefängnis. Abgeschlossen ist der Fall S. damit aber noch nicht.

Josef S. vor Gericht (Archivfoto)
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Josef S. vor Gericht (Archivfoto)

Von Uta Eisenhardt, Berlin


Als Josef S. bei der Urteilsverkündung das Wort "Mord" vernimmt, nickt er unwillkürlich. Es wirkt, als ob er einverstanden wäre. Doch das Nicken widerspricht seinen letzten Worten, die er den Richtern vor ihrer Beratung über sein Urteil mit auf den Weg gegeben hatte. Da versicherte der 56-Jährige mit fester Stimme: "Das, was geschehen ist, kann ich nicht rückgängig machen. Das geht nicht. Ich habe den Heinz nicht umgebracht!"

Das Berliner Landgericht unter dem Vorsitz von Peter Schuster verurteilte Josef S. dennoch zu einer lebenslangen Haftstrafe und stellte die besondere Schwere seiner Schuld fest.

Am 9. Januar 2017 wurde der Mord an Heinz N. entdeckt. Ein hartnäckiger Nachbar hatte zehn Jahre lang bei den verschiedensten Stellen darauf aufmerksam gemacht, dass der 80-Jährige verschwunden sei, dass ihm möglicherweise etwas zugestoßen sei und dass dies der Grund sein könne, warum es aus der Wohnung im Hochparterre links so stinke.

Beständig hatte der Nachbar versucht, eine Reaktion von Heinz N. zu provozieren: Er verstopfte und beschmierte dessen Briefkasten, verklebte das Türschloss mit Kaugummis und trieb schlussendlich einen Nagel dort hinein. Vergebens. Den einzigen Menschen, den er in der schlecht gelüfteten Wohnung antraf, war Josef S. Der versicherte ihm, dass Heinz N. sich bei seinem Bruder in Dresden aufhalte und sich aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst um seine Wohnung kümmere.

"Hier ist er" - in der Tiefkühltruhe

Dann rief der Nachbar ein letztes Mal die Polizei. Die Beamten stiegen gemeinsam mit der Feuerwehr in die Wohnung. Sie wären wieder gegangen, wenn nicht einer der Polizisten die Angewohnheit gehabt hätte, bei älteren Menschen immer nachzuschauen, ob sie genügend zu essen haben. In der Tiefkühltruhe zerschnitt er einen roten Müllsack, erblickte eine menschliche Hand und rief: "Hier ist er!"

Am nächsten Tag wurde Josef S. von einem Mobilen Einsatzkommandos von seinem Fahrrad gerissen, nachdem er den Briefkasten von Josef S. geleert hatte. Unter der Treppe in seiner Wohnung fanden die Kriminalisten einen Hohlraum. Darin lagerten nicht nur Ausweise und Geldkarten von Heinz N. und seiner verstorbenen Frau Liesel, sondern auch die von Irma K. Die 1924 geborene Frau ist seit Mitte 2001 spurlos verschwunden.

Die Ermittler hatten aufgedeckt, wie Josef S. seinen Lebensunterhalt finanziert hatte: Jahrelang hatte er von der 900-Euro-Rente seiner ehemaligen Nachbarin Irma K. gelebt. Er war dabei auf keinerlei Hindernisse gestoßen. Doch dann reichte dem wenig geschäftstüchtigen Trödler und Allround-Handwerker auch dieses Geld nicht mehr.

2005 lebten Josef S. und seine Freundin Tür an Tür mit dem Ehepaar N. Die Eheleute besaßen ein Grundstück, dass sie aus Altersgründen verkaufen wollten. Während dieser Verkaufsgespräche muss Josef S. mitbekommen haben, dass der frühere Ingenieur Heinz N. monatlich fast 1700 Euro Rente bezog.

Richter Schuster zeigte sich überzeugt: "Der Fall K. war für ihn die Blaupause für den Mord an Herrn N. Auf diese Idee muss man erst einmal kommen, dass das funktioniert!" Die Rentenversicherung, auch das kam während des Prozesses heraus, verlangt für ihre Zahlungen erst ab einem Alter von 95 Jahren den Nachweis, dass der Bezugsberechtigte noch lebt.

Schuss aus kurzer Distanz

"Den Mord an Heinz N. muss der Angeklagte lange geplant haben", sagt Richter Schuster. In den letzten Tagen des Jahres 2006, in einer Zeit also, in der sich niemand über einen lauten Knall wundert, muss Josef S. den Rentner aufgesucht haben, bewaffnet mit einer kleinkalibrigen Pistole.

Möglicherweise setzte Josef S. den arglosen Rentner zunächst mit einem Elektroschocker außer Gefecht, zwei bräunliche Vertrocknungen an der rechten Hand legen diese Vermutung nahe. Heinz N. starb durch einen Schuss in den Kopf, der aus etwa 30 Zentimetern Entfernung abgegeben wurde.

Rasch nach seinem Ableben, das belegen die rechtsmedizinischen Ergebnisse, muss Josef S. den Toten in vier Stücke zerteilt haben. Die Leichenstarre war noch nicht ausgeprägt. Auch das Einlagern in die Tiefkühltruhe muss rasch erfolgt sein, die Leiche wies keinerlei Fäulnis auf.

Josef S. äußerte sich in dem Prozess erst, als die Staatsanwaltschaft all ihre Beweise bereits präsentiert hatte. Er bekannte sich dazu, zur Finanzierung seiner Spielsucht nahezu das komplette Vermögen und die Rente von Heinz N. kassiert, seine Einkommenssteuer für ihn erstellt und seine Wohnung für ihn gekündigt zu haben. Er bestritt jedoch den Mord an dem Rentner. Er habe das Vertrauen von Heinz N. genossen und sollte auf dessen Wohnung aufpassen. Dort habe er ihn tot in seinem Sessel aufgefunden und sich nach einer schlaflosen Nacht entschlossen, diesen Umstand für sich zu nutzen.

"Die Kammer ist überzeugt, dass der Angeklagte es genauer weiß"

"Es gibt keinen Anhaltspunkt für einen Selbstmord", sagt Richter Schuster. Neben den Zweifeln der Rechtsmediziner an den Angaben des Angeklagten sei auch kein Motiv für einen Suizid zu finden: Heinz N. war rüstig und gesund.

In seinen letzten Worten sagte Josef S., dass er "auch keinen anderen Menschen" getötet hat. Dies bezog sich auf die Vermutung, er könne ebenfalls für das Ableben von Irma K. verantwortlich sein. Es sei wahrscheinlich, dass die heute 94-Jährige tot ist, so der Vorsitzende Richter. "Die Kammer ist überzeugt, dass der Angeklagte es genauer weiß."

Die Staatsanwaltschaft betreibt derzeit ein entsprechendes Ermittlungsverfahren. Allerdings gibt es wenig Hoffnung, dieses Rätsel zu lösen: Es gibt bislang keine Leiche.



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