Prozess gegen Raser in Berlin Das Auto als Mordwaffe?

Der Fall ist einzigartig: In Berlin stehen zwei Männer wegen Mordes vor Gericht, weil sie auf dem Ku'damm einen Rentner totgefahren haben sollen. Eine Zeugin berichtet vom Geschehen in der verhängnisvollen Nacht.

Angeklagte mit ihren Anwälten
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Angeklagte mit ihren Anwälten

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Die beiden jungen Männer stieren vor sich ins Leere, als sie am Morgen auf der Anklagebank Platz nehmen. Hamdi H., 27, schwarzes Hemd, schwarze Hose, eher klein, eher schlank, wirkt angefasst. Er beißt auf die Lippen, reibt sich die Augen, sein Kinn zittert.

Ein paar Plätze weiter, neben zwei Verteidigern, sitzt Marvin N., 24. Ein stämmiger Typ, weißes Hemd, graue Hose, Glatze. Ein Vollbart umkränzt sein Gesicht. Seit März sitzen die Männer in U-Haft.

Sie sollen im Februar in Berlin einen Rentner totgefahren haben. Mit Tempo 160 und Tempo 138 in der Spitze lieferten sie sich, so sieht es die Staatsanwaltschaft, nachts auf dem Ku'damm ein Rennen. An einer Kreuzung, an der sie zum wiederholten Mal eine rote Ampel ignorierten, stieß Hamdi H. laut Anklage mit dem Auto des Opfers zusammen und krachte anschließend in den Wagen von Marvin N.

Unfallort in Berlin am 1. Februar
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Unfallort in Berlin am 1. Februar

Nun hat vor dem Landgericht Berlin der Prozess begonnen. Er könnte ein Novum darstellen: Wohl noch nie ist in Deutschland in einem vergleichbaren Fall ein Urteil wegen Mordes gefallen. Den beiden Männern droht lebenslange Haft.

Staatsanwalt Christian Fröhlich unterstellt ihnen niedrige Beweggründe und eine Tatausführung mit gemeingefährlichen Mitteln. "Die Angeklagten", sagt Fröhlich, "wollten um jeden Preis das Straßenrennen gewinnen." Auch um den Preis eines Toten. Diese Folge sei ihnen bewusst gewesen.

Vor Gericht schweigen beide. Ihre Verteidiger greifen den Staatsanwalt dafür umso wortreicher an. Es sei schlimm, dass der Rentner bei dem Vorfall zu Tode gekommen sei, sagte Anwalt Rainer Elfferding, der Marvin N. vertritt. Sollte N. für den Tod mitverantwortlich sein, werde er die strafrechtlichen Konsequenzen zu tragen haben. "Das weiß er, und dazu ist er bereit."

Der Staatsanwalt aber wolle einen Präzedenzfall schaffen. Aus N. solle ein Mörder gemacht werden. Das sei ein strafrechtlicher Rahmen, "der nicht gerechtfertigt ist". Elfferding verweist auf einen Gesetzesvorstoß im Bundesrat, den Nordrhein-Westfalen jüngst gestartet hat.

Weil sich seit einiger Zeit die Fälle illegaler Straßenrennen häufen, bei denen Unbeteiligte sterben, will das Bundesland die Gesetze verschärfen. In Köln etwa waren im Frühjahr zwei Raser nach einem tödlichen Unfall mit Bewährungsstrafen davongekommen. In der Regel wird bisher wegen fahrlässiger Tötung Anklage erhoben. Der NRW-Vorstoß belege, so Elfferding, dass es für härtere Strafen ein neues Gesetz brauche - und keinen forschen Staatsanwalt.

"Wahnsinn"

Verteidiger Stefan Conen, der schon Rapper Bushido vertrat, nannte es "abseitig" anzunehmen, sein Mandant Hamdi H. habe einen bedingten Tötungsvorsatz gehabt, den der Staatsanwalt unterstelle. Dann müsse man in jedem Fall, in dem ein Autofahrer mit stark überhöhter Geschwindigkeit eine rote Ampel überfahre, ebenfalls einen solchen Vorsatz unterstellen.

Conen verwies darauf, dass die bloße Teilnahme an einem Straßenrennen bisher lediglich als Ordnungswidrigkeit gelte. "Hätten die Angeklagten die Unfallstelle ein paar Sekunden vorher passiert, wären sie straffrei geblieben."

Staatsanwalt Fröhlich wies den Vorwurf zurück, er wolle ein Exempel statuieren. Der Fall sei einzigartig, sagte er SPIEGEL ONLINE. Das Verhalten der beiden Männer sei "Wahnsinn" gewesen. Das vergleichsweise sehr hohe Tempo, die mehrfach ignorierten roten Ampeln, die lange Rennstrecke von 2,5 Kilometern in der City - all das erkläre in Summe den Mordvorwurf.

Dann gab er plötzlich Gas

Wie es dazu kam, dass die Männer aus dem Ku'damm plötzlich eine Todeszone machten, das soll Zeugin Vanessa K. erklären. Die 22-Jährige saß im weißen Mercedes von Marvin N. Als der Unfall geschah, trug sie selbst Blessuren davon.

K. erinnert sich daran, dass Hamdi H. in seinem Audi A6 an einer Ampel hinter ihnen auftauchte. Die beiden Männer hätten dann auf der Straße gestoppt, die Scheibe heruntergekurbelt und sich unterhalten, weil sie sich flüchtig kannten. Dann habe Hamdi H. plötzlich Gas gegeben, sei über zwei rote Ampeln gefahren.

Marvin N. habe da noch gewartet, kurz darauf aber beschleunigt und Rotsignale schließlich ebenfalls ignoriert. "Auf keinen Fall", sagt K., hätten sich beide zu einem Rennen verabredet. Sie habe Marvin N. irgendwann gefragt, warum er so schnell fahre, aber keine Antwort erhalten. Den Jeep, in dem das Todesopfer saß, habe sie gar nicht bemerkt, weil man auf der linken Spur gefahren sei.

Bei Detailfragen gerät K. ins Schlingern. Wie schnell man unterwegs war, ob Marvin N. wirklich mehrere rote Ampeln ignoriert hat, das weiß sie plötzlich nicht mehr genau. Irgendwann sagt sie: "Ich glaube, es war Rot."

Dass beide Angeklagten den Tod des Rentners zu verantworten haben, dürfte indes nicht zu bezweifeln sein. Verteidiger Peter Zuriel, der Hamdi H. vertritt, sagte auf dem Gerichtsflur, sein Mandant bedauere den Vorfall. "Er hat ein ganz schlechtes Gewissen." Aber: "Es war kein Mord."



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