Opfer von Berliner U-Bahn-Treter Immer eine Hand am Geländer

"Ich habe meinen Alltag liegen gelassen": Nach dem brutalen Tritt die Treppe hinunter litt Jana K. noch lange an den Folgen. Täter Swetoslaw S. entschuldigte sich nun vor Gericht, doch sie ließ ihn abblitzen.

Swetoslaw S. (links) mit Dolmetscherin und Anwalt vor Gericht (Archiv)
DPA

Swetoslaw S. (links) mit Dolmetscherin und Anwalt vor Gericht (Archiv)

Von Uta Eisenhardt


Im Herbst 2016 ging es Jana K. nicht besonders gut: Die zierliche, unscheinbare Studentin hatte sich therapeutische Hilfe gesucht, um ihre Angst vor Prüfungen zu überwinden und ihre Angst, vor anderen Leuten zu sprechen.

Am 27. Oktober kam die 26-Jährige von einem Besuch bei einer Freundin. Es war kurz nach Mitternacht, gerade hatte sie am Berliner S-Bahnhof Hermannstraße ihre Bahn verpasst. Ihr war kalt. Sie schlug sich ihre Kapuze über den Kopf und lief die Treppen hinunter in Richtung U-Bahnsteig. Dort war es wärmer.

K. trug Kopfhörer und hörte laute Musik. "Ich war gedankenverloren, habe meine Umwelt gar nicht richtig wahrgenommen", sagt sie. "Dann bin ich mit voller Wucht die Treppe hinuntergestürzt."

Mit ausgestreckten Armen versuchte sie, sich abzufangen; sie realisierte, wie sie mit der Stirn auf der letzten Treppenstufe aufschlug. Sie wandte den Blick nach oben, wo sie ein Paar Beine erkannte, die sich entfernten. Dann hob ein Mann eine Flasche auf. "Ich bin doch nicht gestolpert", habe sie noch gedacht, bis ihr jemand mitgeteilt habe, dass sie geschubst worden sei. Sechs Wochen später wurde Swetoslaw S. nach einer öffentlichen Fahndung als Täter identifiziert.

Nun steht S. vor dem Berliner Landgericht, angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung. Und Nebenklägerin Jana K. erzählt als Zeugin, wie sie den Angriff erlebte - und welche schweren Folgen er hatte.

In jener Nacht habe ihr eine Frau geholfen, ihre Sachen einzusammeln, die aus der Tasche gefallen waren. Andere Zeugen alarmierten die Polizei und den Rettungsdienst. Sie setzte sich auf eine Bank. Ihr Kopf schmerzte, sie bemerkte das Blut an ihrer Stirn. Im Krankenwagen fiel ihr auf, dass sie ihren linken Arm nicht ausstrecken konnte.

Die Ärzte stellten einen Bruch des Radiusköpfchens am Ellenbogen fest, außerdem eine Prellung des Schädels, des linken Handgelenks und der linken Beckenseite. Am Oberschenkel hatte sie ein Hämatom. Die Platzwunde auf der Stirn wurde geklebt, ihr linker Arm mit einer Gipsschiene ruhig gestellt. Nach drei Stunden konnte sie das Krankenhaus verlassen, nach zwei Wochen den Gips ablegen. Länger dauerte es, das Trauma zu überwinden.

"Ich bereue es. Glaub mir!"

Sie habe ihr Studium nicht fortgesetzt, sagt Jana K. "Ich habe meinen Alltag liegen gelassen." Ihrer Schilderung zufolge hielt sie sich nun immer am Geländer fest, wenn sie Treppen hinunterging. "Vier Monate habe ich nichts mehr gemacht, was mit der Außenwelt zu tun hatte - weil das ein unangenehmes Gefühl war, draußen zu sein."

Dieses Gefühl habe sich nicht gebessert, als Anfang Dezember das Video mit den Bildern der Tat veröffentlicht wurde. Erst eine im Januar begonnene Therapie habe ihr geholfen: "Aber ich bin nicht unbefangen, wenn ich allein unterwegs bin."

Als sie ihre Aussage beendet hat, erhebt sich Swetoslaw S. Aufgeregt wendet sich der 28-jährige Bulgare an die Frau, eine Dolmetscherin übersetzt seine Wörter aus dem Türkischen. "Ich entschuldige mich bei dir sehr stark. Dass ich dir Schmerzen zugefügt habe, tut mir sehr leid!" Er wiederholt sich in seinen Aussagen: "Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe. Ich stehe immer noch unter Schock. Es tut mir wirklich leid. Ich bereue es! Glaub mir!" Schließlich fügt er hinzu: "Ich habe gar nichts, was ich noch sagen könnte. Meine Hände und Füße zittern. Ich entschuldige mich bei jedem!"

Sie nimmt die Entschuldigung nicht an

Jana K. berät sich mit ihrer Anwältin und lässt diese für sich antworten: "Frau K. hat ihre Entschuldigung gehört, kann sie aber nicht annehmen. Solange Herr S. nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, macht es für meine Mandantin keinen Sinn, die Entschuldigung anzunehmen."

"Verantwortung übernehmen", damit meint sie den Umstand, dass S. angibt, sich nicht an die Tat erinnern zu können, weil er zuvor Alkohol und Drogen konsumiert habe.

Am kommenden Montag soll der psychiatrischen Sachverständige Alexander Böhle angehört werden. Er hatte sämtliche Krankenunterlagen angefordert, um nachzuvollziehen, mit welchem Resultat Swetoslaw S. vor neun Jahren nach einem schweren Autounfall behandelt worden war. Er hat den Angeklagten befragt und auch mit dessen Ehefrau gesprochen. Diese hatte wie viele andere Familienmitglieder von einer starken Wesensveränderung bei Swetoslaw S. berichtet. Seit seinem Unfall sei er vergesslich und aggressiv geworden, Letzteres besonders nach dem Konsum von Alkohol und Drogen.

Aus all diesen Angaben sowie den medizinischen und psychologischen Tests wird der Sachverständige Aussagen zur Schuldfähigkeit von Swetoslaw S. treffen. Sollte diese zur Tatzeit vermindert oder gar aufgehoben gewesen sein, muss das Gericht entscheiden, ob der Angeklagte statt im Gefängnis besser in einer forensischen Psychiatrie oder in einer Entziehungsanstalt unterzubringen ist.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.