Sexuelle Übergriffe unter Kindern "Große Scham und Angst"

Ein Zehnjähriger soll an einer Berliner Grundschule einen Gleichaltrigen vergewaltigt haben. Warum missbrauchen Kinder andere? Ein Therapeut gibt Antworten.

Junge (Symbolbild)
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Junge (Symbolbild)

Ein Interview von


Auf einer Klassenfahrt in der Uckermark sollen ein Viertklässler und zwei Mittäter einen zehnjährigen Mitschüler missbraucht haben. Die Berliner Senatsschulverwaltung bestätigte Medienberichte, denen zufolge zwei Elfjährige den Jungen festhielten, während ein Zehnjähriger ihn vergewaltigte. Die Täter, die aus Afghanistan und Syrien stammen sollen, mussten die Berliner Schule verlassen. Das Opfer befindet sich in der Obhut seiner Eltern.

Zur Person
  • Michaela Berbner
    Bernd Priebe (Jahrgang 1961) arbeitet für den Verein Wendepunkt mit Kindern und Jugendlichen, die sexuell auffällig oder übergriffig geworden sind. Die norddeutsche Institution kümmert sich schon seit vielen Jahren um Opfer sexueller Gewalt. Priebe, studierter Theologe und Tätertherapeut, leitet eine Zweigstelle, die auch mit den Tätern arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Priebe, Sie arbeiten seit Jahren mit minderjährigen Tätern. Wie oft begegnen Ihnen Fälle wie dieser?

Priebe: Das sind Ausnahmen. Normalerweise kommt es in diesem Alter nur äußerst selten zu massiven sexuellen Übergriffen. Im vergangenen Jahr kamen 17 Prozent der Fälle, die unsere Beratungsstelle erreichten, aus dem Grundschulbereich. Dabei ging es aber meistens um andere Auffälligkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Um welche?

Priebe: Im Hort oder in der Grundschule spielen sich Auffälligkeiten häufig auf der Toilette oder im Badezimmer ab. Kinder begleiten andere mit in den Raum, ziehen sich aus, zeigen ihre Genitalien oder spielen an sich herum. Manche reißen anderen auch die Hose herunter, fassen sie an oder attackieren sie verbal. Zudem werden in Spielen wie "Wahrheit-oder-Pflicht" Grenzen überschritten. Uns sind in der Vergangenheit schon Fälle begegnet, in denen ein Kind als Mutprobe den Penis eines anderen in den Mund nehmen musste.

SPIEGEL ONLINE: Wie stufen Sie diese Situationen ein?

Priebe: Wenn Erwachsene von diesen Fällen erfahren, läuft bei ihnen im Kopf sofort ein anderer Film ab. Sie assoziieren diese Situationen mit sexuellem Verhalten. Doch meistens werden Kinder in diesem Alter nicht übergriffig, weil sie nach sexueller Befriedigung suchen. Es geht vor allem um das Austesten von Hierarchien, indem ein Kind dem anderen befiehlt, was es zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Was steckt hinter den Grenzverletzungen von Kindern?

Priebe: Die Gründe sind ganz unterschiedlich: Häufig spielen die Kinder unverarbeitete Eindrücke nach. Das können der Umgang mit Sexualität in der Familie sein oder Filme und Fotos, die sie gesehen haben. Dahinter steckt bei manchen auch die Neugierde, Tabus zu brechen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern geht es um Macht?

Priebe: Auch das kann ein Grund sein. Vor allem im Übergang vom Kindesalter in die Pubertät steckt dahinter die Idee, den anderen mit seiner Handlung abzuwerten und ihn zu dominieren.

SPIEGEL ONLINE: Im Berliner Fall soll es sich um Kinder aus Afghanistan und Syrien handeln. Können auch Traumata dahinterstecken?

Priebe: Sicher dürfen wir in diesen Fällen auch eine Reinszenierung nicht ausschließen. Aber von Anfang an davon auszugehen, dass der Täter einen traumatischen Hintergrund hat und deshalb auffällig wird, ist falsch. Es gibt nicht den einen Grund, warum ein Kind sexuell übergriffig wird. Viele Erlebnisse und Erfahrungen kommen hier zusammen. Selbst mit erwachsenen Tätern, die wesentlich reflektierter sind als Kinder, kommen wir in unseren Sitzungen nicht auf den einen Grund. Diese Komplexität auszuhalten, ist nicht einfach - vor allem für Eltern, Lehrkräfte, Betreuerinnen und Betreuer.

SPIEGEL ONLINE: Einer der Jungen soll den Lehrern der Berliner Schule schon vorher durch gewalttätige Handlungen aufgefallen sein. Wie früh sollten Erwachsene eingreifen?

Priebe: Sobald ein Kind sich dauerhaft aggressiv äußert oder gewalttätig zeigt, müssen bei den pädagogischen Fachkräften die Alarmglocken schrillen. Denn massives Störverhalten kann ein Hinweis auf ein Trauma sein. Wichtig ist dabei, dass Eltern, Lehrer oder Betreuerinnen und Betreuer das Verhalten nicht nur als Störung wahrnehmen, sondern sich auf die Suche nach den Hintergründen machen.

SPIEGEL ONLINE: Was braucht es dafür?

Priebe: Entscheidend ist vor allem die Haltung von Kita, Schule und Eltern. Sie müssen transparent und offen mit Sexualität umgehen. Auf der einen Seite braucht es den Sexualkundeunterricht und eine funktionierende Sexualpädagogik. Auf der anderen Seite dürfen Eltern das Thema nicht tabuisieren. Nur wenn Kinder das Gefühl haben, offen über Sexualität sprechen zu können und eine Sprache dafür haben, vertrauen sie sich den Erwachsenen an, wenn etwas schiefläuft.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen die Kinder ihre Taten?

Priebe: Die jungen Täter wissen genau, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war. Dieses Bewusstsein ist meist schon vor ihrem Fehlverhalten da. Denn sie suchen sich für ihren Übergriff Orte fernab der Erwachsenen, damit sie nicht entdeckt werden. Auch wenn sich das Opfer wehrt, spüren sie, dass sie eine Grenze verletzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte mit minderjährigen Tätern umgegangen werden?

Priebe: Täter, Opfer, deren Familien sowie die Schulkameraden brauchen nach der Tat eine professionelle Betreuung. Übergriffe von Kindern lösen bei allen Betroffenen große Scham und Ängste aus. Jetzt gilt es, die Tat behutsam und sensibel aufzuarbeiten. Neben der Unterstützung des Opfers ist auch die Tätertherapie entscheidend. Je früher wir hier eingreifen, desto besser können wir einer weiteren Fehlentwicklung der Kinder entgegenwirken.



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