Berliner Jesuitenschule Bis zu 30 Missbrauchsopfer am Canisius-Kolleg

Der Skandal um Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche weitet sich aus: Täglich melden sich Opfer an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg. Nach SPIEGEL-Informationen sind Bistümer in ganz Deutschland betroffen. Seit 1995 soll es über 90 Verdachtsfälle gegeben haben.

Canisius-Kolleg in Berlin: Täglich neue Meldungen von Missbrauchsopfern
REUTERS

Canisius-Kolleg in Berlin: Täglich neue Meldungen von Missbrauchsopfern


Hamburg/Berlin - Die katholische Kirche in Deutschland kämpft mit einem Skandal um Kindesmissbrauch. Die Zahl möglicher Fälle ist bundesweit noch viel größer als bislang angenommen: Eine Umfrage des SPIEGEL bei allen 27 deutschen Bistümern ergab, dass seit 1995 mindestens 94 Kleriker und Laien unter Missbrauchsverdacht geraten sind. 30 von ihnen wurden in der Vergangenheit juristisch belangt und verurteilt.

Zum Epizentrum entwickelt sich das Berliner Canisius-Kolleg. Dort wurden die ersten Missbrauchsfälle öffentlich - nun melden sich an der Jesuiten-Schule täglich neue Betroffene: Wie die "Berliner Morgenpost" berichtet, steige die Zahl von Tag zu Tag. Die Zeitung beruft sich dabei auf die Anwältin Ursula Raue, die vom Jesuitenorden mit der Untersuchung beauftragt wurde. "Insgesamt dürften es jetzt um die 30 Opfer sein", zitierte das Blatt die Anwältin. Bislang waren erst die Fälle von 22 Kindern bekannt, die in den siebziger und achtziger Jahren an dem katholischen Elite-Gymnasium sexuell missbraucht wurden.

Kleriker zeigen sich betroffen vom Ausmaß. Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Jesuitenpater Hans Langendörfer, sagte SPIEGEL ONLINE: "Die Enthüllungen zeigen ein dunkles Gesicht der Kirche, das mich erschreckt. Wir wollen das Thema offen angehen."

Nur weniger Bistümer gehen in die Offensive

Dennoch bieten bislang nur wenige Bistümer den möglichen Opfern offensiv ihre Hilfe an. Das ergab eine dpa-Auswertung der Bistums-Internetseiten in Deutschland am Samstag: Nur fünf haben eine offizielle Stellungnahme zu den Vorwürfen auf ihrer Startseite ins Netz gestellt.

Das Erzbistum Berlin gehört zu den wenigen Diözesen, die im Web aktiv auf die Affäre eingehen. Auch das Bistum Hildesheim und das Erzbistum Hamburg, die ebenfalls direkt betroffen sind, äußern sich auf den Startseiten zu dem Skandal. Das Bistum Osnabrück zitiert den dortigen Generalvikar Theo Paul: "Mit Betroffenheit hat das Bistum Osnabrück auf die jetzt bekanntgewordenen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche reagiert." Dadurch sei ein großer Vertrauensbruch entstanden.

Mit den Stellungnahmen verlinkten diese Seiten sofort zu den offiziellen Ansprechpartnern der Bistümer für Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Diese Stellen waren 2002 nach einer neuen Leitlinie der Deutschen Bischofskonferenz in allen Bistümern eingerichtet worden.

Kritische Katholiken wollen neue Leitlinien

Kritische Katholiken-Gruppen fordern nun eine Korrektur der bischöflichen Leitlinien, die den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche regeln. So regt Bernd Göhrig, Geschäftsführer der "Kirche von unten", die Einführung unabhängiger Ombudsstellen an. Bei der am 22. Februar beginnenden Tagung der Deutschen Bischofskonferenz wollen sich die Oberhäupter der katholischen Bistümer mit dem kirchenweiten Missbrauchsskandal, der in der vorigen Woche durch die Ereignisse am Canisius-Kolleg Auftrieb bekam, auseinandersetzen.

In Fall Canisius sehen Experten kaum Chancen für Entschädigungen. Wie bei der strafrechtlichen seien auch bei der zivilrechtlichen Aufarbeitung Verjährungsfristen zu berücksichtigen, gaben sie am Freitag zu bedenken. Inzwischen sind Fälle von allen drei deutschen Jesuiten-Gymnasien - dem Berliner Casinius-Kolleg, dem Kolleg St. Blasien im Schwarzwald und dem Bonner Aloisiuskolleg - bekannt.

Nach Einschätzung der Berliner Staatsanwaltschaft sind die meisten bisher bekannten Fälle strafrechtlich verjährt. Die Vorermittlungen zu den Taten liefen zwar noch bis nächste Woche, sagte ein Justizsprecher, aber die Verjährungsfrist für diese Form sexuellen Missbrauchs betrage zehn Jahre ab dem 18. Geburtstag des Opfers und sei abgelaufen.

flo/dpa/ddp

insgesamt 2128 Beiträge
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Seite 1
black wolf, 06.02.2010
1.
Ja und nein. Das Zölibat an sich verstärkt sicherlich keine sexuellen Triebe. Allerdings kann die Repression des Triebs gerade dazu führen, dass die Gedanken permanent um sexuelle Ideen kreisen, weil man ständig vor Entscheidungen steht was man sich gestattet und was zu weit geht. Kann der Zölibatär sich nicht frei äußern - viele trauen sich nicht, mit Fachleuten über ihre Neigungen zu sprechen - nimt das Sexuelle mehr und mehr Raum ins einer (oder ihrer) Gedankenwelt ein. Manche Christen sehen das "Gedankenverbrechen" im SÜndenregister als vollauf gleichwertig mit tatsächlich begangenen Verbrechen. So wird aus einem kurzen Blick auf die Oberweite einer Frau ein Ehebruch - und das soll, auch wenn man nicht in der Lage war das logisch zu erklären, auch für Unverheiratete und Partnerlose gelten. Als in grauer Vorgeschichte das Sexuelle zum religiösen Ge- und Verbotsgegenstand gemacht wurde, begann die Misere. Bis heute können sich Religionen nicht aus dem Klammergriff dieser Besessenheit lösen. Sie müssen anscheinenend zwanghaft immer wieder darauf zurückgreifen, um sich ihrer Relevanz, ihrer Pflicht zum Eingriff ins Privatleben der Schäfchen sicher zu bleiben.
gerthans 06.02.2010
2. Hybris
Die Hybris des Menschen, der sich die Natur untertan macht, Mutter Erde mit Beton versiegelt, sie ausbeutet und vergiftet, begann mit dem Christentum: "Macht euch die Erde untertan!" Zur Natur gehört auch die Sexualität, und das Ideal vom asexuellen Priester, das so viele Leben vergiftet und so viel Schaden anrichtet, entspricht dem Ideal des homo technicus von der unterworfenen Natur.
sitiwati 06.02.2010
3. naja,
Zitat von black wolfJa und nein. Das Zölibat an sich verstärkt sicherlich keine sexuellen Triebe. Allerdings kann die Repression des Triebs gerade dazu führen, dass die Gedanken permanent um sexuelle Ideen kreisen, weil man ständig vor Entscheidungen steht was man sich gestattet und was zu weit geht. Kann der Zölibatär sich nicht frei äußern - viele trauen sich nicht, mit Fachleuten über ihre Neigungen zu sprechen - nimt das Sexuelle mehr und mehr Raum ins einer (oder ihrer) Gedankenwelt ein. Manche Christen sehen das "Gedankenverbrechen" im SÜndenregister als vollauf gleichwertig mit tatsächlich begangenen Verbrechen. So wird aus einem kurzen Blick auf die Oberweite einer Frau ein Ehebruch - und das soll, auch wenn man nicht in der Lage war das logisch zu erklären, auch für Unverheiratete und Partnerlose gelten. Als in grauer Vorgeschichte das Sexuelle zum religiösen Ge- und Verbotsgegenstand gemacht wurde, begann die Misere. Bis heute können sich Religionen nicht aus dem Klammergriff dieser Besessenheit lösen. Sie müssen anscheinenend zwanghaft immer wieder darauf zurückgreifen, um sich ihrer Relevanz, ihrer Pflicht zum Eingriff ins Privatleben der Schäfchen sicher zu bleiben.
die eigentlichen Leute, die den Sex verteufeln sind wohl die Christen ( WEib und Schlange) andere Religionen und Menschen sehn im Sex eben das, was er ist, ein Bedürfnis wie essen und trinken, und was verstehn Sie unter grauer Vorgeschichte??!
derblondehans 06.02.2010
4.
Zitat von sysopNach den jüngsten Missbrauchsfällen geraten nicht nur katholische Geistliche ins Zwielicht, wobei auch die Diskussionen um Ursachen und Wirkungen erneut entflammt sind. Befördert das Zölibat eine Neigung zum sexuellen Missbrauch?
So ein Unsinn. Nach allen vorliegenden Erkenntnissen ist Kindesmissbrauch kein spezifisch klerikales Problem - und mit Sicherheit kein Problem katholischer Geistlicher im besonderen. Eine Debatte über den Zölibat und die kirchliche Sexualmoral eignet sich daher nur als ideologischer Grabenkampf am eigentlichen Problem vorbei - oder aber als Ablenkung von Verantwortlichen für Verfehlungen ihrer Untergebenen gerade zu stehen. Das 'böse Rom' bekommt als Sündenbock nur allzu gerne den schwarzen Peter zugeschoben. Aber auch das ist Verdrängung - nicht Aufarbeitung von Schuld.
Rainer Helmbrecht 06.02.2010
5.
Zitat von sysopNach den jüngsten Missbrauchsfällen geraten nicht nur katholische Geistliche ins Zwielicht, wobei auch die Diskussionen um Ursachen und Wirkungen erneut entflammt sind. Befördert das Zölibat eine Neigung zum sexuellen Missbrauch?
Da ja bekannt ist, dass man um Priester zu werden zölibatär leben muss, muss man auch ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst haben. Die Kombination von der eigenen Störung und einem Verein, der die Mutter Maria entgegen des sonstigen Glaubens, eine besondere Rolle gibt, kann nur zu solchen Menschen führen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Staat/die Strafverfolgungsbehörden ihre Aufgaben nicht wahrnehmen und in Klöstern/Ausbildungsstätten Freiheiten gewähren, die in anderen Gemeinschaften und Vereinen zum Verbot dieser führen würden. Hätte der dt Fußballbund so eine Ansammlung von Pädophilen in seinen Reihen und würde diese dann noch durch Versetzungen in andere Gemeinden aus dem Fokus der Ermittlungen ziehen, hätte man den Dt Fußballbund schon aufgelöst. Die konsequente Trennung von Staat und Kirche ist Voraussetzung für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor diesen Gestörten. Der Ausspruch lasset die Kindlein zu mir kommen, darf nicht mit Pädophilie verwechselt werden. Die Selbstreinigungskräfte der Kirche sind seit Hunderten von Jahren nicht ausreichend gewesen. MfG. Rainer
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