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Berliner Poker-Räuber: Reingehen, brüllen, abräumen

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Sie wirkten martialisch - und waren doch nur dilettantisch. Der Überfall auf das Pokerturnier in Berlin im März war noch stümperhafter als bisher bekannt. Die Täter stürmten planlos in das Luxushotel, machten eklatante Fehler, einer ließ aus Eitelkeit sogar die Handschuhe weg. Rekonstruktion eines Pseudo-Coups.

Überfall auf Pokerturnier: Wie gewonnen, so zerronnen Fotos
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Hamburg - Ein Casino, mehrere bewaffnete Räuber, die fette Beute machen - was war verlockender, als den Überfall auf das Pokerturnier in Berlin vor zweieinhalb Monaten mit dem ganz großem Kino zu vergleichen? Die Nachrichtenagentur AFP erinnerte der Coup sogar an "Ocean's Eleven".

Doch inzwischen zeigen die Ermittlungen des Landeskriminalamts und der Staatsanwaltschaft, dass am Nachmittag jenes 6. März 2010 keine smarten Gentleman-Gangster am Werk waren, sondern eine Gruppe Kreuzberger und Neuköllner Jungkrimineller, die sich bis dahin eher mit den szenetypischen Delikten abgegeben hatte: Körperverletzung, Diebstahl, Drogen. Gegen elf Uhr vormittags trafen sich bei McDonald's unweit des Tatorts

  • Vedat S., 21, ein ungelernter Sozialhilfeempfänger,
  • Ahmat El-A., 20, ein abgebrochener Rettungsassistent ohne Job und Amateurboxer im Polizeisportverein,
  • Mustafa U., 20, ein ungelernter Arbeitsloser, Intensivtäter und vorbestrafter Räuber,
  • Jihad C., 19, ein ehemaliger Berliner Boxmeister, polizeibekannt, ohne Ausbildung und Arbeit, und
  • dessen Onkel Ibrahim "Ibo" El-M., 28, ein arbeitsloser Kfz-Mechaniker mit neun Geschwistern.

Die Männer parkten eines ihrer Autos, einen auf Vedat S. zugelassenen Mercedes C 190, direkt vor der Tür, futterten Burger und benahmen sich stundenlang so auffällig, dass sich später eine Handvoll Zeugen auf Anhieb an sie, den Benz und dessen Kennzeichen erinnern konnte. Ihre Handys jedoch schalteten die Männer wohlweislich aus, nahmen außerdem Akkus und Sim-Karten heraus.

Drahtzieher des dilettantischen Coups

Laut Anklage hatte Ibrahim El-M., der als Drahtzieher des dilettantischen Coups gilt, die Truppe am Morgen zusammenrufen lassen. Den meisten seiner Handlanger soll bis zuletzt gar nicht klar gewesen sein, worauf sie sich da einließen. Ihnen ging es wohl nur darum, "nicht blöd vor den anderen auszusehen", wie einer von ihnen später der Polizei sagte. Also folgten sie den Anrufen brav. Augen zu und durch.

Das Startsignal für den Überfall um 14.08 Uhr könnten dann zwei Mitglieder einer kurdisch-libanesischen Großfamilie gegeben haben, die bei dem Pokerturnier mitspielten - einer von ihnen übrigens am selben Tisch wie die "Feuchtgebiete"-Autorin Charlotte Roche. Ein Informant sagte den Ermittlern, die Betreffenden hätten die Sicherheitsleute in dem Luxushotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz als "Weicheier" eingestuft, die man nur zu erschrecken brauche.

Und so sah dann auch der Plan der phantasielosen Vier aus: reinstürmen, brüllen, mit einer Machete und einer Schreckschusswaffe wedeln und den Tresor ausräumen. Jeder von ihnen bekam eine Sturmhaube und schwarze Handschuhe, nur für Vedat S. blieben bloß gelbe Putzhandschuhe. Die aber seien ihm zu "peinlich" gewesen, sagte einer der mutmaßlichen Räuber später der Polizei - weshalb S. sie nicht angezogen habe - und prompt seine Fingerabdrücke am Tatort hinterließ.

Brüllend auf die Kasse zugestürmt

Nachdem sich die Räuber durch eine offen stehende Seitentür ins Hotel geschlichen hatten, Unverständliches schreiend auf die Kasse zustürmten und dann auf heftigen Widerstand der unbewaffneten Wachleute um den Ex-Polizisten Roman H., 36, stießen, gerieten sie in Panik. Zwei Männer rannten zunächst weg und rissen sich dabei trotz der Überwachungskameras die Masken vom Kopf. Dann kehrten sie um, weil sie ihren Kumpel Vedat S., den der Wachmann noch im Schwitzkasten hielt, befreien wollten.

Zuvor hatten zwei Täter schon das Geld aus der Kasse zusammengerafft. Nach den Schilderungen mehrerer Augenzeugen rissen die Männer die Scheine aus dem geöffneten Tresor und stopften 241.930 Euro in eine Laptoptasche, die sie zufällig gefunden hatten, und in ihre Jacken. An einen eigenen Beutel hatten die Möchtegerngangster nicht gedacht, weshalb der Großteil der Beute liegen blieb.

Immerhin verlief die Flucht - von einigen Orientierungsschwierigkeiten abgesehen - einigermaßen geordnet. Um die Ecke soll Ibrahim El-M. in einem Audi A 3 gewartet haben. Er selbst machte dazu bei der Polizei jedoch keine Angaben. Nach der Schilderung eines seiner mutmaßlichen Komplizen fuhr die Bande dann "mit normaler Geschwindigkeit" in eine Tiefgarage unter einem Hochhaus. Dort sei die Beute auf der Motorhaube des Wagens portioniert worden. Für die ominösen Tippgeber sollen mehrere zehntausend Euro einbehalten worden sein.

Milde Strafen?

Vedat S., an dessen Mercedes sich Zeugen erinnert hatten, stellte sich schon wenige Tage nach dem Raubüberfall - da waren ihm die Ermittler längst auf den Fersen. Ahmat El-A. schnappte die Polizei bei einer Routinekontrolle am U-Bahnhof Rosenthaler Platz. "Ich glaube, ihr sucht mich", soll er gesagt haben. Mustafa U. flog zunächst in die Türkei, kehrte aber sehr schnell nach Berlin zurück. Die Ermittler nahmen ihn gerne in Empfang, wie auch Jihad C., der am selben Tag aus Beirut in die Hauptstadt zurückgereist kam.

Der Prozess gegen das Quintett soll frühestens Mitte Juni beginnen. Bis auf den mutmaßlichen Drahtzieher Ibrahim El-M. könnten alle mit milden Strafen davonkommen. Das Verfahren wird aller Voraussicht nach vor einer Jugendstrafkammer stattfinden.

Nur von der Beute jedoch fehlt weiter jede Spur - bis auf 4000 Euro, die Mustafa U. zurückgezahlt hat.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Pappnasen
Ben Major 21.05.2010
Zitat von sysopSie wirkten martialisch - und waren doch nur dilettantisch. Der Überfall auf das Pokerturnier in Berlin im März war noch stümperhafter als bisher bekannt. Die Täter stürmten planlos in das Luxus-Hotel, machten eklatante Fehler, einer ließ aus Eitelkeit sogar die Handschuhe weg. Rekonstruktion eines Pseudo-Coups. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,695655,00.html
Das waren nur Wasserträger für eine der Neuköllner Gangster- Familien und da die richtigen Gangster also im Hintergrund geblieben sind, ist auch ein großer Teil des Geldes weg und wird auch nicht wiedergefunden. So dilettantisch war es also gar nicht.
2. Was ist der Sinn von diesem Artikel
marvinw 21.05.2010
---Zitat--- Sie wirkten martialisch - und waren doch nur dilettantisch. Der Überfall auf das Pokerturnier in Berlin im März war noch stümperhafter als bisher bekannt. ---Zitatende--- Dass man sich besser vorbereiten soll oder was?
3. -
gehacktes 21.05.2010
Zitat von marvinwDass man sich besser vorbereiten soll oder was?
Genau. Besser vorbereiten und unbedingt nochmal versuchen. Ist bestimmt für Viele gut zu wissen, dass auch bei schwerem Raub nach Jugendstrafrecht geurteilt wird ...
4. Ohne Titel
bogol 21.05.2010
Wie Ben Major schon sagte: aus der Sicht der Hintermänner war das ein voller Erfolg. Sie haben das Geld und müssen es nicht auch noch mit den verzichtbaren Fußsoldaten teilen. Der Dilletantismus liegt ganz auf Seiten des deutschen Staates. Die armen Kinderchen werden nach Jugendstrafrecht gerügt und die schwerkriminellen Strukturen im Hintergrund bleiben unagetastet. Wie gehabt.
5. Gott sei dank ...
Incubus6 21.05.2010
... können die Straftäter mit "milden Strafen" rechnen. Sonst wäre ja ihre gesamte Integration gefährdet. Warum geh ich eigentlich arbeiten?
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