Razzia in Berlin: Rocker wussten seit Monaten von drohendem Verbot

Von Thomas Heise

Neue Details zeigen: Die Berliner Rocker waren seit langem auf das drohende Vereinsverbot durch die Innenbehörde vorbereitet - und wappneten sich. Eine Rekonstruktion.

Polizisten bei der Razzia in Berlin: Die Rocker waren gut auf den Einsatz vorbereitet Zur Großansicht
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Polizisten bei der Razzia in Berlin: Die Rocker waren gut auf den Einsatz vorbereitet

Die von einem drohenden Vereinsverbot betroffenen Rocker der Hells Angels wussten noch früher als bisher bekannt von der Polizeirazzia am frühen Mittwochmorgen in Berlin. Bereits kurz nachdem Polizisten aus Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen für den Einsatz angefragt wurden, war den Rockern klar, dass es dem Berliner Innensenator jetzt mit dem Verbot Ernst ist.

Bereits Mitte April hatte ein Informant unter dem Siegel der Verschwiegenheit SPIEGEL TV gesagt, man werde "gewappnet sein, wenn es los geht". So würden Konten leergeräumt, Motorräder umgemeldet, Rechner weggebracht werden.

Um sicher zu gehen, dass der avisierte Termin am Mittwochmorgen dieser Woche nicht überraschend geändert wurde, stellten die Hells Angels Streifen ab, um die in Hotels untergebrachten Einsatzkräfte zu observieren. Die Rocker gingen bis zuletzt davon aus, dass zwei Chapter von den Vereinsverboten betroffen sein würden. Mehr aber auch nicht.

Die Rocker treten über

Pfingstmontag, kurz vor 16 Uhr, Vereinsheim des Chapters "Southside" der Bandidos in der Berliner Streustraße. Rocker der Hells Angels aus Berlin, Potsdam und Cottbus sowie 18 ehemalige Bandidos trudeln langsam in der kleinen Seitenstraße ein.

In den nächsten Stunden werden hier bis in den frühen Morgen hinein führende Rocker über ihre Taktik für den drohenden Polizeieinsatz beraten. Sowohl das Hells Angels Chapter der "Nomads" als auch die anwesenden Ex-Bandidos glauben, sie seien möglicherweise Ziel einer Razzia. Nur Hells Angels Präsident Kadir Padir ist "total egal, was passiert, er will das volle Programm", so schätzt einer, der dabei war, die Situation ein.

Doch erst mal geht es um einen besonderen Coup. Wochenlang hatten die Bandidos um Grischa Vowe, einem ihrer Wortführer, mit den Hells Angels um Kadir Padir verhandelt. Es ging um nichts Geringeres als den kollektiven Übertritt der einst so verfeindeten Rockergangs. Ein seltener Vorgang.

Es war ein lang vorbereiteter Plan. Die Bandidos sollen natürlich nicht zu dem vom Verbot betroffenen Chapter von Kadir Padir wechseln. Denn dann wären sie ja auch ganz schnell verboten. Daher kommt nur ein Übertritt zum "Hells Angels MC Potsdam" in Frage. Der Club in Brandenburg ist nicht verbotsgefährdet. Alles ist gut.

Gegen 16.30 Uhr taucht eine Hundertschaft der Polizei in der Streustraße auf. Die Beamten sind alarmiert, die Hells Angels sind in vollem Ornat im Revier der Bandidos aufgelaufen. Die Atmosphäre ist entspannt, von Gewalt keine Spur. 62 Rocker werden kontrolliert, es gibt keine besonderen Vorkommnisse.

Das war ein paar Wochen zuvor noch ganz anders. Da bekämpften sich beide Clubs bis aufs Blut. Mit Hieb- und Stichwaffen wurde mitten in Berlin aufeinander eingedroschen. Auf das Bandidos-Clubhaus in der Streustraße wurde ein Anschlag verübt. Möglicherweise sollten die Attacken auch nur den Wechseldruck erhöhen. Frei nach dem Motto: "Kommt zu uns und alles wird gut."

Die Nachricht der Vereinsauflösung geht auch an die Polizei

All das scheint an diesem Pfingstmontag vergessen. Die Hells Angels haben etwas mitgebracht: nigelnagelneue Kutten. Bei der feierlichen Übergabe werden die Ex-Bandidos mit ihrem Rufnamen nach vorne gebeten, bekommen die Rockerwesten mit dem rot-weißen Aufdruck "MC" übergeben. Dann werden 100 Hamburger geordert, und die Party beginnt.

Mit dem Wechsel nach Potsdam - und damit in ein anderes Bundesland - haben sich die Rocker auch der Zuständigkeit der Berliner Polizei und einem ihrer Meinung nach drohendem Vereinsverbot entzogen. Auf Seiten der Höllenengel ist auch Andre Sommer vor Ort. Sommer, ein muskelbepackter Ex-Hooligan des Ost-Berliner Fußballclubs Dynamo, ist Präsident der Hells Angels "Nomads".

Da sein Charter der "Nomads" auch von einem Verbot bedroht ist, hatten er und seine Getreuen schon lange beschlossen, dass man nach Brandenburg umzieht und die Vermögenswerte wegschafft. Kein Verein in Berlin - kein Verbot. Außerdem bedeutet der Name "Nomads" den Hells Angels sehr viel. Es gibt in jedem Land weltweit immer nur ein Chapter der "Nomads". Der Name sollte für Deutschland erhalten bleiben und nicht durch ein Verbot untergehen.

Auch Kadir Padirs Chapter sollte sich auflösen. Doch der 28-jährige Türke will an dem Pfingstmontag plötzlich nicht mehr. Erst im Laufe der Nacht soll es Andre Sommer gelungen sein, Padir zu überzeugen, doch mitzumachen.

Nachdem also auch die Hells Angels "Berlin City" mitziehen, wird der zuständige Pressesprecher Django Triller informiert. Triller gegenüber SPIEGEL TV: "Das war lange vor Veröffentlichung des Artikels bei SPIEGEL ONLINE, da bin ich ganz sicher." Um Padir Zeit zu geben "noch ein paar Dinge zu regeln", wird die Veröffentlichung der Auflösung von "Berlin City" auf den Nachmittag verlegt. Auch SPIEGEL TV hatte Wind von der Sache bekommen, durfte aber noch am Dienstag aus Gründen des Informantenschutzes die Nachricht nicht verwerten.

Kurz nachdem der Hells-Angels-Sprecher die Nachricht von der Auflösung des Padir-Chapters am Nachmittag per Internet verbreitet hatte, ging auch bei der Polizei ein Fax ein: Es war ein Screenshot der Internetseite "ride-free". Mit dürren Worten wurde die Auflösung der Hells Angels "Berlin City" gemeldet. Laut Polizeisprecher Redlich war nicht klar, woher das Fax kam. Nach SPIEGEL-TV-Informationen jedoch war es "An Heike Rudat", die für Rocker zuständige Dezernatsleiterin, adressiert. Absender: HMK Rechtsanwälte. Mit einer Berliner Telefonnummer, die zu einem Anwalt im Bezirk Tempelhof gehört. Kein Verein - kein Verbot, so die Lesart der Hells Angels.

Mehr über die Berliner Rockerszene sehen Sie am Sonntag im SPIEGEL TV Magazin ab 22.15 Uhr auf RTL.

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Angriff auf Bandido-Mitglied: Schüsse in Bottrop

Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.