Zum Tod des Mafia-Paten Provenzano "Er schießt wie ein Gott, hat das Hirn eines Huhns"

Einer der letzten großen Mafia-Paten ist tot: Bernardo Provenzano, das "Gespenst von Corleone", führte die Cosa Nostra jahrzehntelang aus dem Untergrund. Mit ihm geht die Ära der pseudoreligiösen Bosse zu Ende.

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Ein alter Mann an einem schäbigen Tisch. Vor ihm zwei Schreibmaschinen, die gute, alte Olivetti 32 und eine elektrische von Brother. "Mein allerliebster Schatz, ich habe deinen Brief erhalten und bin froh zu erfahren, dass es euch gut geht", schreibt der 73-Jährige an seine Freundin Saveria. Die beiden sehen sich selten, denn: Bernardo Provenzano, genannt Binnu, der Traktor, ist zu diesem Zeitpunkt seit 43 Jahren auf der Flucht.

Der "Boss der Bosse" versteckt sich auf einem Gehöft in Corleone, wo er am 31. Januar 1933 zur Welt kam. Ein Bett, eine winzige Kochnische, ein Ofen gegen die Kälte. Zwei Gebisse, zwei unter Steinen versteckte Pistolen. An der Eingangstür ist ein Sehschlitz angebracht, die Fenster sind mit blickdichten Planen verhüllt. Während die Welt dahinter mit Filmen und Büchern dem Mythos des eleganten und kaltblütigen Mafioso huldigt, sitzt Provenzano wie ein Mönch in seiner Zelle und liest die Bibel.

Es gibt keinen Computer und keine Handys in dem Unterschlupf. Der Capo ist vorsichtig. Er kommuniziert ausschließlich über "Pizzini" - kleine, eng beschriebene und bis auf Fingernagelgröße gefaltete Botschaften, in denen er seinen Adepten Anweisungen gibt und die Fäden der Organisation fest in der Hand hält. Oben links auf den Zettelchen sind Zahlen von 2 bis 164 vermerkt - das sind die Adressaten, die der Boss durchnummeriert hat.

Provenzano schreibt codiert, im freundlichen Ton des guten Christen. "Der Herr möge euch segnen und beschützen", ist eine seiner Lieblingsformeln. In dem Versteck wird die Polizei später 91 Heiligenbildchen sicherstellen, an den Wänden hängen Madonnen und Jesusdarstellungen. Gott war eine Größe im Leben des Mafioso. War sein religiöser Duktus geheuchelte Frömmigkeit? Oder Ausdruck eines fehlgeleiteten Selbstverständnisses als gottgleicher Hirte, der seine nach Führung dürstende Herde verirrter Schafe in Schach hält?

"Jemandem wehzutun hat mir nie gefallen und gefällt mir auch heute nicht", sagte Provenzano dem palermitanischen Staatsanwalt Antonio Ingroia, als dieser ihn im Mai 2012 im Gefängnis besuchte. Seine Gewalttaten sprechen eine andere Sprache. "Provenzano versteht sich als General einer Armee, die für das Gute kämpft, für die Familie Cosa Nostra - auch wenn er tötet", sagt der Psychologe Girolamo Lo Verso in dem Dokumentarfilm "Das Gespenst von Corleone" von Marco Amenta. Ein Mafioso empfinde sich selbst nie als Killer, sondern immer als Ehrenmann.

Sie nannten ihn "Traktor"

Provenzano war "Binnu, der Traktor", der walzenartige Killer, skrupelloser Stratege der Cosa Nostra und ihr unumstrittener Capo. Sein Italienisch war fehlerhaft und stark dialektal gefärbt. Tatsächlich hat er nie einen Hauptschulabschluss gemacht: "Er schießt wie ein Gott, aber er hat das Hirn eines Huhns", soll sein früher Förderer und Boss der Corleoneser, Luciano Liggio, einst gesagt haben.

Schießen konnte Binnu. Mindestens 50 Morde soll er begangen haben, in Abwesenheit wurde er dreimal zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Im Dezember 1969 stürmte er mit Komplizen in Polizeiuniform die Büroräume von Michele Cavataio in Palermo. Der Boss mit dem Spitznamen "Kobra" hatte den ersten großen Mafiakrieg angezettelt und sollte dafür sterben. Als Provenzanos Maschinenpistole eine Ladehemmung hat, zertrümmert er seinem Opfer erst mit dem Kolben den Schädel und legt dann mit einer Beretta noch einmal nach. Insgesamt sterben fünf Menschen.

Eigentlich weiß man nicht viel über den Mann aus Corleone. Dass er ganz wild war auf Chicorée und Honig. Dass er braune Lederschuhe trug, in die das Bild einer fliegenden Ente eingeprägt war. Dass er 1,68 Meter groß war und Blutgruppe A Rhesusfaktor positiv hatte, außerdem eine Narbe am Hals, eine unterm Bauchnabel und eine weitere an der Schulter. Dass er sich schon einmal als Geistlicher verkleidete, um unerkannt zu bleiben.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wie nähert man sich einem Mann, dem es gelang, knapp 43 Jahre lang unterzutauchen, im Nacken sämtliche Sicherheitskräfte und Anti-Mafia-Kämpfer des Landes, um dann, am 11. April 2006, nur zwei Kilometer von seinem Geburtsort Corleone entfernt, verhaftet zu werden? Kritische Ermittler und Mafiaexperten haben von jeher geargwöhnt, dass korrupte Beamte bei der geradezu notorisch erfolglosen Fahndung ihre Hand im Spiel gehabt haben müssen. Wurde Provenzano jedesmal gewarnt? War es Teil einer Abmachung zwischen Staat und Mafia, ihn im Untergrund gewähren zu lassen?

Als er den Fahndern endlich ins Netz geht, applaudieren ihm seine Fans am Straßenrand, während empörte Anti-Mafia-Kämpfer immer wieder "Bastard" oder "Bestie" rufen. "Ihr wisst nicht, was ihr tut", soll der Padrone bedeutungsschwanger bei seiner Festnahme gesagt haben. Die erfolgte genau einen Tag nach den Parlamentswahlen. Warum, ist unter Sizilianern mehr als eine Ahnung. Die Cosa Nostra soll eine Abmachung mit Silvio Berlusconis damaliger Partei Forza Italia gehabt haben. Wahlstimmen des Mafia-Fußvolks gegen "Zugeständnisse" der Politiker bei der Strafverfolgung. Berlusconis rechte Hand Marcello Dell'Utri, Mitbegründer der Forza Italia, wurde wegen Unterstützung einer mafiösen Vereinigung 2004 zu neun, in zweiter Instanz zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Eigentlich hätte Provenzano in dem historischen Prozess zum mutmaßliche Pakt zwischen Staat und Mafia aussagen sollen, der Ende Oktober 2012 begann. Doch mehrere Gutachter stuften ihn als nicht prozessfähig ein. Der Capo galt als der Strippenzieher des mutmaßlichen Vertrags, er wollte dem Krieg gegen den Staat, den sein Vorgänger Salvatore Riina begonnen hatte, ein Ende bereiten. Riina wurde 1993 verhaftet - bis heute hält sich das Gerücht, dass unter anderem Provenzano dafür gesorgt hat, dass er hinter Gittern verschwindet. 1995 und 1996 gingen die potenziellen Nachfolger Leoluca Bagarella und Giovanni Brusca ins Gefängnis.

Der Weg war frei für "Binnu, den Traktor". Um die ehrenwerte Gesellschaft zu retten und den Aderlass an Personal durch Verhaftungen und Zeugenaussagen von Abtrünnigen zu unterbinden, schob er einen Strategiewechsel an. Er machte Schluss mit Attentaten auf Staatsanwälte, Richter und Politiker, Blutbädern, die seit den Achtzigern geschätzt tausend Menschen das Leben gekostet hatten. Provenzano pfiff seine Leute zurück und verordnete maximale Diskretion.

Die große Last

Schon zu Lebzeiten schieden sich die Geister an dem Bauersohn aus Corleone, den die einen als grenzdebil und brutal, die anderen als hochintelligenten Taktiker beschrieben. Jahrzehntelang gab es genau zwei Fotos vom Capo di Capi - eins, das ihn in jungen Jahren mit akkurat gekämmter Tolle und schwarzer Krawatte zeigt, sowie ein Fahndungsfoto, auf dem er ein wenig zerzauster daherkommt. Ein von der Polizei später angefertigtes Phantombild ähnelt dem Boss nur entfernt.

Doch am Ende seines Lebens war Bernardo Provenzano für Freunde wie Feinde offenbar vor allem eins: eine große Last. Eine, die man endlich loswerden wollte. Zu groß sein Wissen um die Verbindungen von organisierter Kriminalität und Politik in Italien, zu bedrohlich die Wahrscheinlichkeit, dass der greise Mann aus Corleone auf den letzten Metern sein Gewissen erleichtern und plaudern könnte.

Die Vorsitzende der Europäischen Antimafiakommission, Sonia Alfano, hat Provenzano 2012 mehrmals im Gefängnis besucht, um ihn zu einer Kooperation mit der Justiz zu überreden. Alfano berichtete, sie sei knapp davor gewesen, sein Vertrauen zu gewinnen. Demnach soll der Capo Interesse an einer Aussage gezeigt haben, "allerdings nur, wenn meine beiden Söhne dabei nicht über die Klinge springen, lassen Sie mich mit ihnen reden und dann sei es Gottes Wille". Doch der Boss sei "neutralisiert" worden - man habe ihn gezwungen, seinen Mund zu halten, so Alfano. Wer genau Interesse daran haben könnte, sagte sie nicht.

"Die mögen mich hier nicht", soll er seinem Sohn via Gegensprechanlage im Knast besorgt anvertraut haben. Bereits 2010 diagnostizierten Ärzte eine Hepatitis C, Erinnerungslücken und ein Prostatakarzinom. Im März 2011 stellte man einen Blasentumor fest. Ende 2012 fiel Provenzano vorübergehend ins Koma, nachdem er im Gefängnis von Parma zum wiederholten Male gestürzt war. Im Mai 2012 überraschte ihn ein Justizvollzugsbeamter dabei, wie er sich gerade eine Plastiktüte über den Kopf zog. Ein Suizidversuch, sagten die einen. Eine Inszenierung, die anderen.

Wegen seiner schlechten Gesundheit wurde Provenzano 2014 unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen in ein Krankenhaus nach Mailand verlegt. Dort ist er nun im Alter von 83 Jahren gestorben.

Die nächste Generation von Bossen ist längst am Ruder. Und sie hält sich nicht auf mit moralisierenden Ratschlägen, wie Provenzano sie zu verteilen beliebte. Er schrieb in einem Pizzino an den Vertreter der Provinz Caltanissetta: "Ich bitte dich, immer ruhig und rechtschaffen zu sein, ehrlich und konsequent (...…) Glaub nicht allem, was man dir sagt, such immer nach der Wahrheit, bevor du redest (…...) Der Herr segne und beschütze euch."



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