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Düsseldorfer Bordelle: Willenlos im Whirlpool

Von und Simone Utler, Düsseldorf

In den Düsseldorfer Bordellen von Bert Wollersheim begannen die Nächte an der Bar. Für viele Freier endeten sie im Delirium und mit Kreditkartenabbuchungen über Tausende Euro. Die Männer sollen mit K.-o.-Tropfen betäubt worden sein. Immer mehr melden sich als Zeugen und berichten von üblen Machenschaften.

Skandal in Düsseldorfer Bordellen: K.o. nach dem ersten Drink? Fotos
Getty Images

Die Abende sind beschaulich geworden auf der unteren Hälfte der Düsseldorfer Rethelstraße. Die Leuchtreklamen und Lampen an den Häusern 73, 75 und 77 bleiben dunkel, die Taxischlangen sind verschwunden, und auch die Stretchlimousine blockiert nicht mehr die Straße. Seit die Nachtbars geschlossen sind, bekommen Nachbarn endlich problemlos Parkplätze.

Die drei Bordelle, die seit Jahrzehnten Besucher in dieses ansonsten bürgerliche Viertel lockten, sind seit Mitte Juli geschlossen. Das Ordnungsamt hat nach einer Razzia in den Etablissements wegen gravierender Vorwürfe gegen die Betreiber die Ausübung des Gewerbes untersagt. "Wir konnten nicht ausschließen, dass Kunden gefährdet werden, also mussten wir sofort handeln", sagt Behördenleiter Michael Zimmermann.

"Fürchtet euch nicht" steht in geschwungener Leuchtschrift auf dem Haus mit der Nummer 73. Blanker Hohn? Schließlich besteht der Verdacht, dass hier sowie in weiteren Etablissements derselben Eigentümer systematisch und im großen Stil Kunden ausgenommen wurden. Die Männer sollen mit Drogen willenlos oder sogar bewusstlos gemacht worden sein, dann sollen Tausende Euro von Kredit- und EC-Karten abgebucht worden sein.

Herr M. trifft vermutlich bereits angetrunken in der Rethelstraße 73 ein und ordert dort einen Cuba Libre. Blackout. Seine 1000 Euro Bargeld scheinen schnell aufgebraucht zu sein - bereits nach anderthalb Stunden erfolgt die erste Kartennutzung. Insgesamt werden mit seiner Kreditkarte und seiner Debitkarte 16.607 Euro abgebucht, weitere 32.120 Euro angefragt. An erbrachte Leistungen - jenseits des Cuba Libre - kann sich M. nicht erinnern.*

Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln insgesamt gegen 114 Personen, darunter die beiden Gesellschafter und eine Geschäftsführerin der PRD Pensionsbetriebe Rethelstraße GmbH, für das Tagesgeschäft zuständige Wirtschafter der Bordelle, mehrere Servicekräfte und zahlreiche Prostituierte. Die Liste der in Betracht kommenden Delikte ist lang: Verdacht des gewerbsmäßigen Raubes und Betruges mit rechtswidrig erlangten Kreditkarten, Untreue, illegaler Handel mit Kokain. Neun Verdächtige kamen nach den Razzien in Untersuchungshaft.

Bert Wollersheim, schriller Typ mit PR-Talent

Nur einer der Verdächtigen ist namentlich bekannt, Bert Wollersheim, 61, ein schriller Typ mit langen blondgefärbten Haaren, der meist Sonnenbrille trägt. Er ist einer der beiden Gesellschafter und das Aushängeschild der PRD GmbH. In Düsseldorf kennt ihn fast jeder. Seit der Doku-Soap "Die Wollersheims", in der die Vorbereitungen zur Hochzeit mit Gattin Sophia bestaunt werden konnten, und so mancher Homestory genießt er auch über die Stadtgrenzen hinaus eine gewisse Berühmtheit. Diese setzte er bei Messeveranstaltungen oder Partys in Discotheken ein, um neue Kunden zu gewinnen.

Wollersheim, der in Heimerzheim bei Bonn aufwuchs und bei seinem Vater eine Friseurlehre machte, zog mit 18 Jahren nach Düsseldorf und fand einen Job bei einem Promi-Friseur. Diverse "Unterweltgrößen" gehörten zu seinen Kunden und brachten ihn mit dem Rotlichtmilieu in Kontakt, in den siebziger Jahren eröffnete er sein erstes Bordell. In den neunziger Jahren saß Wollersheim eine Haftstrafe wegen erpresserischen Menschenraubs ab. Darüber sagte er 2005 in einem Interview, inzwischen wisse er, dass man Menschen nicht bedrohen oder unter Druck setzen dürfe.

Die Bordelle in der Rethelstraße waren viele Jahre eine Institution in Düsseldorf, standen sie doch in dem Ruf, ein luxuriöses Ambiente zu bieten und durchaus seriös zu sein, das Ordnungsamt hatte keinen Grund zur Beanstandung. Die Anwohner des Zoo-Viertels, einer gehobenen Wohngegend mit Design-Floristen, Buchläden und einer Tee-Boutique, gewöhnten sich an die Etablissements ebenso wie an die abendliche Parkplatzsuche.

Die Akquise erfolgte offen: Bei Messen erfragten Gäste aus aller Welt an den Infoständen die Adresse. Auch in renommierten Hotels und angesagten Clubs gingen die Damen auf Kundenfang. Unter den Gästen waren Prominente aus Wirtschaft, Politik, Fernsehen und Sport.

Beliebt: ausländische Messebesucher mit Gold- oder Platinkarten

Wer die Rethelstraße 73 bis 77 aufsuchte, musste zunächst 25 Euro Eintritt zahlen. Die weiteren Kosten variierten normalerweise zwischen 300 und 1000 Euro pro Stunde für ein Zimmer, Dame inklusive. Das erste Getränk war im Preis inbegriffen und wurde meist an der Bar eingenommen.

Die Ermittler gehen davon aus, dass schon dort eine Einschätzung der Kunden in punkto Liquidität und Alkoholisierungsgrad vorgenommen wurde. Besonders im Fokus: Messebesucher, gern aus dem Ausland, am besten mit Gold- oder Platinkarten. Wer finanziell besonders potent schien, soll als "Super Jackpot" oder "Bombenleger" eingestuft worden sein.

Der Schweizer C. trinkt zusammen mit drei Prostituierten einen Gin Tonic, wird dann in einen Nebenraum geleitet, in dem weitere Frauen sind. Filmriss. Am nächsten Tag gegen 10 Uhr wird er wach, fühlt sich "bizarr". Von seiner Mastercard, seiner American Express Card und seiner Bankcard wurden in 18 Transaktionen insgesamt 10.294 Euro abgebucht. Einem in der Schweiz durchgeführten Handschriftenvergleich zufolge sollen vier Unterschriften Fälschungen sein.*

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1. Die Bordell-Branche...
fatherted98 15.08.2012
...sollte sich endlich vom Schmuddel-Zuhälter Image abkehren und zum Dienstleistungszentrum mit transparenten Arbeits- und Kundenbedingungen umschwenken...vor allem weg von Rotlicht, Kriminalität, Drogen und Schlägern...der Umsatz würde sicher in kurzer Zeit verdoppelt.
2. zum Lachen ist das
Meckerliese 15.08.2012
Warum ist das ganze denn nicht schon früher aufgeflogen? Weil alle Herren sich nicht getraut haben Anzeige zu erstatten? Und das Fernsehen gibt diesem Zuhälter auch noch eine Plattform. So weit kann man es in Deutschland bringen mit einem Puff.
3. .
TS_Alien 15.08.2012
Rund um KO-Tropfen hat es schon Tote gegeben. Man sollte als Staatsanwaltschaft auch prüfen, ob es Vermisstenfälle gibt. Die Anzeige eines einzelnen Gastes bringt nichts. In diesen Kreisen gibt es immer Zeugen, die bei Bedarf das Gegenteil behaupten. Selbst einige Taxifahrer müssten vieles mitbekommen haben. Ein ohnmächtiger oder benommener Gast ist normalerweise ein seltener Fahrgast. Die Strafen werden wie so oft viel zu gering ausfallen. Denn in Deutschland werden Strafen nicht addiert (warum eigentlich nicht?). Insofern ist es egal, ob zehn oder hundert Gäste ausgeraubt worden sind. Dabei ist bereits ein betäupter und ausgeraubter Gast etwas, was mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft werden sollte.
4. .
frubi 15.08.2012
Zitat von MeckerlieseWarum ist das ganze denn nicht schon früher aufgeflogen? Weil alle Herren sich nicht getraut haben Anzeige zu erstatten? Und das Fernsehen gibt diesem Zuhälter auch noch eine Plattform. So weit kann man es in Deutschland bringen mit einem Puff.
Fragen Sie doch mal 100.000 Männer in Deutschland, ob Sie schon einmal im Puff und wie oft Sie im Puff bzw. bei einer Freudensdame waren. Sie bekommen selbst bei einer anonymen Umfrage derart niedrige Werte heraus, dass die ANzahl an Sexkontakten dazu in keinem Verhälltniss stehen. Wenn niemand eine Freudensdame besuchen würde, gäbe es deutlich weniger von eben jenen.
5. .
frubi 15.08.2012
Zitat von MeckerlieseWarum ist das ganze denn nicht schon früher aufgeflogen? Weil alle Herren sich nicht getraut haben Anzeige zu erstatten? Und das Fernsehen gibt diesem Zuhälter auch noch eine Plattform. So weit kann man es in Deutschland bringen mit einem Puff.
Fragen Sie doch mal 100.000 Männer in Deutschland, ob Sie schon einmal im Puff und wie oft Sie im Puff bzw. bei einer Freudensdame waren. Sie bekommen selbst bei einer anonymen Umfrage derart niedrige Werte heraus, dass die ANzahl an Sexkontakten dazu in keinem Verhälltniss stehen. Wenn niemand eine Freudensdame besuchen würde, gäbe es deutlich weniger von eben jenen.
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