"Engel mit Eisaugen": Mordprozess gegen Amanda Knox wird neu aufgerollt

Foto: REUTERS

Der Fall Amanda Knox geht in eine weitere Runde - das hat Italiens höchstes Berufungsgericht entschieden. Nach dem vorangegangenen Freispruch müssen sich der "Engel mit Eisaugen" und ihr Ex-Freund erneut wegen Mordes an der Britin Meredith Kercher verantworten.

Hamburg/Rom - Schuldspruch, Freispruch - und nun die nächste juristische Runde: Die US-Amerikanerin Amanda Knox, von Medien als "Engel mit Eisaugen" bezeichnet, muss sich wegen Mordes an der Britin Meredith Kercher erneut vor Gericht verantworten, ebenso wie ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito.

Der Oberste Kassationsgerichtshof in Rom hat entschieden, dass der Fall neu verhandelt werden muss. Knox und Sollecito waren in dem Fall zunächst verurteilt, dann aber freigesprochen worden. Dagegen hatten Kerchers Familie und die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt. Der neue Prozess soll nun vor einem Berufungsgericht in Florenz stattfinden.

Zu den genauen Gründen für die spektakuläre Wende im Fall Knox machte das Gericht in Rom zunächst keine Angaben. Eine umfangreiche Erklärung dazu soll allerdings folgen.

Anwälte der Opferfamilie ließen nach dem Urteil wissen, man habe nun, was man wolle. Es gebe "noch immer unbeantwortete Fragen, und wir suchen alle nach der Wahrheit", sagte Stephanie Kercher, die ältere Schwester des Opfers, dem britischen Sender Sky News. "Wir begrüßen die Entscheidung, dass ein neues Verfahren angeordnet wurde und glauben, dass es ein Schritt nach vorne ist, um einige dieser Fragen zu beantworten."


In einer ersten Stellungnahme sagte Knox, das Urteil des Gerichts sei "schmerzhaft" für sie. Die Vorwürfe gegen sie seien unbegründet und unfair. "Was immer auch passiert", sagte Knox, "meine Familie und ich werden diese juristische Schlacht so angehen, wie wir das immer getan haben: Erhobenen Hauptes gegen die falschen Anschuldigungen, und im Vertrauen darauf, dass die Wahrheit ans Licht kommt". Beim neuen Prozess seien eine objektive Untersuchung und eine fähige Staatsanwaltschaft nötig. Ob sie zu Verhandlungsterminen nach Italien kommt, ließ Knox offen.

Der Fall des "Engels mit Eisaugen" gehört zu den spektakulärsten Mordfällen der vergangenen Jahre. Unter anderem hatte es Vorwürfe gegeben, Knox sei in Haft psychisch und physisch misshandelt worden. Zur Verkündung des Urteils im Berufungsprozess waren 2011 mehr als 400 Reporter nach Perugia gekommen.

Völlig unklar ist noch, was die Neuauflage des Prozesses für Knox bedeutet. Inzwischen hält sie sich wieder in den USA auf - der italienische Staat kann sie nicht zwingen, für die Verhandlung zurückzukehren. Auch über die Folgen eines möglichen Schuldspruchs wird noch spekuliert. "Wenn sie in einem neuen Prozess verurteilt wird, könnte Italien ihre Auslieferung beantragen", hatte Knox' Anwalt Carlo Dalla Vedova im Vorfeld gesagt. Es läge dann im Ermessen der USA, ob Knox an Italien ausgeliefert wird.

16 Jahre Haft im Schnellverfahren

Knox und Sollecito waren im Dezember 2009 wegen Mordes an der 21-jährigen Britin Meredith Kercher verurteilt worden - Knox zu 26, Sollecito zu 25 Jahren Haft. Kercher war am 2. November 2007 vergewaltigt und mit durchschnittener Kehle in einer Wohnung in Perugia gefunden worden. Dort hatte sie gemeinsam mit Knox gewohnt.

Kerchers Körper wies zahlreiche Messerstiche und Verletzungen auf. Vor Knox und Sollecito war zudem der Ivorer Rudy Guede in einem Schnellverfahren zu 16 Jahren Haft verurteilt worden. Kerchers Familie hatte die Theorie von einer Einzeltat Guedes stets zurückgewiesen.

Mehr als vier Jahre lang saß Knox im Gefängnis, erst in Untersuchungshaft, dann aufgrund der Haftstrafe, die das Gericht in erster Instanz verhängt hatte. Doch der Fall ging in die Berufung - und erfuhr Anfang Oktober 2011 eine spektakuläre Wende. Knox und Sollecito wurden freigesprochen.

Angeklagte beteuerten immer ihre Unschuld

Das Urteil in der ersten Instanz sei nicht von Beweisen untermauert gewesen, hieß es damals: So sei die Tatwaffe niemals gefunden worden, DNA-Tests seien fehlerhaft gewesen. Zudem hätten weder Knox noch Sollecito ein Motiv für einen Mord gehabt. Nach dem Freispruch hatte es vor dem Gerichtssaal Tumulte gegeben. Knox' Unterstützer feierten das Urteil, während ihre Gegner ihr unterstellten, mit einer Medienkampagne Druck auf das Gericht ausgeübt zu haben.

Knox und Sollecito hatten stets ihre Unschuld beteuert. Sie gaben allerdings zu, in der Nacht von Kerchers Tod Marihuana geraucht zu haben. Dies habe ihre Erinnerung beeinträchtigt. Sollecito nahm nach dem Freispruch sein Informatikstudium wieder auf. Knox kehrte in die USA in ihre Heimatstadt Seattle zurück. Dort äußerte sie sich öffentlich zu dem Prozess. Sie dankte allen, "die an mich glaubten, mich verteidigten und meine Familie unterstützen".

ulz/rls/dpa/AP

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  • Dienstag, 26.03.2013 – 10:04 Uhr
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