Hinterbliebene von Beslan Marina Paks Rettung vor dem Wahnsinn

Marina Paks Tochter Swetlana ging auf die Schule von Beslan, als vor zehn Jahren ein Terrorkommando einfiel. Swetlana starb, insgesamt 334 Menschen kamen ums Leben. Die Mutter kämpft seitdem mit ihrer Verzweiflung - und hat doch einen neuen Lebenssinn gefunden.

Dmitry Belyakov

Von und Dmitrij Beljakow


"Alle, die meine Tochter gesehen haben in dieser verdammten Turnhalle, haben gesagt, dass sie direkt am Fenster gesessen hatte. Da, wo die meisten Bomben platziert waren... Dort war mehr frische Luft."
Marina Pak

Marina Pak hat ihre Tochter Swetlana am 1. September 2004 verloren, bei der Geiselnahme im südrussischen Beslan. Ein Terrorkommando überfiel die Schule Nummer eins in dem Städtchen, trieb rund tausend Menschen in die Turnhalle. Beslan liegt im unruhigen Nordkaukasus, wenige Kilometer entfernt von der Grenze zu Tschetschenien. Die Angreifer forderten den Rückzug aller russischen Truppen von dort, den Rücktritt von Präsident Wladimir Putin und die Freilassung inhaftierter Kampfgenossen.

Nie wurden mehr Kinder bei einem Terroranschlag umgebracht, es waren 186 von insgesamt 334 Opfern. Die Kämpfer verminten die Fenster, sie hängten Sprengsätze an die Basketballkörbe, unter denen die Geiseln saßen. Als die Behörden zwei Tage später die Gefangenen befreien wollten, mündete das in ein Blutbad. Die Sprengsätze detonierten, die Decke der Halle stürzte ein.

"Am 16. September haben sie mich überredet, in die Kühlwaggons zu gehen. Dort habe ich ein Mädchen mit meiner Sweta verwechselt. Ich dachte, es wäre ihr Ohrring, erkennen konnte man sie nicht mehr."
Marina Pak

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Geiselnahme in Beslan: "Es ist ein Glück, wieder Kinder lachen zu hören"
Swetlana wurde erst zwei Wochen später identifiziert, per DNA-Analyse in einer Leichenhalle im 600 Kilometer entfernten Rostow am Don. Sie war Marinas einziges Kind, der Vater hatte die Familie nach der Geburt verlassen.

"Sonst wäre der Moment des Wahnsinns gekommen"

Marina Pak hat mit anderen Hinterbliebenen beim Straßburger Menschenrechtsgerichtshof Klage eingereicht gegen Russlands Regierung. Die "Mütter von Beslan" geben den Behörden eine Mitschuld an der Tragödie. Niemand hatte den Lastwagen der Terroristen auf seiner Fahrt angehalten. Während des Geiseldramas arbeiteten gleich zwei Krisenstäbe in Beslan, aber der eine wusste kaum, was der andere tat. Der Sturm des Gebäudes endete in einem Desaster. Allein die Spezialeinheiten Wimpel und Alfa verloren fast ein Dutzend Mann, so viel wie bei keinem anderen Einsatz.

Die Entscheidung aus Straßburg steht aus. Die Richter könnten Moskau verurteilen, Entschädigungen festsetzen und den Angehörigen ein wenig Gerechtigkeit widerfahren lassen. Den Müttern ihre Kinder zurückgeben können sie nicht.

"Ich habe versucht, mich zu reinigen von Gedanken, die in meine Seele krochen. Schlechte Gedanken. Mir ist klar geworden, dass meine Rettung darin besteht, die in mir aufgestaute Mutterliebe irgendwohin zu lenken. Sonst wäre der Moment des Wahnsinns gekommen."
Marina Pak

Die Verzweiflung ist nicht gewichen. Sie wurde alltäglich. Viele der Mütter von Beslan beschlossen, dass sie ihr Leben mit noch etwas anderem als Gram füllen wollen. Einige haben versucht, erneut schwanger zu werden. Wer sein Kind in der Schule verloren hatte, bekam die Möglichkeit einer kostenlosen künstlichen Befruchtung.

Scharlatane spielten mit den Hoffnungen der Mütter

Andere fuhren in Kinderheime und suchten sich eine Waise aus. Dina Kargijewa etwa hat in Beslan eine Tochter verloren und später ein Mädchen adoptiert. "Vielleicht war das egoistisch, aber dieses Mädchen hat mich herausgezogen aus dem Loch", sagt sie. "Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, wieder an das Leben zu glauben."

Marina Pak hat in einem Kultur-Zentrum für Kinder gearbeitet. Unter den ihnen, mit denen sie dort oft zu tun hatte, war ein Mädchen, das sie sehr an ihre Swetlana erinnerte. Ihr Name war Emilia. Manchmal ließ Marina sie Kleider anziehen, die früher ihre Tochter getragen hatte.

Emilias Mutter kam bei der Geiselnahme ums Leben. Vater Alan war Arzt im Krankenhaus, ein junger Witwer. Zwei Jahre nach der Geiselnahme heiratete er Marina, die Zeitungen berichteten von der Hochzeit: "Im Leid finden die Menschen Stütze beieinander. Und werden sogar zu einer Familie", stand da.

"Wissen, dass all das nicht umsonst gewesen ist"

Die Ehe scheiterte nach nicht einmal drei Jahren. "Ich war bereit, als Mutter in dieses Haus zu ziehen", sagt Marina heute. "Als Frau war ich es nicht."

Marina blieb drei Jahre lang allein. Eines Abends im Dezember 2012 sah sie fern. Es ging um ein Kinderheim in Astrachan, die Stadt an der Wolgamündung liegt 450 Kilometer von Beslan entfernt. Die Kamera schwenkte auch auf einen kleinen Waisenjungen, er hatte koreanische Wurzeln wie Marina Pak.

Am nächsten Morgen fuhr sie los nach Astrachan. Aber auch in Russland kann man nicht in ein Heim gehen und erwarten, sich einfach ein Kind aussuchen zu können. Marina wurde abgewiesen, nicht einmal einen Fuß durfte sie in das Kinderheim setzen. Aber in der Adoptionsbehörde half ihr jemand. German heiße der Junge, er sei fünf Jahre alt.

Es dauerte eine Weile, eine Adoption bedeutet in Russland viel Papierkram. Nach ein paar Monaten aber holte Marina German im Heim ab. Sie habe damals "nichts gefühlt und nichts verstanden", sagt Marina heute. Sie habe nur gewusst, dass sie German nicht zurücklassen dürfe in dem Heim. Auf der Fahrt nach Beslan schlief er auf ihren Knien.

Jeder Mensch habe seine Bestimmung, sagt Marina. Ihre sei, Mutter zu sein. "Ich will alle Etappen des Lebens meines Kindes mit ihm durchleben", sagt sie. "Und dabei wissen, dass all das nicht umsonst gewesen ist."

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Geiselnahme in Beslan: Blutbad in der Turnhalle



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