Von Jörg Diehl
Berlin - Jacoby ist nervös, unsicher. Seine Stimme zittert, seine Hände suchen nach Halt, eilig gießt er dem Besucher Kaffee ein. "Milch?", fragt Jacoby. "Fettarm?" Er will einen guten Eindruck machen, nichts ist ihm jetzt wichtiger.
Männer wie Günther Jacoby* werden frenetisch gehasst, er weiß das. "Bestien" nennen die Boulevardmedien sie, "Monster" oder auch "Schweine". Politiker wollen sie "wegschließen und zwar für immer", und machte man eine Umfrage auf der Straße, wie der Staat mit Menschen wie Jacoby verfahren sollte, hörte man sicherlich noch weitaus drastischere Vorschläge.
Günther Jacoby, Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Hausfrau, geboren im Ruhrgebiet, hat acht Frauen vergewaltigt und drei von ihnen ermordet. Er quälte seine Opfer auf bestialische Art und Weise, er weidete sich an ihrer Angst, an ihrer Verzweiflung und Hilflosigkeit. "Das ist wie ein Rausch. Ich glaube, so fühlt sich ein Junkie, wenn er sich einen Schuss gesetzt hat. Du kannst alles, du bist alles", offenbarte der Serienkiller dem bekannten Kriminalisten Stephan Harbort.
"Ich fühle mich erkannt"
Jacoby, 49, sitzt in einem lichtdurchfluteten Besucherraum im Berliner Krankenhaus des Maßregelvollzugs, Linoleumboden, helle Holzmöbel, Panzerglasscheiben. Ein unauffälliger Typ, auf der Straße ginge man achtlos an ihm vorüber.
Das Erste, was ins Auge fällt, ist die Steppweste des VfL Bochum, die Jacoby trägt, obschon es in dem Zimmer sehr warm ist, das Zweite sind seine dicken Brillengläser, die seine blauen Augen zu vergrößern scheinen. Jacoby spricht mit hoher, belegter Stimme, die den Raucher verrät, sehr bedächtig, sehr deutlich, sehr betont, er schweigt lange, ehe er antwortet und tastet sich dann vor. Er ist angespannt und genießt doch die Aufmerksamkeit.
"100 Prozent tot. Das Phantom vom Grunewald" heißt das Buch, das der Kriminalist Harbort über Jacoby geschrieben hat - es ist sein siebtes zum Phänomen Serienmörder. Mehr als 40 Stunden lang sprach der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar dafür mit dem Täter, er studierte Ermittlungsakten, Urteile, psychologische Gutachten. Auf 310 Seiten zeichnete Harbort nach, wie aus dem überbehüteten Einzelkind ein brutaler Frauenmörder wurde. "Ich fühle mich erkannt", lobt Jacoby.
"100 Prozent tot"
Luisa*, 19, und Karoline*, 18, zwei Schülerinnen aus Norwegen, waren zu Besuch in Berlin, im März 1982. Sie waren jung und naiv und neugierig, sie setzten sich zu diesem Fremden ins Auto, der so nett mit ihnen geplaudert hatte und sie zu einer Pizzeria fuhr. Sie kauften sich etwas zu essen, sie stiegen wieder bei ihm ein, er sollte sie zurück zu ihren Klassenkameraden bringen, doch jetzt zückte er eine Pistole. Der Fremde war Günther Jacoby.
Er fuhr mit ihnen in den Grunewald, fesselte Luisa an einen Baum und missbrauchte Karoline. Er fesselte Karoline und sperrte sie in den Kofferraum seines Ford Escorts. Luisa floh, Jacoby schlug sie nieder, überfuhr sie mit dem Auto, wohl sieben-, achtmal, vor, zurück, vor, zurück. "Ich wollte einfach nur sichergehen, dass sie auch wirklich tot ist. 100 Prozent tot", sagte Jacoby später.
Jacoby raste zu seiner Wohnung, Karoline immer noch im Kofferraum. Er holte ein Beil, fuhr zurück Richtung Grunewald. Mehrmals hielt er an, folterte sein Opfer, berauschte sich an ihren Schmerzen und ihrer Todesangst. "Wenn sie sowieso sterben wird", dachte er sich in einer perversen Logik, "dann kannst du vorher mir ihr noch Einiges machen." Jacoby sah keinen Menschen in Karoline, spürte nicht, was sie anderen bedeutete, fühlte nicht den Wert ihres Lebens.
Er sah bloß ein Objekt, an dem er sich austoben konnte.
Wer tut so etwas?
Nach Stunden schließlich erdrosselte Jacoby Karoline, schlug ihr noch mit dem Beil die Kehle durch. Der Gerichtsmediziner stellte später eine Vielzahl von äußerlichen Verletzungen und Verbrennungen fest. Selbst die hartgesottenen Berliner Mordkommissionsermittler waren entsetzt. Wer tut so etwas? Und warum?
Die Leichen der Norwegerinnen wurden bald gefunden, doch nach mehr als zwei Jahren suchte die Polizei noch immer ihren Mörder und auch nach seinem Motiv. Letztlich war es der Täter selbst, der die Beamten auf seine Spur brachte, als er im Juni 1984 wieder zuschlug.
Jacoby sprach auf der Straße Johanna Kramer* an, lotste sie in eine Einkaufspassage und zückte wieder seine Pistole. Im Keller knebelte, fesselte und vergewaltigte er die 19-Jährige. Doch statt sie wie seine vorherigen Opfer zu töten, offenbarte er sich ihr, nannte seinen Namen und gab Details aus seinem Leben preis. Einen Tag später wurde er verhaftet.
"Hört sich fürchterlich an", sagt Jacoby, "aber ich habe bereut, sie am Leben gelassen zu haben. Sie wäre bis heute nicht entdeckt worden." Wenn es ihm schlecht gehe, mache er sich deswegen Vorwürfe, doch das seien nur "kurzzeitige Gedanken", es sei gut so, und eigentlich habe er seinem letzten Opfer auch nur deshalb so viel von sich preisgegeben und es nicht umgebracht, weil er gefasst werden wollte.
"Ich war nicht der Typ, der einfach zur Polizei geht."
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