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Polizeieinsatz bei türkischer Familie: "Sie führten ihn sofort ab"

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In einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz wird eine türkische Familie in ihrem Haus von zwei Männern überfallen. Doch statt nach den Tätern zu fahnden, sollen die herbeigerufenen Polizisten dem Vater Handschellen angelegt haben. Die Opfer sprechen von Fremdenfeindlichkeit bei den Beamten, die Behörden ermitteln.

Wie jeden Abend geht Selma Korkusuz, 39, am vergangenen Freitag kurz nach 21 Uhr an die Kellertür, außerhalb des Einfamilienhauses im Meisenweg 14. Sie will überprüfen, ob die Tür abgeschlossen ist, als sie zwei Männer auf dem Grundstück sieht.

Selma Korkusuz rennt die Treppe hoch, betritt das Haus und ruft ihren Ehemann Ali. Der wirft zunächst einen Blick aus dem Fenster. Betzdorf, eine Kleinstadt im Westerwald, liegt in der Dämmerung. Dann geht der fünffache Vater noch einmal durch den Wintergarten und tritt vor die Haustür, alles ist wie immer. Er dreht sich um, da zwängt sich ein Fremder hinter ihm in die Wohnung. Ali Korkusuz erschrickt. Es ist der Beginn eines Überfalls, für den es bislang nur die Familie als Zeugen gibt und der sie, die seit mehr als 40 Jahren in dem Ort in Rheinland-Pfalz lebt, schwer erschüttert hat.

Hüdayi Korkusuz, Bruder des Familienvaters und Radiologe an der Uniklinikum in Frankfurt am Main, hat die Aufgabe eines Sprechers übernommen. Er beschreibt den Einbruch, so wie ihn seine Verwandten ihm geschildert haben.

Zu dem Fremden, der sich hinter Ali Korkusuz ins Haus drängt, soll ein weiterer Unbekannter hinzugekommen sein, beide bewaffnet - mit einer Pistole und zwei Eisenstangen. Sie tragen Wollmützen und bedrohen das Ehepaar. Selma Korkusuz stürzt mit den Kindern in den hinteren Teil des Hauses, setzt einen Notruf ab.

"Wir sind die Polizei", hätten die Männer da gerufen und: "Ihr dreckigen Türken, verpisst euch von hier!" Ali Korkusuz schnappt sich zwei Küchenmesser, versucht, sich zu verteidigen. Zuvor hatte der 42-Jährige die Kamera seines Handys eingeschaltet, wollte den Überfall aufzeichnen, das Gerät fällt im Gerangel zu Boden. Zu sehen ist nicht viel. Knapp fünf Minuten zeichnet es das Geschrei der Korkusuz' und deren Kinder auf. Dann ist der Spuk vorbei. Die Unbekannten fliehen. Was sich genau abgespielt hat, können die Aufzeichnungen nicht belegen.

Fünf Stunden später kommt der Notarzt

Ali Korkusuz alarmiert die Polizei. Was sich nun zuträgt, empfindet die Familie wie einen zweiten Überfall. Die Beamten nehmen den Familienvater fest, legen ihm Handschellen an. "Sie gingen sofort von einem Streit in einer türkischen Familie aus, womöglich von häuslicher Gewalt und führten ihn ab", sagt Hüdayi Korkusuz und spricht von "institutionalisiertem Rassismus".

Auf der Wache sei sein Bruder gezwungen worden, ohne rechtlichen Beistand auszusagen - drei Stunden lang. Die Beamten hätten sich nicht viel Mühe gegeben, zu verbergen, dass sie der Geschichte vom bewaffneten Überfall nicht viel Glauben schenkten.

Selma Korkusuz, die mit den eingeschüchterten Kindern im Alter von zwei bis neun Jahren zu Hause geblieben ist, verständigt ihren Schwager. Hüdayi Korkusuz eilt von Frankfurt am Main nach Betzdorf. Inzwischen hat der Mediziner Strafanzeige gegen die dortige Polizei gestellt. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Beamten. "Sie haben es unterlassen, eine notwendige notärztliche Versorgung der Kinder zu veranlassen."

Hüdayi Korkusuz ruft den Notarzt, als er in Betzdorf angekommen ist. Laut Einsatzprotokoll von 2.50 Uhr sitzen die Kinder allesamt still auf dem Sofa, zuvor hatte die Neunjährige hyperventiliert und kurzzeitig das Bewusstsein verloren, heißt es in dem Schreiben. Der Arzt diagnostiziert "Schock nach Trauma" und ordnet für alle Kinder psychologische Weiterbetreuung an. Ihr Onkel sagt, die Hilferufe aus dem Video stammten von den Kindern. "Sie schreien vor Todesangst."

Montag und Dienstag seien die Kinder weder in die Schule noch in den Kindergarten gegangen. Die Lehrer und Erzieherinnen seien informiert und würden den Kindern erhöhte Aufmerksamkeit zukommen lassen. Die Familie wohnte wenige Tage bei Verwandten. Ali Korkusuz ist Bauingenieur und hat in dieser Zeit eine Alarmanlage installiert, die das Haus, das einst seinen Eltern gehörte, sichern soll.

Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt. "Bei Eintreffen der Polizei konnten die männlichen Personen nicht mehr angetroffen werden, eingeleitete Fahndungsmaßnahmen blieben bisher ohne Erfolg", konstatiert Oberstaatsanwalt Harald Kruse. Es werde wegen "der von den Geschädigten angegebenen Bedrohung als auch im Zusammenhang mit dem Polizeieinsatz selbst" ermittelt. Eine neutrale Polizeidienststelle sei mit den Ermittlungen beauftragt worden, die der von Hüdayi Korkusuz aufgestellten Behauptung nachgehen werde, die beteiligten Polizeibeamten hätten aus fremdenfeindlichen Motiven unsachgemäß gehandelt. "Wir tun alles, um den Fall lückenlos zu dokumentieren", verspricht Kruse.

Norbert Skalski, Chef der Polizeiinspektion in Betzdorf, sagte der "Rhein-Zeitung": "Derzeit sehe ich keine Verfehlung auf unserer Seite." Er spricht von "viel Aufgeregtheit" auf der einen Seite und einem sachlichen Herangehen der Polizei auf der anderen Seite.

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