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Bewährungsstrafe für Nadja Benaissa: Zwiespältige Botschaft

Ein Kommentar von

Überzogen und hysterisch gingen Staatsanwaltschaft und Medien anfänglich mit dem Fall Benaissa um. Das Urteil gegen die Popsängerin zeigt nun, dass die Darmstädter Justiz zur Besonnenheit zurückgefunden hat. Und doch hat das Verfahren einen fatalen Nebeneffekt.

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Das Urteil gegen die ehemalige Popsängerin Nadja Benaissa - eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung - hinterlässt eine zwiespältige Botschaft.

Einerseits zeigt es, dass die Darmstädter Justiz wieder zu Mäßigung und Besonnenheit zurückgefunden hat. Bei der spektakulären Festnahme der Sängerin in der Nacht zu Ostersonntag vorigen Jahres in einem Frankfurter Nachtclub und der anschließenden Mitteilung über die Zahl der Intimpartner, mit denen Nadja Benaissa ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt habe, hatte die Behörde diese Attribute deutlich vermissen lassen.

Auch die Information über die HIV-Infektion der Sängerin und der Verdacht, sie habe fünf Jahre zuvor wissentlich einen Mann angesteckt, überschritt die Grenzen staatsanwaltlicher Mitteilungspflicht.

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Nadja Benaissa: Urteil gegen No-Angels-Sängerin
Der Festnahmegrund "Wiederholungsgefahr" verletzte nicht nur die Unschuldsvermutung, da sich die Untersuchungshaft auf die Prognose stützte, die Beschuldigte werde die angebliche Tat, die ihr noch gar nicht nachgewiesen war, wieder und wieder begehen. Die Festnahme war Teil eines Tribunals, auf dem eine junge Frau vorgeführt und die Justiz offenbar in ihrer wehrhaften Pracht präsentiert werden sollte.

Spätestens als die Medien tags darauf die Nachricht in die Welt posaunten, gab es in Deutschland wohl keinen einzigen Mann mehr, der vor Nadja Benaissa hätte zurückgehalten werden müssen.

Im Prozess vor dem Amtsgericht Darmstadt bemühten sich sämtliche Verfahrensbeteiligten redlich - der Frankfurter Strafverteidiger Oliver Wallasch ebenso wie Staatsanwalt Peter Liesenfeld, der Nebenklagevertreter Hans-Dieter Henkel aus Mainz wie der Vorsitzende Richter Dennis Wacker - den Fall mit Augenmaß und Zurückhaltung zu einem vernünftigen Ende zu bringen. Schaden war ja schon zur Genüge angerichtet worden.

Andererseits bestärkt das Urteil all jene, die das Problem Aids lieber verdrängen.

70.000 Menschen sind laut Deutscher Aids-Hilfe in Deutschland mit dem HI-Virus infiziert, ein Drittel der Betroffenen, so Schätzungen, zieht es jedoch vor, sich nicht testen zu lassen. Denn nur wer Gewissheit hat, steht in der Verantwortung, sich selbst mit der Krankheit auseinanderzusetzen - und eben gegebenenfalls auch andere einzuweihen.

Das Spektakel um den Fall Benaissa suggeriert nun, dass es unter Umständen besser ist, wenn niemand um eine HIV-Infektion weiß: der Betroffene nicht, seine Sexualpartner nicht und die Staatsanwaltschaft schon gar nicht.

Auch die Tatsache, dass der leichtfertige Partner, der mehr an sein Vergnügen denn an seine Gesundheit denkt, von der Justiz als "Opfer" behandelt wird, ist ein bedenkliches Signal, denn Verantwortung tragen beide, für sich und den anderen gleichermaßen.

Was zwei Menschen in Intimsituationen einvernehmlich miteinander tun, geht den Staatsanwalt nichts an. Nadja Benaissa hat vor dem Darmstädter Gericht ihre Bedrängnis und ihre Ängste geschildert, die Zwänge, die auf sie ausgeübt wurden, die Infektion auf keinen Fall öffentlich zu machen, und die vielfältigen Interessen anderer, denen sie sich als noch kaum Erwachsene beugen musste oder gebeugt hat. Sie hat zugegeben, viele Fehler im Umgang mit der auch sie schockierenden Krankheit gemacht zu haben und sie bereue unendlich, dass ein Mann angesteckt worden sei. Eigentlich ist sie mit all dem gestraft genug für ihr Leben. Einer Strafe durch die Justiz hätte es nicht mehr bedurft.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 278 Beiträge
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1. dieses Urteil ist ein Skandal!
kzhbisdze 26.08.2010
wenn jemand durch sein Verhalten schuld daran trägt, daß die Lebenserwartung und - qualität eines anderen gemindert wird, bekommt er 2 Jahre auf Bewährung. Wenn ein Herr Schreiber Steuern hinterzieht 8 Jahre? Wo bitte ist da die Relation? Welches ist das höhere Gut: Leben oder Geld? Offentsichtlich ist diese Frage staatlicherseits schon lange beantwortet...
2. Ungeschriebenes Gesetz
Nulli, 26.08.2010
In Deutschland gibt es anscheinend das ungeschriebene Gesetz, dass Promis praktisch nie ins Gefängnis müssen, während ein Normalbürger natürlich eingesessen hätte. Traurig nur, dass auch der Spiegel auf dieser Wellenlänge ist. 1 Jahr ohne Bewährung wäre durchaus eine angemessene Strafe. Schließlich müssen wegen Frau Benaissa möglicherweise mehrere Menschen sterben.
3. Pietätlos in jeder Hinsicht
fredlieb 26.08.2010
Der Kommentar von Frau Friedrichsen trifft es auf den Punkt: Was zwei Menschen im Schlafzimmer machen, geht die Öffentlichkeit nichts an. Und wenn der Mann zu blöde oder zu geil ist - wahrscheinlich bewirkte in dem Augenblick das eine das andere -, dann ist das eben auch sein Pech. Dass man sich bei ungeschütztem GV mit AIDS identifizieren kann, weiß doch heute jedes Kind. Und die Ex-No-Angels Sängerin ist ja nun wirklich schon gestraft genug, sei es wegen ihrer Krankheit, sei es wg. des unglaublichen Pietätsverlustes bei Staatsanwaltschaft und Medien.
4. Das Urteil ist ein Witz
rw_col 26.08.2010
Das Urteil ist mehr als ein Skandal und abseits jeder Relation - wir sprechen hier von wissentlicher Ansteckung mit einer noch immer tödlichen Krankheit. Das ist mir unverständlich, wie man dann so urteilen kann - ich bin mir sicher, dass das Urteil deutlich anders ausgefallen wäre, wenn ein Mann diese abscheuliche Tat (und nichts anderes ist es) begangen hätte. Ich verweise hier auf die zum Teil heftigsten Strafforderungen und auch Urteile bei sonstigen Gewaltdelikten oder Vergewaltigungen.
5. @Frau Friedrichsen: Verantwortung
hman2 26.08.2010
---Zitat--- Denn nur wer Gewissheit hat, steht in der Verantwortung, sich selbst mit der Krankheit auseinander zu setzen - und eben gegebenenfalls auch andere einzuweihen. ---Zitatende--- Eine geradezu verwegene Behauptung. Vor dieser Verantwortung stehen wir alle. Und nun besteht die Gefahr, dass die Reaktion einiger lauten wird "scheissegal, mir passiert eh nichts". Die Bewährungsstrafe wird in der Bevölkerung als Quasi-Freispruch angesehen.
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