BGH-Urteil in Sadisten-Fall Der Todesflüsterer

Ein sadistisch veranlagter Mann macht sich an suizidgefährdete Frauen heran: Eine 23-Jährige will er selbst erhängen. Die Polizei verhindert das - kann der Mann trotzdem bestraft werden?

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Von , Karlsruhe


Es ist ein Fall ohne Präzedenz, jedenfalls in der höchstrichterlichen Rechtsprechung in Deutschland: Ein perverser, sadistisch veranlagter Mann vereinbart mit einer psychisch kranken Frau, sie umzubringen. Bevor er die Tat ausführen oder auch nur mit deren Ausführung beginnen kann, wird er verhaftet. Das Landgericht Gießen verurteilt ihn zu sieben Jahren Haft, wegen des Bereiterklärens zu einem Verbrechen. Zu Recht?

Ja, hat nun der zweite Senat des Bundesgerichtshofs (BGH) entschieden. So selbstverständlich ist diese Antwort aber nicht. Denn strafbar ist normalerweise nur die vollendete Tat, bei Verbrechen auch der Versuch. Ausnahmsweise steht auch das bloße Vorbereiten einer Tat unter Strafe.

So wird nach Paragraf 30 des Strafgesetzbuches auch jemand bestraft, der "sich bereit erklärt", einen Mord oder ein anderes Verbrechen zu begehen, ohne dass er zu der Tat bereits angesetzt haben muss. Doch gilt das auch dann, wenn sich der Täter nur dem Opfer gegenüber zu der Tat bereit erklärte - und das Opfer getötet werden wollte? In dieser Konstellation liegt die Besonderheit dieses Falls, der eine längere Vorgeschichte hat.

Suizid per Chat verfolgt

Der inzwischen 59-jährige Familienvater Brunhold S. hat seine sexuellen Lust an Szenarien, in denen sich Frauen erhängen oder erhängt werden, seit Jahrzehnten ausgelebt. Schon zuvor war er deshalb verurteilt worden, etwa wegen Vergewaltigung, als ein Rollenspiel mit einer Prostituierten eskalierte, das eine Scheinerhängung zum Gegenstand hatte.

Auch Verurteilungen wegen Nötigung und gefährlicher Körperverletzung finden sich in seinem Vorstrafenregister. Ihm war polizeilich verboten, den Straßenstrich zu betreten und dort nach Opfern zu suchen. Auch deshalb bewegte sich S. offenbar zunehmend in Selbsthilfeforen suizidgefährdeter Menschen. Dabei lernt er eine 23-jährige Frau aus Bremen kennen, die er Anfang 2016 schließlich in einem Chat in den Tod trieb: Während er mit ihr chattete und sie anstachelte, erhängte sie sich.

Die Staatsanwaltschaft Bremen stellte laut "Bild"-Zeitung ein Ermittlungsverfahren ein, da "Beihilfe oder Anstiftung zum Selbstmord nicht strafbar ist" und - schon wegen der räumlichen Trennung - "davon ausgegangen werden" könne, dass die junge Frau "sich selbst das Leben genommen hat".

Bald darauf lernte S., Pseudonym "Heimu", im selben Forum eine 23-jährige, schwer depressive Frau aus Leipzig kennen. Auch bei ihr gerierte er sich erst als guter Zuhörer, lenkte dann aber die Gespräche in die Richtung seiner Fantasien, suggerierte ihr, sie könne schmerzlos sterben, wenn sie sich von ihm töten lasse.

Die Leipzigerin war erst zögerlich, ging dann aber auf ihn ein. Auch als sie sich in ein psychiatrisches Krankenhaus begab, ließ er nicht locker. Er gab ihr Tipps, wie sie den Ärzten vorgaukeln könne, dass sie psychisch stabil ist, um die Klinik verlassen zu können.

Die junge Frau tat wie geheißen - offenbar auch, weil sie inzwischen von dem Fall aus Bremen gehört hatte, und nach Internetrecherchen und Zeitungslektüre den Verdacht hegte, dass "Heimu" derjenige ist, der die Bremer Frau in den Tod getrieben hat. Sie hoffte offenbar, dass sie ihrem Tod einen Sinn geben könnte, wenn dadurch "Heimu" überführt werde.

Kurzfristig bat sie ihn um ein Treffen, am frühen Vormittag des 29. April 2016 holte er sie am Gießener Hauptbahnhof ab. In seinem Auto hatte er Abschleppseile, teils bereits zu einer Schlinge geknotet, und Kabelbinder. Sein Plan sah laut Urteil vor, mit ihr in den Wald zu fahren, sie dort zu entkleiden, zu fesseln, und dann zu erhängen. Doch dazu kam es nicht.

Bevor er mit ihr losfahren konnte, wurde er von der Polizei festgenommen. Denn die Frau stand zeitgleich auch mit einem RTL-Reporter in Verbindung, der "Heimu" im Internet verdeckt auf der Spur war. Als sie dem Reporter von dem Treffen mit "Heimu" erzählte, rief dieser die Polizei.

Das Landgericht Gießen hatte im Januar 2017 keine Zweifel, dass S. vorhatte, die Frau zu töten. Gegenüber dem Suizid der Bremer Frau, den er im Internet-Chat live miterlebte, sollte "das Selbstausführen" für S. "die nächste Steigerung sein", erklärte die Vorsitzende Richterin damals laut "Gießener Anzeiger".

"Zur Befriedigung sexueller Lust zu töten"

Dieses Urteil hat der Bundesgerichtshof nun bestätigt. Das Landgericht habe "schlüssig dargelegt", welche Beweismittel zu der richterlichen Überzeugung führten, dass S. es damit ernst meinte, die Frau "zur Befriedigung sexueller Lust zu töten".

Auch die Besonderheit des Falls, dass S. sich "gerade gegenüber dem Verbrechensopfer zur Tatausführung bereit erklärt" habe, ändere daran nichts, erklärte der Vorsitzende des 2. Strafsenats, Jürgen Schäfer, in seiner Urteilsbegründung.

Auch ein solcher Fall sei vom Wortlaut und dem Sinn und Zweck der gesetzlichen Vorschrift umfasst, die gerade unter Strafe stellen solle, dass der Täter bei jemand "im Wort" stehe, und sich von einer solchen Bindung schwerer lösen könne, als wenn er eine Tat für sich allein plane. Auch "die Einwilligung" der Frau zu dem Mord, so Schäfer, sei "unbeachtlich", da hier "eine psychische Störung" des Opfers dafür maßgeblich gewesen sei. Das Gießener Urteil ist damit rechtskräftig.

Allerdings drohen S. nun noch weitere Verfahren. In Nürnberg wurde vor Kurzem ebenfalls Haftbefehl gegen ihn erlassen - offenbar, weil man dort fürchtete, das Urteil des BGH könne zu seinen Gunsten ausfallen, und er könnte freikommen. Die Nürnberger Staatsanwaltschaft wirft ihm sogar einen versuchten Mord vor, ebenfalls an einer psychisch labilen Frau. Sein Strafverteidiger Ramazan Schmidt befürchtet, auch das Bremer Ermittlungsverfahren könnte nun wieder aufgenommen werden. Sein Mandant habe eingeräumt, in dem Bremer Fall der Mann in dem Chat gewesen zu sein.

Bei einer weiteren Verurteilung dürfte S. auch Sicherungsverwahrung drohen. In dem Gießener Prozess hatte der zuständig Staatsanwalt S. prophezeit: Wenn man ihn in die Freiheit entließe, "Sie würden sich sofort an den Computer setzen und das nächste Opfer suchen".

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