Prozess gegen Giftmischer Quecksilber auf dem Pausenbrot

Klaus O. soll heimlich Pausenbrote seiner Arbeitskollegen vergiftet haben. Nun steht der 57-Jährige wegen versuchten Mordes in zehn Fällen vor Gericht. Der Staatsanwalt sagt: Er wollte seine Kollegen leiden sehen.

Angeklagter O.
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Angeklagter O.

Von Christian Parth, Bielefeld


In sich gekehrt hockt Klaus O. auf der Anklagebank. Von seinen schmalen Schultern fällt ein verwaschener blauer Pullover. Sein Gesicht ist ohne Regung, sein Blick auf den hellbraunen Holzboden des Saales im Bielefelder Landgericht geheftet. Ab und an richtet er seine Brille oder fährt sich mit der Hand über den Vollbart, der seit Beginn seiner U-Haft vor sechs Monaten auf seinen Wangen wuchert.

Die Staatsanwaltschaft wirft Klaus O. schier Unglaubliches vor. Der 57-Jährige soll über Jahre hinweg in seinem Haus Gift gemischt und damit die Pausenbrote seiner Kollegen bestreut haben.

Mit lauter Stimme verliest Staatsanwalt Veit Walter die Anklageschrift. Die angebliche Motivation für die mutmaßlichen Giftanschläge zwischen März 2015 und Mai 2018 lässt die Zuschauer erschaudern. Demnach ergötzte sich der zweifache Familienvater O. daran, wie bei seinen arglosen Opfern durch die Beimischung von Chemikalien wie Bleiacetat, Cadmium und Quecksilber ein langsames Siechtum einsetzte.

Es sei ihm auch darum gegangen, "zu sehen, wie seine Kollegen vor seinen Augen langsam an körperlichem Wohlbefinden einbüßen und aufgrund der Art der Vergiftung Schmerzen und Qualen erleiden", führt Staatsanwalt Walter aus. "Heimtückisch und grausam", sei O. vorgegangen. Der Angeklagte muss sich unter anderem wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung sowie wegen versuchten Mordes in zehn Fällen verantworten.

Dialyse, Wachkoma

Seinen ehemaligen Vorarbeiter soll O. fünfmal so schwer vergiftet haben, dass er wegen Blutarmut, Magenkrämpfen und Blutungen mehrfach stationär behandelt werden musste. Im März 2018 versagten schließlich seine Nieren. Inzwischen hängt der 56-Jährige dreimal pro Woche an der Dialyse.

Nick N., ein anderer Kollege, gerade mal 24 Jahre alt, leidet unter einem apallischen Syndrom. Sein Hirn ist schwer geschädigt. Er liegt im Haus seiner Eltern im Wachkoma, ohne Bewusstsein, Arme und Beine ohne Funktion, ein Pflegefall fürs Leben. Ihm soll O. im Sommer 2016 Quecksilber aufs Brot geschmiert haben, das Gift hatte er sich den Ermittlungen zufolge im Internet besorgt. Als N. ins Krankenhaus kam, standen die Ärzte vor einem Rätsel, denn Quecksilber-Vergiftungen sind in Deutschland eher selten. Die Medikamente mussten angeblich aus dem Ausland eingeflogen werden.

Der mutmaßliche Tatort ist der Pausenraum eines Armaturenherstellers mit 800 Mitarbeitern in Schloß Holte-Stukenbrock, einer Kleinstadt 20 Kilometer von Bielefeld entfernt. O. arbeitete dort als Schlosser in der Produktion, 38 Dienstjahre hatte er hinter sich. Er sei ein Einzelgänger, einer, der die Kollegen häufig nicht mal habe grüßen wollen und auf Fragen nach dem Befinden am liebsten ausgewichen sei, berichtet Nebenklageanwalt Ralph Niemeier, der Simon R. vertritt, einen der drei Geschädigten.

R. wird in diesem Verfahren der Schlüsselzeuge sein, denn auf seine Hinweise hin wurde O. im Mai 2018 festgenommen. Schon zwei Jahre zuvor stellte R. bei sich einen schleichenden Leistungsabfall fest. Das Gift, das ihm Klaus O. im Aufenthaltsraum auf Wurst- und Marmeladenbrote gestreut haben soll, griff allmählich seine Nieren an, die nach Angaben seines Anwalts irreparabel geschädigt sind.

Im Frühjahr dieses Jahres fielen dem 26 Jahre alten Zerspanungsmechaniker schließlich Verunreinigungen auf seinem Brotbelag auf. Fortan achtete er sorgfältig darauf, wie er morgens zu Hause sein Brot zubereitete. Doch wieder stellte er beim Auspacken der Stullen in der Pause seltsame Spuren fest. Er alarmierte Firmenleitung und Betriebsrat, die eine Installation einer Videokamera anordneten. Klaus O. flog auf.

"Wenn es je Heimtücke gegeben hat, dann in diesem Fall"

Den Ermittlungen zufolge wurde er mithilfe der Kamera dabei beobachtet, wie er die Tupperdose aus der Tasche seines Kollegen entwendete, aus einem Fläschchen eine Substanz auf das Pausenbrot streute und es wieder zurück in die Tasche packte. Kurz darauf schlug die Polizei zu, die Beamten nahmen ihn bei der Arbeit fest, in seiner Tasche fanden sie ein Fläschchen hochgiftiges Bleiacetat.

Sichtlich aufgewühlt verfolgt Simon R. die Verlesung der Anklage. Früher sei er ein großartiger Sportler gewesen, sei in einer Mannschaft Marathon gelaufen, heute halte er keine zwei Kilometer mehr durch, sagt Anwalt Niemeier. Sein Mandant, der am nächsten Verhandlungstag aussagen soll, sei nicht nur körperlich, sondern auch psychisch schwer angeschlagen. "Die Frage, warum sein Kollege das getan hat, zermürbt ihn." Die Arbeit sei ein geschützter Raum, mit so etwas könne keiner rechnen. "Wenn es je Heimtücke gegeben hat, dann in diesem Fall."

Die Mordkommission warf bei ihren Ermittlungen auch einen genauen Blick in die Historie der Todes- und Krankheitsfälle der Firma in Ostwestfalen und machte 21 weitere Verdachtsfälle aus. Wie viele Menschen O. möglicherweise vergiftet oder sogar getötet hat, wird sich vermutlich nie klären lassen. Bislang hat Klaus O. geschwiegen. Auch eine Aussage vor Gericht gilt als unwahrscheinlich.

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