Schuldspruch gegen Bill Cosby Der erste Sieg der #MeToo-Ära

Bill Cosby ist wegen sexueller Nötigung schuldig gesprochen worden. Der Prozess gegen den prominenten Schauspieler war ein Durchbruch. Doch zu viele andere Täter bleiben unbestraft.

Ein Kommentar von , Washington


Dreizehn Jahre, zwei Monate, eine Woche, zwei Tage. So lange brauchte die Gerechtigkeit. Von jenem Tag im Jahr 2005, als sich ein Staatsanwalt in Pennsylvania noch weigerte, Anklage gegen Bill Cosby zu erheben, bis zu jenem Tag, als ein Gericht den Entertainer jetzt rundum schuldig sprach.

"Guilty, guilty, guilty." Wie Hammerschläge hallte das Dreifachurteil gegen die gefallene TV-Ikone durch den Gerichtssaal in Norristown bei Philadelphia. Verlesen wurde es von einer Frau, der Sprecherin der Geschworenen. Es folgten hochemotionale Szenen. Zuschauer weinten und jubelten. Cosby war erst steinern, wie an fast allen Prozesstagen. Erst ganz zum Schluss überwältigten auch ihn die Gefühle, als er erkannte, nach allem Hin und Her, nach all den Klagen und Gegenklagen, dass das Spiel endgültig aus war. "Du Arschloch!", brüllte er den Staatsanwalt an, nachdem dieser gefordert hatte, Cosby nicht auf Kaution freizulassen.

Der mal reichste Entertainer der Welt personifizierte mit seiner "Cosby Show" einst gute, amerikanische Familienidylle. Nun personifiziert er - 80, greis, blind, schuldig - die Kehrseite dieser Idylle, ihre Illusion. Besser noch, die Abgründigkeit dieser Illusion: Amerikas Dad war in Wahrheit Amerikas Monster - einer, der über Jahrzehnte mehr als 50 Frauen missbraucht haben soll, doch nur in einem Fall, der nicht verjährt war, nun tatsächlich für schuldig befunden wurde.

Veränderung durch #MeToo-Bewegung

Im vergangenen Jahr platzte der erste Prozess gegen Cosby, weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten. Es ist der Staatsanwaltschaft zu verdanken, aber vor allem Andrea Constand, der einen Frau, die nicht aufgab in ihrem Kampf gegen Cosby, dass es dabei nicht blieb. Von ihrer ersten Strafanzeige an legte ihr das System Steine in den Weg.

Die #MeToo-Bewegung gab es beim ersten Cosby-Prozess noch nicht, sie begann im Oktober mit den Anschuldigungen gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein - und gewann erst an Fahrt, als die ganz großen Stars sich auf roten Teppichen dafür einsetzten und den Weg ebneten für die vielen Namenlosen. Eben auch für Cosbys Opfer, von denen im zweiten Prozess fünf weitere als Zeuginnen aussagten.

Cosby ist der erste Prominente, der in der #MeToo-Ära haftbar gemacht wird. Doch was heißt das? Nicht nur Andrea Constand, die Cosby im Januar 2004 missbraucht hatte, musste viel zu lange warten. Der erste verbriefte Vorwurf geht auf 1965 zurück, als Cosbys Karriere gerade begann. Das mutmaßliche Opfer, heute 75, schwieg bis 2005, als die Frau anonym für Constands erste Zivilklage aussagte. Die Gerechtigkeit kam erst über empörende Umwege, nach jahrzehntelanger, stiller Qual. Nicht alle überleben so etwas.

Zu viele Täter kommen unbestraft davon

Ein schlechter Nachgeschmack bleibt. Viele, zu viele mutmaßliche Täter kommen womöglich ohne Prozess davon. Auch und gerade die berühmten: Weinstein ist verstoßen und pleite, doch frei - obwohl ihm mindestens 85 Frauen oft identische Taten nach identischem Muster vorwerfen. Charlie Rose, der 17-fach beschuldigte CBS-Anchorman, plant angeblich sogar eine Comeback-Show, in der er andere Männer interviewt, denen es ähnlich erging. Matt Lauer von NBC ist nach Angaben eines Freundes "bereit, sein Leben neu zu starten". Und Donald Trump, der stolze Pussygrabscher, ist weiter Präsident.

Was haben sie alle gemeinsam? Sie sind weiße Männer. Für manche gilt Cosby, der mal erfolgreichste, reichste Schwarze der Nation, deshalb als Opferlamm, gemäß der düsteren Tradition der US-Justiz: Weiße kommen davon, Schwarze werden einkassiert. Auch wenn man nicht annehmen sollte, dass das im Hinterzimmer der Jury in Norristown eine Rolle gespielt hat.

Stattdessen wurde der Gerichtssaal zum Mikrokosmos einer Gesellschaft, die mit Vorwürfen sexueller Gewalt selbst heute noch nicht richtig umzugehen weiß. Alles drehte sich auch hier um Constands Glaubwürdigkeit: War sie nicht willig gewesen? Was hatte sie angehabt? Warum war sie nicht gleich zur Polizei gegangen? War sie eine "Goldgräberin" - also in einem Prozess nur auf Cosbys Geld aus? Widersprach sie sich? Die Verteidigung betrieb dazu kalkulierten Charaktermord, angeführt von Staranwalt Thomas Mesereau, der Michael Jackson noch 2005 aus einer ähnlichen Schlinge befreit hatte.

Diesmal klappte es nicht. "Den Frauen wurde endlich geglaubt", sagte die Anwältin Gloria Allred, die viele mutmaßliche Cosby-Opfer vertritt, vor dem Gericht. Diesmal. Aber das nächste Mal?

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Elrond 27.04.2018
1. Bravo!
Ich kann nur außerordentlich begrüßen, dass hier immer mehr ans Tageslicht kommt und die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Der Sumpf der ach so selbstgerechten und flüchtigen sexuellen Übergriffe gegenüber Frauen muss trockengelegt werden.
Indigo76 27.04.2018
2.
Die Überschrift dieses Artikels ist vielmehr ein Grund zum nachdenken, als ein Grund zum feiern. Wir haben seit me too erlebt, dass Menschen, die auch nur daran denken zugunsten eines Beschuldigten zu sprechen, öffentlich Rufselbstmord begehen. Auch ein Richter, auch eine Geschworenenjury kann sich da nicht herausziehen. Im ersten Verfahren gegen Bill Cosby hat man gesehen, dass es durchaus Zweifel am Tathergang geben kann. Heute schreit jeder panisch "schuldig", weil jede andere Aussage einen Shitstorm auslösen würde. Wie so oft wurde nur ein Extrem durch ein anderes ersetzt. Wenn ein Andres Türk oder ein Jörg Kachelmann heute vor Gericht stehen würde, würden die Urteilssprüche wohl anders aussehen. Und das, obwohl an der Grundlage der Fälle nichts anders wäre. In all diesen Fällen gab es niemals Beweise für die Schuld außer den Aussagen der Opfer. Heute würde jedoch niemand mehr wagen zu sagen, dass eine Aussage auch eine Lüge sein kann.
Elrond 27.04.2018
3. Im Fall Kachelmann war es eine Lüge lt. Gericht
Zitat von Indigo76Die Überschrift dieses Artikels ist vielmehr ein Grund zum nachdenken, als ein Grund zum feiern. Wir haben seit me too erlebt, dass Menschen, die auch nur daran denken zugunsten eines Beschuldigten zu sprechen, öffentlich Rufselbstmord begehen. Auch ein Richter, auch eine Geschworenenjury kann sich da nicht herausziehen. Im ersten Verfahren gegen Bill Cosby hat man gesehen, dass es durchaus Zweifel am Tathergang geben kann. Heute schreit jeder panisch "schuldig", weil jede andere Aussage einen Shitstorm auslösen würde. Wie so oft wurde nur ein Extrem durch ein anderes ersetzt. Wenn ein Andres Türk oder ein Jörg Kachelmann heute vor Gericht stehen würde, würden die Urteilssprüche wohl anders aussehen. Und das, obwohl an der Grundlage der Fälle nichts anders wäre. In all diesen Fällen gab es niemals Beweise für die Schuld außer den Aussagen der Opfer. Heute würde jedoch niemand mehr wagen zu sagen, dass eine Aussage auch eine Lüge sein kann.
und sie würde es auch heute sein. Wir können immer nur von Einzelfällen ausgehen, die zu einer Verurteilung führen oder auch nicht. Im Fall Cosby kam es zur Verurteilung. Aber Sie werden zugeben müssen, dass sexuelle Übergriffe etwas Systematisches an sich haben und eben auch so nebenbei erfolgen. Ein kurzer Klaps auf den Po, ein Griff in den Schritt oder an den Busen bis hin zu Vergewaltigungen. Ich weiß nicht, was Cosby getan hat, ich war nicht im Gerichtssaal, aber er wurde verurteilt, das zählt. Und es werden hoffentlich noch viele weitere Urteile gesprochen werden, um den Tätern das Handwerk zu legen. Es kommt nicht von ungefähr, dass speziell in der Filmbranche so viele Frauen endlich aufgestanden sind, um ihre Pein öffentlich zu machen. Ein mutiger, ein wichtiger Schritt, um diesen Dreck ans Tageslicht zu befördern.
bicyclerepairmen 27.04.2018
4. Das der jahrelange "Saubermann"...
ebenso jahrelang ein kaum zu ertragendes Ferkel war, steht wohl ausser Frage. Aber warum erwähnt der Spon Artikel nicht das Frau Constand aussergerichtlich 3.5 Million USD im Jahr 2006 von Cosby erhalten hat ? Erinnert mich so ein bisschen an die (kläglichen ) Entschuldigungsgeschenke an den jetzt an die Öffentlichkeit getretenes Kevin Spacey Opfer : " Oh, ich habe es nicht ertragen diese Luxusuhr zu behalten, deswegen habe ich sie sofort verkauft.."
sok1950 27.04.2018
5. wird nun jeder so lange angeklagt bis man einen willigen Richter
bzw. in Amerika willige Geschworene findet? Zitat: "Im vergangenen Jahr platzte der erste Prozess gegen Cosby, weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten." Es gab erhebliche Zweifel, und nur weil plötzlich andere Damen auf den Zug aufsprangen und "negatives" Leumund-Zeugnis abgaben wandelte sich dies. Aber die Fakten bleiben gleich. Persönlich konnte ich Cosby als Schauspieler noch nie etwas abgewinnen, aber zumindest eines ist ausgehebelt: Der juristische Grundsatz "Niemand darf wegen der gleichen Tat zweimal angeklagt werden." Der Trick, um diesen Grundsatz auszuhebeln bis man willige Richter/Geschworene findet hat mal wieder funktioniert.
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