Protokoll zu Missbrauchsvorwürfen Die andere Bill Cosby Show

In einem langen Bericht arbeitet die "New York Times" die sexuellen Verfehlungen von Bill Cosby auf. Sie will anhand eines Verhörprotokolls aufzeigen, warum der Komiker seine öffentlichen Unschuldsbeteuerungen nicht mehr aufrechterhalten kann.

Bill Cosby bei einem Auftritt 2011: Das Bild vom Vater der Nation ist zerstört
REUTERS

Bill Cosby bei einem Auftritt 2011: Das Bild vom Vater der Nation ist zerstört


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Als Fernsehvater hatte Bill Cosby in der gleichnamigen US-Sitcom das Image des Kümmerers. Diese Rolle des Übervaters nahm der Komiker mit in die reale Welt. Er wurde für US-Medien, für seine Fans und vor allem auch für sich selbst eine moralische Instanz. Dass er seit 1964 mit seiner Frau Camille verheiratet war, passte ins Bild.

Doch dieses Bild hat tiefe Risse bekommen. Bereits vor Jahren erhoben Frauen Missbrauchsvorwürfe gegen den Komiker. Im Hintergrund wurden Anwälte aktiv, Cosby beteuerte seine Unschuld, es wurde wieder ruhig. Doch vor einigen Monaten ist die Vergewaltigungsaffäre richtig ins Rollen gekommen. Dazu trugen die Aussagen mehrerer Frauen bei, aber auch Dokumente. Diese zeigen einen Bill Cosby, wie ihn die Öffentlichkeit nie sah.

Journalisten der "New York Times" haben sich nun durch ein fast tausendseitiges Dokument gearbeitet. Es sind zehn Jahre alte Gerichtsunterlagen, die eine Befragung von Cosby zu den Missbrauchsvorwürfen dokumentieren. Die Aufzeichnungen waren aber bis vor Kurzem nicht öffentlich bekannt.

Die Autoren geben detailliert wieder, wie Cosby sich einerseits als väterlicher Freund junger Frauen darstellt, der ihnen mit Ratschlägen zur Seite gestanden habe. An anderer Stelle schilderte er jedoch, wie er einer dieser Frauen vorm Sex ein Beruhigungsmittel verabreichte. Und zwischendurch erläuterte er, dass es in dieser Beziehung nie um Liebe gegangen sei. Cosby selbst zeichnete von sich das Bild eines Playboys, der genau wisse, was Frauen von ihm wollen.

Beruhigungsmittel, Geld und nette Worte

Für Journalisten und die Öffentlichkeit in den USA geht es wohl auch darum, sich vor Augen zu führen, welch krudes Selbstbild Cosby von sich zusammengezimmert hat, und darum, zu verstehen, warum dies jahreslang nicht hinterfragt wurde.

Das Protokoll, aus dem die "New York Times" zitiert, entstand bereits vor zehn Jahren. Der Entertainer wurde demnach damals in einem Hotel verhört. Cosby sagte in einem Verfahren aus, in dem es um Vorwürfe der früheren Universitätsangestellten Andrea Constand ging. Die Frau soll während der Befragung zeitweise anwesend gewesen sein. Sie hatte den heute 78-jährigen Fernsehstar beschuldigt, sie unter Drogen gesetzt und vergewaltigt zu haben. Cosby gab dem Bericht zufolge jedoch an, er sei Constands Mentor gewesen und habe sie daher zu sich nach Hause eingeladen, um mit ihr über ihre "persönliche Situation" und ihre Ausbildung zu sprechen.

Bei einem Treffen habe er ihr das Beruhigungsmittel Benadryl gegeben, weil sie unter Stress gestanden habe, räumte Cosby demnach ein. Anschließend sollen die beiden sexuellen Kontakt gehabt haben. Dieses Ereignis soll der Auslöser dafür gewesen sein, dass Constand danach zur Polizei ging.

Nach Angaben ihres Anwalts geht Constand davon aus, dass Cosby ihr ein deutlich stärkeres Medikament verabreichte. Geld habe sie nicht von Cosby gewollt. Dieser bezeichnete Constand laut dem Bericht während der Befragung als "Lügnerin". Aus seiner Sicht sei es mit Constand weniger um Sex als ums "Spielen" gegangen. Cosbys Aussage zufolge versuchte er sogar noch die Mutter der jungen Frau am Telefon davon zu überzeugen, dass alles einvernehmlich passiert sei. Constand und Cosby hatten sich 2006 außergerichtlich geeinigt.

Beruhigungsmittel wie Drinks verabreicht

In dem Verhör zu ihrem Fall ging es laut "NYT" aber auch um sexuelle Eskapaden mit weiteren Frauen. In einem Fall räumte Cosby demnach ein, er habe Geld gezahlt, damit die Frau über das sexuelle Verhältnis zu ihm schweigt. Das Geld sei über seinen Agenten geflossen, damit seine Ehefrau nichts mitbekam.

Das Dokument zeigt Cosby auch als einen Mann, der Einfühlsamkeit und Interesse vorspielt, um an Frauen heranzukommen. So habe er in einem Fall eingeräumt, er habe mit einem Model über die Krebserkrankung und den Tod ihres Vaters gesprochen, weil er mit der jungen Frau letztlich Sex haben wollte.

Cosby kam mit seinen Methoden offenbar jahrzehntelang durch. Er erzählte laut "NYT" bereitwillig, er habe in den Siebzigerjahren jungen Frauen das Beruhigungsmittel Quaaludes verabreicht - "etwa so, wie sie jemanden einen Drink geben". Aber die Frauen hätten stets gewusst, was sie da bekommen und was folgt, beteuerte er demnach. Als zu einem konkreten Fall nachgehakt wurde, ob die betroffene Frau wirklich Sex mit ihm wollte, antwortete er laut "NYT": "Ich weiß es nicht." Das Mittel soll er sich per Rezept besorgt haben - mit dem Vorwand, er habe Rückenschmerzen.

In den vergangenen Monaten hatten rund 30 Frauen Cosby sexuelle Vergehen bis hin zur Vergewaltigung vorgeworfen, die teils mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Der Schauspieler bestritt die Vorwürfe in der Öffentlichkeit vehement. Allerdings waren bereits kürzlich einzelne Aussagen aus dem nun durchforsteten Verhörprotokoll bekannt geworden.

Diese schriftlichen Aussagen und Cosbys öffentliche Statements passen nicht zusammen. Zuletzt distanzierte sich die Schauspielerin Whoopi Goldberg öffentlich von Cosby. Sogar US-Präsident Barack Obama schaltete sich in die Diskussion um den Komiker ein. "Wenn man einer Frau oder einem Mann eine Droge gibt und mit diesem Menschen Sex ohne dessen Einverständnis hat, ist das Vergewaltigung", sagte Obama. Kein zivilisiertes Land dürfe dies hinnehmen.

Zusammengefasst: Bisher unveröffentlichte Dokumente zeigen, dass Bill Cosby Frauen mit Medikamenten gefügig machte und gegen Geld Schweigen verlangte. Cosbys Aussagen vor Ermittlern widersprechen seinen öffentlichen Unschuldsbeteuerungen.

mmq

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