Reaktionen auf Anklage "Wenn ich an die Hölle glaubte, käme Bill Cosby dorthin"

Bill Cosby vor Gericht - dieses Bild entzweit Amerika. Die einen empfinden Genugtuung, dass der mutmaßliche Sex-Täter sich endlich verantworten muss. Andere können nicht fassen, was ihrem Idol vorgeworfen wird.


Ein gebrechlicher, alter Mann auf dem Weg zum Gericht. Ein Stock und eine graue Strickjacke, er wird gestützt von seinen Anwälten. Trotzig schüttelt er den Kopf, als die Reporter mit ihm reden wollen, auf dem Weg zur Eingangstür stolpert er über den Bordstein.

Das ist Bill Cosby Ende 2015, angeklagt wegen sexueller Nötigung. Ein gefallene Ikone. Nach dem Gerichtstermin am Mittwoch muss er zur Polizei in seinem Wohnort Cheltenham, am Rande von Philadelphia. Die Beamten nehmen seine Fingerabdrücke und fotografieren ihn. Draußen schreien die Leute "Schäm dich" und "Du bist ein Monster".

Der Fall Cosby versetzt Amerika in Aufruhr. Ob "New York Times", "Washington Post" oder CNN - zum Jahreswechsel gibt es in den Medien kaum ein anderes Thema als den abgestürzten Superstar. Die "New York Daily News" stellt auf ihrer Titelseite ein "Er sagt" gegen 55 "Sie sagt" - so viele Frauen werfen Cosby sexuelle Belästigung vor. Viele von ihnen seit Jahren.

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Klage gegen US-Star: Bill Cosby vor Gericht
Doch erst jetzt kommt es zu einem Prozess, in einem einzigen Fall: Es geht dabei um Vorkommnisse aus dem Jahr 2004. Cosby soll die damals 31-jährige Basketball-Trainerin Andrea Constand in sein Haus eingeladen, sie mit Wein und Tabletten gefügig gemacht und anschließend missbraucht haben. Cosby bestreitet nicht den Sex, sagt aber, er sei einvernehmlich gewesen.

Dass der Fall nun vor Gericht kommt, ist eine kleine Sensation. Bereits 2005 zeigte Constand Cosby an, die Ermittlungen dazu wurden allerdings eingestellt. Nun wird der Fall von einem neuen Staatsanwalt neu aufgerollt - kurz vor der zwölfjährigen Verjährungsfrist.

Ruf als moralische Autorität

Für die einen ist das eine Genugtuung. Sie hoffen, dass nun auch andere Frauen, die Cosby belästigt haben soll, vor Gericht aussagen und der Schauspieler dafür ins Gefängnis muss. Bis zu zehn Jahre Haft sind möglich.

"Wenn ich an die Hölle glauben würde, käme Bill Cosby dorthin", twitterte die Schauspielerin, Autorin und Feministin Lena Dunham. Und Starregisseur Judd Apatow schrieb: "Hoffentlich werden jetzt viele dieser Frauen ihre Geschichten vor Gericht erzählen, und die Leute, die ihn unterstützt haben, werden abgesetzt."

Im Internet haben bereits mehr als 7000 Menschen eine Petition an US-Präsident Barack Obama unterschrieben, wonach dieser Cosby die Freiheitsmedaille aberkennen soll, die George W. Bush ihm 2002 verliehen hatte.

Andere wollen nicht glauben, was ihrem Idol vorgeworfen wird, und wittern eine Kampagne gegen den Entertainer.

Cosbys Karriere ist einzigartig. 1965 spielte er als erster schwarzer Schauspieler eine Hauptrolle in einer Fernsehserie, in "I Spy". In den Achtzigerjahren wurde er als Dr. Cliff Huxtable in der "Bill Cosby Show" weltberühmt. Die Serie, die von 1984 bis 1992 lief, basierte auf Erlebnissen von Cosbys eigener Familie - und sie festigte seinen Ruf als moralische Autorität.

"Wenn Ronald Reagan der Opa Amerikas war, war Bill Cosby der Vater Amerikas", sagt Cosby-Biograf und Professor Michael Eric Dyson. "Millionen von Menschen schauten zu ihm auf."

Erste Anhörung am 14. Januar

Vor allem für die schwarze US-Bevölkerung war Cosby über Jahrzehnte eine wichtige Identifikationsfigur - auch wenn er sie immer wieder brüskierte. 2004 etwa warf er seinen schwarzen Landsleuten in den Armenvierteln vor, schlechte Eltern zu sein, weil sie zwar hunderte Dollar für Designerschuhe ausgäben, aber nichts in die Bildung ihrer Kinder investierten. In Anbetracht der moralischen Verfehlungen, die Cosby nun vorgeworfen würden, schmerzten seine Kommentare von damals umso mehr, erklärt Dyson.

"Das widerspricht unserer Vorstellung davon, wer Bill Cosby war", sagt auch James Peterson, Direktor für Africana Studies an der Lehigh University. "Die Leute dachten wirklich, dass Herr Cosby unangreifbar sei. Aber er war nicht Cliff Huxtable."

Cosby wurde inzwischen gegen eine Kaution von einer Million Dollar freigelassen. Er musste aber seinen Reisepass abgeben und kann das Land nicht mehr verlassen. Für den 14. Januar ist eine erste Anhörung geplant.

Je mehr in dem Fall ans Licht kommt, desto schwieriger dürfte es für die Cosby-Fans werden, den Glauben an ihr Idol aufrechtzuerhalten.

stk/AP



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